Konterbier und Kopfsteinpflasterfugenbemosung

Es war ein Mittwoch, das weiß ich ganz genau, weil ich damals als Angestellter immer am Mittwoch nach Feierabend zum Sport ging, man wird mit fest vorgegebenen Arbeitszeiten ja quasi zu einem Spießerleben gezwungen, macht mir für mein ehemaliges, durchstrukturiertes Bürokratendasein keinen Vorwurf, nicht meine Schuld. Auch an diesem Abend hatte ich vor, zum Sport zu gehen, wenn mich nicht um 13.00h bereits ein guter Freund angerufen hätte. Er hatte am Vormittag gekündigt. Einfach so, seinem Chef gesagt, er hätte keinen Bock mehr auf dieses gesamten Arschgeigengehabe, hat um Freistellung gebeten und ging. Auf den direkten Weg – in die Kneipe.

„Du bist am Trinken, jetzt schon, w… wieso denn? Und noch wichtiger: wo?“. Er erzählte mir Alles, auch, dass er in einer Einraumraucherkneipe sitzen würde, wo ihn Niemand kennt, direkt an der Bar, mit Holsten Edel und was für ein schönes Gefühl das gerade sei. Er lallte etwas, machte aber einen glücklichen Gesamteindruck und naja, auf ein Bierchen könnte ich ja nach Feierabend auch mal reinschauen. Ihr kennt das. Aus eins wird drei, aus drei acht und solche Abende enden niemals vor Mitternacht. An diesem Tag lernte ich Einraumraucherkneipen wirklich schätzen, habe selten ehrlichere Veranstaltungen gesehen. Hier stinken die Klamotten am nächsten Tag wenigstens noch nach in Altbierjauche getränkte Teerwürfel, hier sieht man das Geschehen schemenhafter als Informatikertreffen im lokalen Hammâm, hier kann man noch Mensch sein! Wie ich um 2.30h Nachts feststellen durfte: sogar ein sehr betrunkener Mensch.

Am nächsten Morgen dann wieder früh hoch, die Schicht rief wie Epidermen bei UVA-Schockbestrahlungen. Mit Restalkohol zur Arbeit geht niemals gut, auch wenn es sich zwischen 8.00-10.30h noch fast so anfühlt. Man leidet, merkt es aber nicht; weil man noch betrunken ist. Wenn sich der Alkohol dann aber so ab halb elf schlagartig aus dem Körper verabschiedet, ist Blümeranz noch ein Euphemismus – besonders an diesem Vormittag. Die Nerven lagen blank wie Ostdeutschland auf Rügen, beim einfachen Gedanken an Blut, Schweiß, Sperma, Fisch & Fuß lief mein Zungengrund sofort mit Erbrochenem voll. Vielleicht könnt Ihr es nachvollziehen, in meinem damaligen Job dachte ich sehr häufig an Blut, Schweiß, Sperma, Fisch & Fuß. Es half Alles nichts, ich brauchte ein Konterbier. Das erste Mal, dass ich im Dienst Alkohol trank, ich schämte mich jedoch nur so mittel, ganze Abteilungen machten tagsüber kaum Anderes.

Als ich gerade wieder etwas Gesichtsfarbe bekam, ersuchte mich mein damaliger Dings. Irgendein Vorgesetzer, weiß nicht mehr, die hatten alle so komische Titel. Er kam rein und erzählte Einen, was er oft machte. Themen wie differente Kopfsteinpflasterfugenbemosung je nach Bundesland waren interessanter als seine Monologe, klar. Aber immerhin musste man in der Zeit nicht so tun, als würde man arbeiten. Und gute Tips für Torrent-P0rn0seiten hatte er auch manchmal, wobei ich Emule immer doof fand. Mein Zustand verschlechterte sich mit jeder Silbe, glücklicherweise klingelte sein Telefon und er verschwand. Ich öffnete das Fenster, schloss die Bürotür und nippte in gebückter Haltung nochmal heimlich am Konterpils, mein Bürokollege lachte. Als er 10 Minuten später für seine tägliche Büro-Gossiprunde aufbrach, erschien mein Chef himself, frisch aus dem Surfurlaub zurück und braungebrannt.

Ein skurrille Situation, ich mit Neufahne und dem einzigen Gedanken, bloß irgendwie das Strahlvomitieren zu unterdrücken, was auch klappte – bis die Tür wenig später hinter ihm ins Schloss fiel. Ich erbrach mich in den Restmüllpapierkorb (Props nochmal an Songül, die das später unauffällig entsorgte!) und nahm mir dann den Nachmittag frei.

Kommentare

15 Antworten zu “Konterbier und Kopfsteinpflasterfugenbemosung”

  1. Nina Ratte via Facebook sagt:

    Na Danke, jetzt kann ich mich nochmal neu schminken, vor Lachen alles verlaufen und ich sehe aus wie Jokers Schwester. Bitte NIE mit diesen Texten aufhören!

  2. Sebastian Henke via Facebook sagt:

    Erinnert mich an die Zeit als wir pflogten das DiscoWochenende schon am Donnerstag einzuleiten … wobei ich regelmäßig den folgenden Freitag erfolgreich verdrang :)

  3. singhiozzo sagt:

    Kannste froh sein, dass du nicht so einen gelochten Papierkorb hast wie ich früher. Sonst wäre Songül sicher ein wenig aufgebracht gewesen bei der Beseitigung!

  4. wer saß denn da schon Mittags in der Kneipe?Wer macht denn sowas?

  5. Addliss sagt:

    Hättest du auch gleich mal gekündigt, bevor du in die Kneipe gegangen bist! :D

    Money quote für mich:

    Themen wie differente Kopfsteinpflasterfugenbemosung je nach Bundesland waren interessanter als seine Monologe, klar.

  6. denzel sagt:

    muss gerade irgendwie an blut, schweiß, sperma, fisch & fuß denken. ^^

  7. Lea sagt:

    Na dann mal Glückwunsch zum Neuen Leben. Nur eine Sache kann ich nicht glauben:

    „Und gute Tips für Torrent-P0rn0seiten hatte er auch manchmal“

    WER MACHT DENN SOWAS? Als Vorgesetzter? Only in Kiel, oder wie? ;o)

  8. Erdge Schoss sagt:

    Vorbildlich, werter Herr Winkelsen!
    Geben Sie auch Kurse für Anfänger?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  9. frau k. sagt:

    oh mein Gott, ich hab ja schon länger vermutet, dass mein JobDasein mich in eine Spießerin verwandeln könnte. Aber nun, schwarz auf weiss zu lesen, das auch andere BüroInsassen ihre nach Arbeitaktiväten auf den Mittwoch legen.. puh.. ich lass wenigstens noch den Sport weg und geh gleich in die Kneipe.. ;-)

  10. Tarek sagt:

    Beste!

  11. Lyric sagt:

    Endlich mal wieder eine Geschichte, vielen Dank! Aber wieso, lieber Herr Winkelsen, dachten Sie in Ihrem Ex-Job den oft an Sperma und Fisch – muss man das im Zusammenhang sehen?

  12. Perot sagt:

    War das so ’ne typische Herrengedeck-Kneipe? Kenn ich. Habe mir darin in meiner Taxi-Dude-Zeit fast immer ’ne Rauchvergiftung geholt.

    ad Facebook-Like-Button: Irgendwie ging das bei Dir bisher nur, wenn ich vorher bei Facebook eingeloggt war – jedenfalls meistens. Wenn nicht, habe ich Deinen URL in den Linter/Debugger eingegeben, und dieser Debugger hat dann den Like-Button extrahiert, auf welchen ich dann geklickt habe; dann ging es meistens. Jetzt extrahiert der Debugger nicht einmal mehr den Like-Button. Help! How will I like you, Dude?

  13. Rampe sagt:

    Dieses Gefühl im Büro ausnüchtern zu müssen gehört einfach verboten.

  14. n1Ls sagt:

    Habe mehrfach laut gelacht. Danke für den amüsanten Start in die Woche :)

  15. o80 sagt:

    genau das habe ich letzte woche gebracht. nie wieder, nie nie nie nie nieeee wieder saufen wenn am nächsten tag arbeit ansteht.

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