Konfirmandenfreizeit

Im Rahmen meiner Konfirmandenzeit wurde kurz vor dem Abschluss ebendieser ein Ausflug anberaumt. Ich blickte voller Vorfreude auf dieses Event, immerhin waren einige meiner besten Freunde und Schulkameraden mit mir zusammen im Kurs und endlich hätte ich auch mal die Gelegenheit, Birte etwas besser kennenzulernen. Birte war das Jahr zuvor sitzengeblieben und kam nun mit den rundesten, pfirsichfrischesten Brüsten, die ich bis dato sah, in meine Klasse. Außerdem planten wir einen kleinen Umtrunk. Wir schmuggelten pro Person 3 Dosen Bier und für unser gesamtes 4er-Jungs-Zimmer eine gemeinsame Flasche Persiko mit in die Jugendherberge im benachbarten Westensee. Wir, das waren Frank, der mit 13 schon eine Gesichtsbehaarung wie ein Sakiaffe hatte, Axel, der auf Empfehlung des Vatern am Samstag die Sportschau bereits mit Bier und Doppelkorn begrüßte – und ich. Ach ja, und natürlich Dreibein Christian. Das wandelnde Corpus Cavernosum.

Bei Christian stellte sich gar nicht erst die Fleisch- oder Blutpimmel-Frage; bei diesem titanischem Hünenlöris handelte es sich um die gesamte Fleischer-Innung, das lag auf der Hand. Beziehungsweise: lieber nicht. Denn so ein Ding auf der Hand verursacht sofortigen Kahnbeinbruch. Was rede ich: dieser goliäske Mammutriemen würde die gesamten Handknochen zerbersten lassen, Elle & Speiche gleich mit. Natürlich war ich neidisch. Der gottverdammte John Holmes wäre neidisch gewesen. Fleischberg hin oder her – das war kein Schwellkörper mehr, dass war ein verfluchtes Wadenbein. Christians Vater muss ein Wal gewesen sein. Oder der größere Brüder vom Yeti.

Ihr ahnt es: natürlich wollte auch Christian etwas von Birte. Gut, auf der einen Seite hörte ich mal so etwas wie „size matters“, „großer Johannes“ oder „Kinderarm mit Apfel in der Hand“ – aber mal ehrlich: SO EINEN? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Da hätte Birte ja direkt den Kölner Dom bebockspringen können; ich möchte doch sehr bitten.

Am Abend saßen wir im unteren Bereich des Etagenbettes und spielten Quartett. Also, Frank, Axel und ich saßen. Christian stand meistens, zu hoch war die Quetschungsgefahr. Wir tranken die ersten zwei Dosen Karlsquell als Christian zu meiner Erleichterung endlich die Idee hatte: „Jungs, wir gehen gleich mal rüber zu den Mädchen! Und die Birte, die reserviere ich mir schonmal!“. „Nicht so voreilig, Alter.“, fiel ich ihm ins Wort. „Das sollten wir schon denen überlassen. Und mal ehrlich: wie willst Du sie überzeugen?“. Die Frage lag nah, denn Christian sah in der siebten Klasse schon so aus wie Iggy Pop. Na gut, wie Iggy Pop am Stiel – aber seine eingefallenen Wangen hätten wir beim Kniffeln gut aus Würfelbecher nutzen können. Und mit seinen Schlupflidern hätte er ganz sicher Tibet befreien können – was im Konfirmationsunterricht allerdings weniger diskutiert wurde. „Na wie wohl, Lil‘ MC?! Ich hol‘ ihn raus!“. Vier einfache Worte, die ich nie wieder vergessen konnte. Denn er tat es. Mit Frank, Axel und mir im Gefolge betrat er den Flur des Mädchenganges.

„Biiieeer-teeeeh!“, rief er, „schau‘ was ich Dir mitgebracht habe!“. Es öffnete sich die erste Türe. Aus der Zarge lugten zwei Köpfe, zeitgleich öffnete sich eine weitere Tür bis wenige Sekunden später sämtliche Mädchen einen Blick riskieren konnten. Christian liess seine Hose weitere 3cm herab und … tat es. Ein Geräusch wie auf dem Fischmarkt, wenn der Aalverkäufer seine Frischware in die Wannen gleiten lässt. Auf dem Flur entstand eine Athmosphäre, als würde ein 20köpfiges Feuerwehrteam den Löschschlauch präparieren. In den Gesichtern der Mädchen war von Entsetzen bis Begierde alles zu sehen – nur keine Gleichgültigkeit. Die Mädchen überspielten ihre Unsicherheit mit Gekicher, was mir mehr als recht war. Soll er ihn doch präsentieren, diesen Hosen Taipei-101. Am Ende wird schon die Vernuft siegen und man würde sich für einen soliden, mitteleuropäischen Standardschniepel entscheiden und überhaupt: zählt Personality denn gar nicht mehr?

Offensichtlich. Denn Birte übernachtete tatsächlich bei Christian. Es wurde gefummelt, geächzt und wie Birte diese Nacht ohne Sauerstoffgerät überleben konnte, frage ich mich bis heute. Was ich aus dieser Sache gelernt habe: gar nichts. Ich weiß nur, dass ich Christo und Jeanne-Claude am Folgetag eine SMS mit der Bitte um Verhüllung des Kölner Doms schicken wollte, wenn doch nur das Mobilfunknetz Mitte der Achtziger nicht so unwarscheinlich unpopulär gewesen wäre.
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[Disclaimer: Ja, ich war am Samstag bei Heinz Strunk und habe mich thematisch inspirieren lassen.]
[Ankündigung: Unbedingt dranbleiben: morgen gibt’s hier bisher unveröffentlichtes Filmmaterial von MC 1990. Ich wog 92kg, hatte keinen Bartwuchs und eine Lodenlocke wie George Michael in Last Christmas!]

Kommentare

27 Antworten zu “Konfirmandenfreizeit”

  1. ….aber das Wort „stickpresent“ entstand doch nicht in dieser night, oder?

  2. L sagt:

    MC, wenn du einen Groschenroman schreiben würdest, ich würde ihn sofort kaufen. :)

  3. Peter sagt:

    Konfirmandenfreizeiten konnte man schon immer vergessen.

  4. frauvivaldi sagt:

    MC, das Material morgen werde ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen… wie siehts eigentlich mit dem versprochenen Schuhregal aus..?

  5. schaezle sagt:

    Der Fleischpenis ist eine Erfindung der Männer mit kleinem Schniepel.

  6. saganelle sagt:

    Fünf Stunden mit Heinz Strunk können einfach nicht spurlos vorbei gehen. Genau diesen Text habe ich von Dir erwartet.

    Danke.

  7. WasIs sagt:

    Herr Winkelsen sollte es sich bei dem genannten Phänomen etwa um einen gewissen Christian B., der gemeinsam mit einem Marc W. sein Unwesen zu treiben pflegte handeln? In diesem Fall kann ich in mindesten zwei Punkten voll zustimmen! 1. Der vergleich mit Iggy Pop hinkt in keinem Falle, 2. “Kinderarm mit Apfel in der Hand” trifft es wohl am ehesten ;-)

  8. buem sagt:

    Oh mein Gott ! Ist es das hier was ich an einem Montag morgen nach einem schönen erholsamen Wochenende lesen möchte !?
    Ich glaube nein :-)

  9. juf sagt:

    Gestatten Sie mir nicht die Bemerkung, dass Ihr ganzes Leben eine große Konfirmandenfreizeit zu sein scheint. Ich erinnere mich auch an meine eigene Konfirmandenzeit, obwohl doch eigentlich Katholik. Das gab einen handfesten Skandal in unserem bayrischen Bergdorf, auch weil ich zwei Wochen alleine nach Jottwede fuhr.

  10. Thearcadier sagt:

    Was mir bei der Geschichte einfällt: ich habe zuletzt immer mal wieder männliche Jugendliche gesehen, die so ganz enge Jeans trugen (wie Frauen). Da hab ich mich ernsthaft gefragt, ob das nicht sauweh tut. Vor allem: was macht man, wenn was runter fällt. Bücken? Auuuaaa!!!! oder besser: Eieieieiei^^.

    Aonsonsten geile Story, habe mal wieder sehr gelacht. Danke!

  11. Erdge Schoss sagt:

    Was, werter Herr Winkelsen,

    hatten Sie denn als Katholik bei den Evangelen verloren?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  12. Herr W., ich habe Angst vor morgen. Was soll man da nur tun?

  13. danimateur sagt:

    haben sie, werter winkelsen die konfirmation dennoch eerfolgreich absolviert und die moneten eingesackt ?

  14. der.grob sagt:

    wegen solchen typen stecke ich mir immer socken in die hautengen hosen. sex hatte ich trotzdem noch nie.

  15. MC Winkel sagt:

    @Jerry B. Anderson: Hihi… neee, das wurde erst Jahre später von Dir invented. Damals kannten wir uns nioch nicht.
    @L: Aber das hab‘ ich doch schon! :)
    @Peter: Also ich diese (leider) nicht. :)
    @frauvivaldi: Wie unaufmerksam, Frau Vivaldi. Hier war es doch kurz zu sehen! :)
    @schaezle: Udn ich dachte er wäre eine Erfindung von großmäuligen Lassenwirdaslieber. :)
    @saganelle: … naja, inklusive Lesung waren es ja sogar 9 Stunden. Sowas geht nicht spurlos an einem vorbei! („Ich mag es ja, mit Zumutungen zu arbeiten.“) :)
    @WasIs: Jetzt habe ich ein wenig Angst! Denn: JA, es handelt sich tatsächlich um denn Herrn B., welcher mit Herrn W. rumhing und mit Herr S. in einer kleinen Schulband spielte. :) (woher kennen wir uns?) … Werde dann ab sofort lieber wieder mehr mit Synonymen arbeiten! :)
    @buem: Ist die ganze Erholung jetzt dahin? :)
    @juf: Jottweder, Herr Juf? Da, wo man den sehr prominenten Jacobsweg findet?
    @Thearcadier: Danke! :) Und ja, das habe ich mich auch schön des öfteren gefragt…
    @Erdge Schoss: Meine Unschuld, Herr Schoss! ^^
    @Lenny_und_Karl: Gar nichts. Denn Ihre Angst ist berechtigt. (Haltet Sie sich Kotztüten bereit!) :)
    @danimateur: Ein einhalb Riesen gab es, Herr Danimateur. Und davon dann den C64 mit Floppydisk! :)
    @der.grob: Wollte man Ihnen die Kirchenkerzen nicht ausleihen, Herr grob?

  16. B-Tina sagt:

    Ich als Katholikin, die zwar nicht glaubt, dass jeder Furz aus dem Vatikan der Ruf vom heiligen Geist ist, kann nur sagen: Gott sei Dank dass meine Tochter niemals mit auf eine Konfirmandenfreizeit fahren wird. Nicht, dass Sie erblindet nach Hause kommt.

    *grins*

  17. JayKay sagt:

    Westensee…
    …schön da

  18. Heiko sagt:

    Hehe, “Kinderarm mit Apfel in der Hand” ist stark. Das muss ich mir merken.
    Aber das kommt halt davon wenn ihr Lutherböcke solche Fahrten machen müsst ;)

  19. Ich stehe auf personality!

  20. danimateur sagt:

    don’t call it schnitzel =)

  21. Johanna sagt:

    Jetzt schlage ich mich den Rest des Abend mit den traumatische Erinnerungen an meine Konfirmandenfahrt herum, Mr. Winkel! Danke.

  22. frauvivaldi sagt:

    Har. Har. Ein Paar Sneaker (die übrigens für mich NICHT zu den Schuhen zählen, das nur nebenbei!) im Vorbeigehen???
    Ich warte weiter…. ;-)

  23. jens sagt:

    @Johanna: Was war den bei deiner Fahrt traumatisch?
    Das fehlen von Kinderarmen?

  24. L sagt:

    Ich meinte eher so den Typ Groschenroman, wo vorne tiefdecolletierte Damen und halbnackte Männer mit wehendem Haar vor einem Rosenbusch illustriert sind… Ich finde ja, darin schlummert MCs wahres Potenzial, wie an den Absätzen 2 und 3 hier deutlich zu erkennen ist.

  25. Flo sagt:

    Und eine Dame bekam an besagtem Abend noch ihren Phallus zu Gesicht?

  26. Birte sagt:

    Hi, na soooo toll wars nun auch wieder nicht.
    Christian ist manchmal ein kleiner Angeber mit seinem zusammengerollten Paar Socken in der Hose.
    LG, Birte

  27. Robby sagt:

    „Was ich aus dieser Sache gelernt habe: gar nichts.

    Köstlich *lach*

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