Halb acht – acht Halbe (2)

Kurze Zusammenfassung der Vorgeschichte: Ich kam 1990 aufgrund eines Bänderrisses im linken Fuß ins Krankenhaus, wo ich Micha, den ostdeutschen und sehr eloquenten Bettpfannenstuhler und Rolf, einen stadtbekannten Skinhead, kennenlernte. Es lief überaschend harmonisch, bis sich Rolfs Freunde ankündigten.
[Selbst nochmal nachlesen]

Gleich nach dem Frühstück kam Rolfs Mutter. Wie sich schnell herausstellen sollte, beinhaltete ihr mitgebrachtes Survival-Kit für den Sohnemann stets dieselben Bestandteile: Bild-Zeitung, 3 Schachteln Marlboro und zwei Holsten Pilsener Halbliterdosen (HoPiHalidos). Das Dosenbier teilten sich die beiden sofort („Mensch Jung‘, is‘ doch wie Urlaub hier!“), eine der Schachteln Zigaretten verkaufte Rolf mir später zum halben Preis und die Bild-Zeitung schummelte ich Micha unter die Reinigungstücher. Rolf kam nach dem ersten Schluck Bier in Fahrt. Er informierte über den Münzfernsprecher im Flur seine Freunde und versprach für den späten Nachmittag noch eine Überaschung. Ich war über alle Maßen verdutzt; für so entgegenkommend hätte ich Neonazis im Allgemeinen gar nicht gehalten. Mal sehen, was für nette Leute seine Freunde wohl sein würden. Gegebenenfalls könnte man am Abend ja noch ein bis zwei Bierchen trinken, etwas MC Hammer hören und bei einer heimlichen Marlboro am Fenster über die Mankos Hitlers forscher Außenpolitik diskutieren. Ich war fest davon überzeugt, heute Nacht einige Menschen mit pragmatischen Argumenten politisch in richtige Bahnen manövrieren zu können. Die Friseure Kiels würden in absehbarer Zeit bestimmt auch wieder mehr zu tun bekommen und der Army-Shop steuere doch schon jetzt einem Fiasko entgegen. Das wird ganz super – lil‘ MC Winkel reinigt Kiel vom braunen Pöbel, man wird bestimmt Straßen – was rede ich – ganze Plätze und die Ostseehalle nach mir benennen! „Du, Rolf, kommen denn auch Mädchen mit?“, frug ich vorfreudig. „Klar doch!“, Rolf lachte.

Ich hatte gerade mein Tape an die Stelle von „Have you seen her“ zurechtgespult, um im Vorfelde für eine heimelige Stimmung zu Sorgen, als sich die Tür öffnete. „Roller, aller Assek, was hast du denn gemächt?„, aus dem Munde von fünf stark angetrunkenen Skinheads, die wesentlich ungehobelter als Rolf daherzukommen schienen. Dazu noch drei weibliche Wesen, sogenannte Renees, ebenfalls recht enthemmt und optisch mit noch weniger Geschmack gesegnet als die Inneneinrichter von ibis-Hotelzimmern. So gut ich mich auch mit Rolf zu verstehen schien; irgendwie fühlte ich mich unwohl. Eine Veredelung der kühlen Athmosphäre wurde durch Sätze wie „und der hässliche Wichser mit der Reggae-Mucke da hinten; geht der klar?“ auch nicht unbedingt gefördert. Erst als Rolf einlenkte, seine Sympathie zu meiner Musik und in Ansätzen auch zu mir kundtat, entspannte sich die Situation. „Du sagst, der hässliche Wichser hält seine Schnauze? Gut, wir haben noch ‚was im Auto!“. Ich hasste ihn, aber für einen Moment wünschte ich mir Zuckowski her, denn dieser Rolf und seine Freunde schauten böse in meine Richtung. Ich nickte instinktiv. „NA ALSO PAWALSO!“, schrie Eisen, der augenscheinliche Anführer der Truppe, „Knie, geh‘ mal zun Auto un hol Pöll un die Buddel!“. Knie, der Gruppenkleinste, lief los.

Ein Stunde später dann ein völlig anderes Bild in Zimmer 213. Micha ging zum ersten Mal auf die Herrentoilette, die Bettpfanne war nun also endlich Geschichte. Man schob mein Krankenbett etwas näher in die Mitte, spendierte mir diverse Biere und sang bei „She drives me crazy“ von den Fine Young Canibals (hatte ich auf der B-Seite) lautstark mit. „Hehe,“, fing ich wie so oft unüberlegt an, zwischenzufragen, „das finde ich ja echt mal saulustig! Ihr wisst schon, dass der Sänger von den Fine Young Canibals schwarz ist, nä?“. Eisen drückte die Stop-Taste auf dem Tapedeck und guckte mich an. „Der is‘ nicht schwarz!“, sagte Eisen in einer beängstigend tiefen Stimmlage und das erste Mal grammatikalisch einwandfrei. Ich erinnerte mich an die Herkunft seines Spitznamens, über welche Rabea, eines der mitgereisten Mädchen, mich kurz zuvor aufklärte. Der Legende zufolge operierten Ärzte Eisen nach einem mittelschweren Verkehrsunfall vor Jahren eine Metallplatte in die Stirn. „Naja, soooo genau weiß ich das nun auch nicht…“, entkräftigte ich meine Aussage. „NA ALSO PAWALSO!“, schrie Eisen erneut und haute Knie auf den Hinterkopf, gefolgt von einem Fingerzeig auf das Tapedeck, „GEHT WEITER!“. Vorsichtshalber unterhielt ich mich für den Rest des Abends nur noch mit Rabea, die trotz rasiertem Nacken und nach 1,5L Bier zwei Tage nach der Operation eigentlich gar nicht mehr so gänzlich unansehnlich schien und noch bis zur morgendlichen Thrombose-Spritze um 5.00h blieb. Na also Pawalso!

Und wo Knie die Plastiktüte mit den leeren Bierdosen und dem sonstigen Restmüll entsorgte, ob ich jemanden bekehren konnte und was Rolf, Eisen und Knie jetzt so machen – das erzähle ich beim nächsten Mal.

Kommentare

36 Antworten zu “Halb acht – acht Halbe (2)”

  1. expiator sagt:

    coole Story! :-D

  2. Robby sagt:

    „und noch bis zur morgendlichen Thrombose-Spritze um 5.00h blieb.“
    Hattet euch wohl ganz schön was zu erzählen?! ;) :D

  3. Westpfalz-Johnny sagt:

    dann haben Sie gar nicht mit denen über die Mankos Hitlers forscher Außenpolitik diskutiert?

  4. nath sagt:

    keine privatversicherung- mehr zu erzaehlen.
    nath

  5. He he he… solange sie Dich nicht im Suff für die NPD rekrutiert haben, geht es doch noch. *lach

  6. Kiki sagt:

    Ich weiß nicht, ob der Typ von den FYC schwarz ist, aber eins ist er ganz sicher nicht: Ein Sänger.
    Echt gruselig, was da für musikalische Jugendsünden auf den Tisch gelegt werden…

  7. Thommy sagt:

    Ja ne is klar ;) Zimmer 213. Can’t touch this … dum da die dum .. die dum di dum …

  8. steuertusse sagt:

    war das nicht zu der Zeit, wo alle so Sticker „Skin- Nein Danke“ (ich hatte total viele verschiedene Versionen davon, war ja eine Art Lebensaufgabe) hatten?
    bei uns spaltete sich da sogar die Klasse – die einen rechts- die anderen links- ich erinnere mich nur all zu gut. Die rechten hatten nur was gegen Ausländer die sie nicht persönlich kannten- Kinderkacke eben.
    Ich denke mal das heute keiner von denen wirklich rechts ist- ich hoffe es zumindest.

  9. Scholli sagt:

    Ich wette, Rolf und Rabea haben geheiratet und die Welt um 1,4 Kinder reicher gemacht, Eisen arbeitet bestimmt als lebende Magnetpinwand im Plus und Knie ist ins Entsorgungsgeschäft eingestiegen.

  10. Dennis sagt:

    MC, Ich hatte beim ersten Teil schon den Verdacht geäußert dass es sich bei Rolf um den selbigen handelt, welcher selbst heute noch regelmäßig „Kreutzberger Nächte“ beim Pernod Stand auf der Kieler Woche gröhlt, ist er es tatsächlich?Und wenn ich mich recht entsinne kommen die FYC aus Berlin und sind weiß!

  11. marten sagt:

    famos gechrieben. mir blieben solche bekanntschaften noch „erspart“, hatte noch nicht so viele bänderrisse oder andere gründe in einem krankenhaus zu verweilen. in rostock bekommt man von der ganzen „szene“ auch eher wenig mit. außer es wird mal wieder wegen irgend einem so genannten naziladen eine demo linkerseits vollzogen.

    verrückte welt.

  12. Dennis sagt:

    KORREKTUR: Ich hab grad bei Wikipedia nachgeguckt, Roland Gift (der Sänger der Fine Young Cannibals) ist ein dunkelhäutiger Engländer! Sorry für das In Frage stellen deines Sachverstandes:-)

  13. GIZA sagt:

    *g* Zum Glück hast Du den Abend überlebt. Bei solchen Situationen kann die Stimmung auch schnell mal „umschlagen“.

    Ich frage mich gerade, ob damals eigentlich wirklich jeder „seinen“ Dorfnazi hatte. Son Typen wie Rolf hatten wir in E´hagen auch…

  14. burnster sagt:

    Du hast die Nazibraut frisch gemacht? Du kennst ja gar kein Pardon. Hui.

  15. rieth sagt:

    Erstmal komisch – bei MC hat das WE neuerdings einen neuen Tag: den Montag! Andere müssenwollen arbeiten und erhoffen sich durch nette ErgüsseBeiträge des MCs einen guten Wochenstart zu haben und dann muss ich gestern stundenlang auf den Cadaver-Kalkulator schauen!;(
    Die Woche kann ich also vergessen – mir fehlt nun einfach der Antrieb, die Motivation….

    Nun gut, der heutige zweite Teil hat mich umso mehr erheitert!;)

    @ giza: den kenne ich auch noch – und gut möglich, dass er noch heute in derselben Wohnung wie damals sitzt!? War ja leicht übergewichtig!Gell?!

  16. creezy sagt:

    Super, ich möchte mich das nächste Mal direkt dazu legen, wenn Du ins Hospital gehst. Wenn ich alleine solche unangenehmen Aufenthalte unternehme, ist es nie so lustig!

  17. MC Winkel sagt:

    @ expiator: Danke!
    @ Robby: Naja, Teenager in Krankenhaus… man kennt sowas ja.
    @ Don Schuemsen: Danke, Dicker!
    @ Westpfalz-Johnny: Nur in Ansätzen.
    @ nath: exactly.
    @ MiM: … eher kauft der Papst ein Doppelbett!
    @ Kiki: Nanana! Ich schätze, das wird bei Dir nicht unähnlich sein. Bist doch auch ein 80er Kind, oder?
    @ Thommy: Sie haben das mit der 213 verstanden? Glückwunsch! 21st street Long Beach!
    @ Steuertusse: Ja, das war die Zeit! „Ey, bist Du rechts oder links?“. Und niemand hatte wirklich die leiseste Ahnung…
    @ Scholli: Nein! Aber sehr gute Einwürfe, hab mich gut amüsiert über die Magnetpinnwand.
    @ Dennis: Neeee, das kann nicht sein. Wie heisst denn Dein Rolf mit Nachnamen? Ähnelt der Name der Herkunftsbeschreibung eines männlichen Osteuropäers und fängt mit P. an? Und wg. FYC: immer erst googeln!
    @ marten: Sie kommen aus Lichtenhagen? Stimmt, das war’s bisher immer sehr ruhig. :)
    @ Giza: Siehe „@ Dennis“, ist das vllt. derselbe?
    @ Butze: NEIN! Wir haben uns nur unterhalten. Mensch Butze, a) hing ich am Tropf und b) war der Fuß hochgelegt, mit Jod vollgekleistert und c) schmerzte er sehr stark. Und irgendwo hab‘ ich d) dann doch eine Schmerzgrenze.
    @ rieth: Sorry, war das ganze WE im Studio.
    @ creezy: Das ist einfach: nur auf whudat.de nachlesen, was mir so passiert, Knochen brechen und ebenso einweisen lassen! Aber: lustig? :)

  18. Ben sagt:

    Hehe gefälltmir die Story^^

  19. NA ALSO PAWALSO!
    hahaha!!!!
    :-)
    Hast Du diese Jungs uff de gass wiedergetroffen?
    Bestimmt!

    Wie war das?

  20. der Kaiser sagt:

    Seltsam dass das niemand vom Krankenhauspersonal mitbekommen hat

  21. sub sagt:

    na also pawalso? ich schmeiß mich weg – das brennt sich natürlich wieder tief ein… schande ne!

  22. DerTim sagt:

    Jaja, die guten alten HoPiHalidos, hihi.

    Aber wenn man sich schon Rolf Zuckowski herwünscht, muß es wirklich arg gewesen sein. Ich bin was den angeht ja seit dem Zivi-Dienst einschlägig traumatisiert (dank einer Endlosschleife „Zebrastreifen Zebrastreifen, mancher wird dich nie begreifen“ im extremst abgenudelten „Rolfs neue Schulweg-Hitparade“-Tape).

  23. klip sagt:

    Ich warte schon ungeduldig auf den nächsten Teil… ;)

  24. gosu sagt:

    Nice story..

  25. Bastian sagt:

    Außerdem spielt der Sänger der Fine Young Canibals auch in der TV-Serie Highlander mit! Trivia-Wissen an die Macht!

  26. Die Muräne sagt:

    hä hä hä, war einfach geil bei euch im Osten!

  27. Erdge Schoss sagt:

    Rolfs Mutter, werter Herr Winkelsen,

    trug das Herz anscheinend am rechten Fleck.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  28. frauchoc sagt:

    rabea – der name ist doch von der winkelschen redaktion geändert – oder? so heissen doch maximal kanninchen!

  29. Frau Echse sagt:

    rabea klingt auf jeden fall schon mal sehr verdächtig jüdisch oder zumindest biblisch :-)

  30. robert sagt:

    Also selbst Gehirnspender können mir doch manchmal ein Schmunzeln abringen… Knie als Spitzname ist großes Tennis – find‘ ich… bei Kerne flög ich jetzt aus der Sendung. Wer weiß, wofür’s gut wär.

  31. Aggel sagt:

    “Knie, geh’ mal zun Auto un hol Pöll un die Buddel!”.
    @MC: ist Pöll eine Person? Weiß, männlich, dunkelhaarig? *schauder* habe mal so jmd. kennengelernt, der könnte gut in diese szene(n) passen…

  32. pulsiv sagt:

    sie haben in die plastiktüte onaniert, sie knie über den kopf gestülpt und rabea mit bierdosen gefüllt? hätt ich auch so gemacht. :P

  33. kirschrot sagt:

    Private Zusatzversicherung für Krankenhausaufenthalte. Einzelzimmer und Chefarztbehandlung.

  34. kringel sagt:

    @ MC: Wenn`s solche Zeitgenossen nicht geben würde, würden wir gar nicht wissen, wie SUPER wir sind… TOP STORY – Fortsetzung unbedingt!!

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