Jalen Ngonda – „Doctrine of Love“: Das süße Wrack des Soul

Der Soul-Revivalismus neigt oft dazu, sich in den reinsten Annehmlichkeiten des Genres zu sonnen. Es geht um die zärtliche Annäherung, den intimen Slow Dance und das warme Gefühl, begehrt zu werden. Jalen Ngonda, der sich als Junge in den Vororten von Washington D.C. durch die Plattensammlung seines Vaters das Singen beibrachte und diese Kunst später in ein Londoner WG-Zimmer exportierte, wählt einen weitaus steinigeren Weg. Wo sein gefeiertes Debüt „Come Around and Love Me“ aus dem Jahr 2023 noch von den sehnsüchtigen Avancen eines unschuldigen jungen Mannes geprägt war, gleicht das neue Werk einer emotionalen Achterbahnfahrt durch eine verdammt harte Woche. Ngonda besingt die Liebe konsequent von der Verliererseite aus. Jalen Ngonda fleht, er lamentiert und er verharrt auf „Doctrine of Love“ beharrlich an der falschen Seite einer sich schließenden Tür.
Großartige Dramatik am Bahnsteig
In dem herausragenden Stück „Mr. Train Conductor“ erlebt der Hörer diesen Schmerz hautnah. Ngonda läuft unruhig am Bahnsteig auf und ab und bittet den Schaffner verzweifelt um eine Fahrkarte nach Hause, zurück zu der Frau, die er fälschlicherweise verlassen hat. Das Geständnis wird dabei erstaunlich nüchtern vorgetragen. Seine Abreise hat ihn etwas elementares gekostet, das er nur durch die schmerzhafte Abwesenheit benennen kann. Er fühlt sich schlicht weniger menschlich als zuvor. Diese passive Hingabe zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album und treibt auch „I Can’t Ever Leave You“ voran. Eine Frau hat sein Herz wie in einem Kartenspiel gewonnen und behält die absolute Kontrolle. Obwohl er singt, dass sie ihn wie ein Hund einen Schuh behandelt, schafft er den Absprung nicht. Er sieht den Sommerhimmel in ihren Augen, während in ihrem Herzen die Klinge einer kalten Winternacht schneidet – und entscheidet sich dennoch fürs Bleiben (haha).
Die akademische Lektion des Schmerzes
Der Titelsong „Doctrine of Love“ schlägt eine völlig andere, fast schon zynische Richtung ein. Ngonda verzichtet hier auf das Flehen und schlüpft stattdessen in die Rolle eines Dozenten. Er überreicht ein Diplom an jemanden, der die harte Lektion der Liebe überstanden hat und verliest die Ergebnisse mit ernster Miene. Bläsersektionen und dichte Chorharmonien stützen eine Hookline, die wie ein Jahrmarktsruf anmutet. Mit aufgesetzter Fröhlichkeit gratuliert er demjenigen, der genug gelitten hat, um diesen Abschluss zu verdienen. Es ist der einzige Moment auf dem Album, in dem er mit einem fast schon spöttischen Lächeln von außen auf den Schmerz blickt.
Licht und Schatten im Soundbett
Interessanterweise verliert das Album immer dann an Kontur, wenn die besungene Liebe gesund und intakt ist. Das Stück „Good Good Love“ plätschert als reines Dankeschön ohne nennenswerte Tiefe dahin. Auch „Hang It On the Shelf“ bietet trotz süßer, unschuldiger Ernsthaftigkeit wenig Substanz, die im Gedächtnis bleibt. Selbst „Anyone In Love“, ein solider Song über zerbrochene Herzen, hätte so von fast jedem Soul-Sänger der letzten sechzig Jahre stammen können. Das ist handwerklich hübsch und absolut solide, lässt aber das nötige emotionale Gewicht vermissen.
Der Blick durch den Spiegel
Erst in den Momenten der absoluten Desillusionierung entfaltet Ngonda seine wahre Genialität. Der Protagonist in „Taken Out of the Picture“ begreift erst zu spät, dass er aus dem Bild gewischt wurde, und blickt nun von außen auf das gemeinsame Leben zurück. Die Metapher ist ebenso simpel wie tiefgründig. Ein Mann, der aus dem Rahmen gefallen ist, sichtet alte Fotografien wie Beweise einer unerwiederten Affäre. Er blickt durch den Spiegel hindurch und erkennt die eigene Selbsttäuschung, während seine letzten Worte als verletzte Frage in einem leeren Raum verhallen. Das Album zeigt einen Künstler, der die Trümmer der Liebe nicht nur verwaltet, sondern sie in große Kunst verwandelt.


