Ehrlich währt am Längsten

Heute möchte ich Euch kurz erzählen, warum es nicht zwingend von Vorteil ist, maßlos zu übertreiben. Klar, zwischendurch mal einen Kleinen raushauen wie beim Armdrücken mit Littbarski ist drin. Man kennt das ja. Trommeln gehört zum Geschäft. Und ganz platt gesagt: wenn man den Tanten nichts zu bieten hat, wird das auch nichts mit dem Herumgebämse! Das fiel mir irgendwann mit 16/17 Jahren auf und ich hielt es fortan für eine gute Idee, die Wahrheit so ein ganz klein wenig nach oben aufzurunden wie Kegelmanufakturen. Wäre doch gelacht.

Ende der Achtziger war der angesagteste Club bei uns im lauschigen Kiel die Traumfabrik. Wobei, damals sagte man ja noch Disco. Oder ganz schlimm: Disse. Ich schämte mich immer für die Disse-Sager, teilweise war dieser Ausdruck sogar ein Grund für mich, zuhause zu bleiben. Wie dem auch sei, mit den Jungs ging es jede Freitag und Samstag Nacht dorthin. Dass mit dem Übertreiben lernte ich von Hansen, der log dass sich der Balkan bog, was sich reimt. Er erzählte den Weibern gegenüber von seinem riiieeesigen VW, ohne die Serienbezeichnung zu nennen; was bei dem alten Scirocco sicherlich keine so schlechte Idee war. Unsere Lloret-Bustour verkaufte er als mediterrane Erkundungsreise und dass er seine neue Diesel-Lederjacke billig über einen befreundeten Werftarbeiter mit guten Connex zur Albanien-Mafia hatte, musste ja auch keiner wissen. Und so überlegte auch ich mir, wie ich den Mädels ein X für ein U, bestenfalls sogar mit Accent Circonflexe, vomachen könnte, um schnellstmöglich zu scoren.

potoffersGlücklicherweise bin ich Marmel-mäßig ja mit einer recht okayen Portion Phantasie gesegnet, was mir damals zugute kommen sollte. So traf ich Anja, Karin und eine dritte Tante, deren Name mir partout nicht einfallen will. Sie hatte Schneidezahnkaries, wenn man das so nennt. Also so ein deutlich sichtbares, leicht angegilbtes Loch, mittig in den oberen Schneidezähnen, die übrigens schiefstanden wie Hexenbeschossene. Der unkultivierte Teil meines damaligen Freundeskreises sagte „Pommes im Maul“ dazu, was ich weder guthiess noch lustig fand. Das war eine Lüge, ich halte mir darüber heute noch den Bauch vor Lachen. Aber ihren Namen weiß ich echt micht mehr. Nennen wir sie Fries, englisch ausgesprochen. Ich stand da also vor den Dreien und gab an wie beim Beach-Volleyball. „In so Petting-Dingen, da kenn‘ ich mich aus! Habe so gut wie alles gesehen – mich haut so schnell nichts vom Hocker!“. In Wirklichkeit bekam ich schon Schnappatmung, sobald ich die sich durchs T-Shirt abzeichnenden Brustwarzen meiner Mitschülerinnen im Sportunterricht erahnte. „Mein Kingsize-Wasserbett hat mehr Ärsche gesehen als Proktologen!“. Kingsize kam hin. Mit seinen 4,4qm nahm es allerdings auch 55% der Gesamtfläche meines Kinderzimmers ein. „Klar bin ich belesen! Sigmund Freud, anyone?!“. Um ehrlich zu sein: meine Knowledge-Götter waren zu der Zeit Hans Meiser und Ulrich Potofski.

Dann kam der Sonntag. Ich wollte eigentlich nur noch schnell die Tageszusammenfassung der vortäglichen Bundesligaspiele bei Anpfiff gucken, bevor ich mich mit den Jungs an der Tanke treffen wollte, um das vergangene Wochenende schönzulügen. Doch dann klingelts. Anja, Karin und Fries. Ich selbst hätte keine von ihnen reingelassen, aber meine Mutter sorgte sich seinerzeit auch ein wenig um meine Scoring-Quote und bat sie die jungen Damen herein. „Möchtet ihr einen Kaffee?“ (Verona Feldbusch-Tonalität). „Gerne, Frau Winkelsen!“. „Bring ich gla_haii_iiich!“. Na super.

Natürlich schaffte ich es nicht mehr, die Brille durch Kontaktlinsen zu ersetzen. Und so lag ich dann da: hornbebrillt (+3,5 Dioptrien), joggingbehost und wenn mich nicht alles täuscht waren sowohl im unteren Bereich meines „Legalize it!“-TShirts als auch im Spannbettlaken krustige Flecken Whatnots. Selbst Fries lachte mich aus. Aber Wetter war an diesem Sonntag ganz gut.

Kommentare

30 Antworten zu “Ehrlich währt am Längsten”

  1. hoeller sagt:

    hehe, der Terminus „Disse“ gefiel Ihnen nicht, aber ein paar Textstellen weiter das ugs. Wort „Tanke“ und „Tante“ zu benutzen, das missfällt nicht?
    ;o)
    Ich mochte den Ausdruck „Disse“ aber auch nicht. „Zappelschuppen“ fand ich viel lustiger!

    Cheers

  2. klip sagt:

    Vertrackte Situation, sowas. Wer war denn aus ihrer Sicht schuld an der Misere? :o

  3. Das XXL-Wasserbett im Kinderzimmer. Mehr muss ich eigentlich nicht ueber sie wissen, Herr W.! Das sagt alles!

  4. Meine Mutter und ich klingen ja genau gleich. Kam schon vor, dass mich ein Freund anrief und gleich losprabelte mit Komplimenten, um dann zu merken, Mutti ist am Telefon. So gesehen wird Stimme vererbt und Deine Schwester ist Verona Pooth-Feldbusch oder Feldbusch Pooth? Oder Verona Pooth-Feldbusch geborene Winkelsen?

  5. Kiki sagt:

    Ich darf Winkelsen’s Blogeinträge nicht vor dem Frühstück lesen. Ich darf Winkelsen’s Blogeinträge nicht vor dem Frühstück lesen. Ich darf Winkelsen’s Blogeinträge nicht vor dem Frühstück lesen. Ich darf Winkelsen’s Blogeinträge nicht vor dem Frühstück lesen. Ich darf Winkelsen’s Blogeinträge nicht vor dem Frühstück lesen. Ich darf Winkelsen’s Blogeinträge nicht vor dem Frühstück lesen. Ich darf Winkelsen’s Blogeinträge…
    Ich lern’s nicht mehr, glaube ich.

  6. Marc Shake sagt:

    Disse hab ich auch nie gesagt. Bei mir war’s und ist’s immer noch der Kakophoniebunker.

  7. SabrinaS sagt:

    Ein Blog-Eintrag fürs Leben, ich weiss nun, was ich meinen Jungs niemalsnienicht antun darf!
    *weglach

  8. singhiozzo sagt:

    Es gibt nur wenig schlimmeres, als ekelhafte Zähne. Gut, wenn eine 150 Kilo wiegt und nen Bart hat, kommt’s auf die Zähne auch nicht mehr an.

    Heute ins persönliche Wörterbuch aufgenommen: „mit Accent circonflexen“.

  9. Flo sagt:

    Hat sich ihre Mutter wenigstens für die misslungene Vorlage entschuldigt?

  10. Donna sagt:

    Mein Highlight für heute:

    die Wahrheit so ein ganz klein wenig nach oben aufzurunden wie Kegelmanufakturen.

    Verraten Sie mir, was man machen muss, um sich sowas auszudenken, Sir Winkelsen?

  11. denzel sagt:

    warum musstest du dir die wochenenden schonlügen, lil mc? und wer war zu der zeit eigentlich dj in der traumfabrik?

  12. Tanja sagt:

    Muss ich mir Gedanken machen, wenn es bei mir hin und wieder ähnlich zuging? Nur, dass meine Mum einen riesen Spaß hatte und ich mich dann irgendwann fragte „ähhhh, warum sind die jetzt gekommen?“ Mütter. So sind sie *lach*. Herr MC, ich kann mir Sie ganz genau vorstellen … und auch ich hätte mich schlapp gelacht.

  13. Philipp sagt:

    Wunderbar – hiermit gebe ich bekannt, dass dieser Blog einen weiteren Fan hat. Nämlich mich. Bin durch Zufall darauf gestoßen und finde die Beiträge großartig. Ich werde ab heute täglich vorbeischaun!

  14. Herr Schmidt sagt:

    Hatte Ihr Babybett eigentlich auch schon eine wasserbefüllte Matratze, werter Herr Winkelsen?

  15. der.grob sagt:

    Aus Angst vor Schneidezahnkaries habe ich mir die Schneidezähne schon vor geraumer Zeit gezogen.

  16. KleinesF sagt:

    Ich war mal Türsteher in der Traumfabrik. Der abendleitende Pole hatte nämlich schon damals ein „unschlagbares“ Konzept: Einer, der reden kann, vorne, zwei mit Muskeln dahinter. Habe dann aufgehört, als jemand am Freitagabend mit ner Knarre auf meinen Kopf (vorne) zielte.

  17. MC Winkel sagt:

    @hoeller: Also „Tante“ ist ja wohl absolut legitim. Mit „Tanke“ hast Du jedoch recht – ich werde es mir abgewöhnen, okay?! :)
    @klip: Das Klima! :)
    @Lenny_und_Karl: Oder? Daher muss ich ja jetzt auch darüber sprechen. Nicht, dass es später einmal heisst, ich hätte hier Niemanden gewarnt!
    @ChliiTierChnübler: Bekommt Ihre Frau Mama denn selbst keine Komplimente, Frau Chnübler?
    @Kiki: Aber der war doch heute schon sehr unekelig, eigentlich?!
    @Marc Shake: Kakowas? :) Wo kommen Sie her, Herr Shake?
    @SabrinaS: Sehen Sie! Und wieder etwas dazu gelernt…
    @singhiozzo: Stimmt. Und auf „Circonflex“ gibt’s sogar jede Menge Triplerhymes! Mal merken…
    @Flo: Nein. Ganz im Gegenteil. Ich bekam Schimpfe, weil ich Fries später noch die Zahncreme mitgab. :)

  18. MC Winkel sagt:

    @Donna: Es wurde am Samstag etwas später. Reicht das als Erklärung? :)
    @denzel: Zu a) weil Nachte wie die beschriebene eine ganze Zeit lang Standard waren. :) zu b) DJ Mutumbo. Warum fragen Sie? ^^
    @Tanja: Warum denn? Ich mein… es war Sonntag. Ich wollte doch nur meine Ruhe haben. :)
    @Philipp: Freut mich zu lesen! Dann mal: Herzlich Willkommen! Schuhe kannste ruhig anlassen, ich bin da nicht so. :)
    @Herr Schmidt: Leider nein. Meine Eltern hielten im Rahmen ihrer aternativen Erziehungsmethodik Futon für mich als angebracht. Hatte als Kind sehr oft Rücken!
    @der.grob: Und was wählten Sie als Betäubungsmittel? Seit Samstag weiß ich, dass sich Oldesloer für solche Zwecke gut eignet!
    @KleinesF: Drückte er auch ab, Herr f?

  19. MHW sagt:

    Hihihi, Armdrücken mit Littbarski… das ist gut!
    Ich kann mich da auch an eine besonders unvorteilhafte Diesel-Jacke erinnern…die war auch zu dieser Zeit schon lame:)
    Zum Besten möchte ich auch noch meinen damaligen Lieblingspulli von Lacoste geben (den Hellblauen mit den Löchern am unteren Ärmel…vom häufigen tragen…you remember?)
    Aber Dein Legalice-it-shirt verbuchen wir unter künstlerischer Freiheit, okay?
    so long

  20. Pssst! sagt:

    ich glaub, ihre mama mag ich! *g*

  21. Fred sagt:

    Mann, ich war einmal in just diesem angesprochenen Alter Kiel „feiern“, und schwupps, genau in dieser besagten Traumfabrik, und ich hab an dem Abend nur mit Steffi rumgemacht, um dann später vor ihr in den Eingang vom Esprit zu kotzen.

    Goldene Zeiten.

  22. Tanja sagt:

    Tja, es kommt manchmal anders als man denkt. Ich weiß zwar nicht wie der „little“ (so klein warste doch gar nicht mehr) MC aussah, aber ich weiß wie ich manchmal aussah und sehe … deshalb lache ich mich immer noch schlapp. Sonntag hin oder her :). Sind sie wieder gekommen?

  23. feronia sagt:

    Gut, dass ich es heute erst jetzt zu diesem Artikel geschafft habe. Alle Mahlzeiten des Tages liegen hinter mir.

    Herr Winkelsen, wenn Sie schon Pudding im Bett essen und dann kleckern, dann machen Sie das Malheur doch bloß schnell weg, bevor es sich zu einem noch größeren weiterentwickelt!

  24. @MC Winkel: Stimmt, meine Mamma hat auch schöne B… asilikumstauden.

  25. MC Winkel sagt:

    @MHW: Diesel-Kutte: Oder? Mr. Understatement, der Hansen! :) Pulli: JAAAHAHAHA, stimmt, an den erinnere ich mich gerne! Hast Du den noch? Und T-Shirt: DOCH, Homie, ich hab mir irgendeienn KiWo im Rausch mal son Shirt gekauft. Konnte das … aus Gründen … aber nur zuhause, also als Quasi-Nachthemd tragen! (Kann aber sein, dass ich an besagtem Tage aber auch ein Anderes trug! :))
    @Pssst!: Es war Instant-Kaffee!
    @Fred: Steffi? Also DIE Steffi?
    @Tanja: Bestimmt! Aber leider hatte ich damit nichts mehr zu tun! :)
    @feronia: Jaja, ich weiß! Hab‘ mir das dann auch sehr schnell angeeignet!
    @ChliiTierChnübler: Liebe Grüße!

  26. norrin sagt:

    mensch, bin ich spät dran. wieder mal geil abgeliefert wollte ich gestern morgen sagen. wann kommen die kurzgeschichten eigentlich mal als eigenes Buch?

  27. Pssst! sagt:

    äh, also dann darf ich sie jetzt nicht mehr mögen?! ihre mama? damals war instant kaffee „in“. ;) (hoffentlich war’s kein caro….)

  28. MrQT sagt:

    Einfach toll geschrieben! MC – das ist einer der besten der letzten Monate.
    Bidde weiter so!

  29. Nicole sagt:

    Was für eine Zeit… !

    Puh, mich kannste mit den Zähnen nicht meinen, Ende der 80er war bei mir eher noch „der Club“ (oder auch „Ströh“) angesagt … na ja, und mein Problem war damals nicht der Karies, sondern eher meine Zahnklammern :#
    Fries finde ich da ja wirklich noch nett, ich wurde „von den großen Jungs“ auch gerne „Beißer“ genannt (bitte googlen, für alle, die nicht wissen was gemeint ist)

  30. Teddy sagt:

    kenne Kiel, kenn die Disco, kenn seine Problem, könnte man glatt selber sein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.