Lalah Hathaway – Made In Chicago: Zu Fuß zurück in die Straßen ihrer Kindheit

Mit „Made In Chicago“ kehrt Lalah Hathaway dorthin zurück, wo ihre Geschichte begann. Ihr Vater Donny Hathaway schrieb ab 1967 für Curtis Mayfields Label Curtom in der Stadt, und im Dezember 1968 kam dort seine erste Tochter zur Welt. Nun blickt die 57-Jährige zurück, obwohl sie seit 1990 fünf Grammy-prämierte Alben veröffentlicht hat. Gemeinsam mit ihrem Schreibpartner Phil Beaudreau, einem Produzenten und Trompeter, startet sie auf dem Block ihrer Familie.
Ausgangspunkt war ein Bild im Kopf: Lalah Hathaway im Ledermantel am Lake Michigan, die Skyline im Rücken, zwischen Nostalgie und Melancholie. Dazu gehören die Busfahrten zur Schule, bei denen sie ihren Walkman zwischen Stereo und Mono hin- und herschob, während Earth, Wind & Fire, Queen und Stevie Wonder in den Kopfhörern liefen. Hinzu kommt die 47th Street, wo Großvater Hosea wohnte und die Straßenlaternen sie mitaufzogen. Sonntags saß dort die ganze Familie am Tisch.
Lalah Hathaway Made In Chicago – Zwischen Poesie und Pathos: Die 47th Street
„47th Street“ eröffnet das Album mit sanftem Rhodes-Piano von Michael Aaberg und den Drums von Justin Tyson. Der Dichter J. Ivy rahmt den Song mit Spoken Word, erzählt von der Great Migration und von Zügen voller Hoffnung. Seine Reime sitzen, weil er sie mit Liebe vorträgt, auch wenn sie bisweilen nach Gedenkfeier klingen. Am Ende preist er Bronzeville als Ort, an dem Menschen aus dem Nichts etwas schufen.
Lalah fragt im ersten Vers den Asphalt, ob er sie noch kennt, und hört die Großmutter in der Hitze. Im zweiten Vers singt sie in enger Harmonie, man könne die Straßen besetzen, aber nicht vertreiben, was in ihr lebt. Das ist die stärkste Zeile des Songs. Doch nur wenige Schritte entfernt steckt die Parole vom Versprechen dessen, was sein kann, eine Zeile wie von der Schultoilettenwand. Harold Washington bleibt dabei eine Randnotiz, ehrenvoll erwähnt, aber beiläufig behandelt.
Rollschuhbahn und Fußmarsch: Rainbo und Every Little Thing
„Rainbo“ erinnert an die Rollschuhbahn an der North Clark Street, die seit 2003 Geschichte ist. Lalah fährt darin am Sonntag mit dem Bus zu ihrer Liebe, unter Schwarzlicht und bei pochendem Disco-Beat. Handclaps auf Zwei und Vier treiben das Stück an, und in den Strophen bleibt nur Eric „Pikfunk“ Smiths Bass mit seinen Oktavsprüngen. Der Refrain greift allerdings zu Motivationsparolen, während die Strophen mit konkreten Bildern überzeugen.
„Every Little Thing“ legt den Weg von der North Side über Bronzeville bis zur South Shore zu Fuß zurück. Die Trennungszeilen bleiben austauschbar, doch die Aufzählung der Viertel und Wahrzeichen zwischen Loop und Lakefront ist der stärkste Text des Stücks. Mittendrin improvisiert das Saxofon von MAE SUN zu Lalahs Ad-libs, sodass der Marsch fast zum Duett wird.
Leise Töne: Von Sehnsucht, Rauch und Swing
„Can’t Let Go“ lebt von einem schlichten Rhodes-Riff und Synthflächen von Aaberg, doch die Worte bleiben Standardformeln der Sehnsucht. Das Gefühl steckt im Gesang, weil Lalah und Beaudreau die Bridge mit Sax-Solo und ausgedehnter Improvisation aufladen. „Follow“ federt mit einer Kick auf jedem Schlag tanzbar, aber subtiler als vieles andere auf dem Album. „So Smart“ hat die besten Texte der drei.
„Someday“ lässt jemanden zu Hause zurück, während Lalah dem Wind entgegenfährt, begleitet von Fingerschnipsen und Handdrums. Das stärkste Bild gehört dem Refrain: Rauch, wo einst Feuer war. Bei „Time“ tickt eine Uhr, und Lalah hört die Stimme eines Menschen, der nur kurz weg sein wollte. Nach dem zweiten Refrain kippt die Ballade in schnellen Swing mit glühendem Sax-Solo über Walking Bass. Nicht jede Zeile zündet, doch Lalah Hathaway beansprucht Chicago mit Stimme, Erinnerung und langem Atem als ihr Zuhause.


