Die Kunst zu reden, ohne zu denken

Prolog

Nach mehreren Monaten traf ich heute Annika im Fitness-Studio wieder. Annika ist eine der Bekanntschaften, mit denen man ausschließlich smalltalked, was gar nicht mal unbedingt mit Antipathie zu tun hat. Man kennt sich halt nur aus dem Gym, trifft sich hier mehr oder weniger regelmäßig aber niemals gewollt und hat weniger gemeinsame Nenner als ein pythagoreischer Bruch. Aber man ist halt nett.

Seitdem ich weiß, dass nett der Bruder von Arschloch ist, trage ich Kopfhörer beim Sport. Nickend antworte ich dann jedem, der mir durch Mundbewegung suggeriert, soeben irgendwas zu mir gesagt zu haben. Die Kopfhörer sind weiß, mit weißen Kabeln; eigentlich müssten die in meinem Kopf, welcher äußerlich ja eher dunkel ist (schätzungsweise irgendwas zwischen 25-34 auf der Felix von Luschan-Skala), auffallen. Aber gut. Menschen suchen halt gerne das Gespräch mit mir, das kenne ich ja. Stimmt nicht, passt dramaturgisch aber gerade gut.

Dialog

Sie so: *Mundbewegung, ca. 10 Sekunden, dabei Blick in mein Gesicht*
Ich so: „Warte kurz, die Kopfhörer. *rausgenommen* So, ‚Hallo!‘ erstmal, Annika. Wie geht’s so?“

Hätte ich gewusst, was diese Frage heute anrichten würde; ich hätte nach der Außentemperatur gefragt. Oder nach dem Ergebnis des HSV-Spieles vom Wochenende, Unentschieden ist immer so schön neutral.

Sie so: „Ach, frag‘ nicht!“

War jetzt leider bereits zu spät.

Ich so: „Du siehst so müde aus, was ist denn los?“
Sie so: „Urlaubsvertretung. Ich arbeite gerade im Schnitt 15 Stunden am Tag.“
Ich so: „Ist denn so viel los bei eurer Versicherung, jetzt im Sommer?“
Sie so: „Da bin ich nicht mehr. Bin jetzt im Baumarkt, Farben-Abteilung.“
Ich so: „Ich verstehe. Aber Marc, der verwöhnt dich Abends dann doch bestimt. Bei ihm alles klar?“
Sei so: „Weiß ich nicht, wir haben uns vor 4 oder 6 Wochen getrennt.“
Ich so: „Hoppla! Nach 8 Jahren nun doch auseinandergelebt? Zu verschiedene Interessen?“
Sie so: „Nina.“
Ich so: „Deine Mitbewohnerin?“
Sie so: „Ex-Mitbewohnerin.“
Ich so: „Äh, ja, klar. Naja, Kopf hoch, nach Regen kommt wieder Sonnenschein!“
Sie so: „Wetter.com prophezeit Anderes.“
Ich so: „Ja gut, hier. Fahr doch weg, hast Du denn keinen Urlaub mehr?“
Sie so: „Weisst Du, was man im Einzelhandel verdient?“
Ich so: „Aber Deine Eltern hab…“
Sie so: „…haben sich nach der RTLII-Sache nicht mehr bei mir gemeldet.“
Ich so: „?“
Sie so: „Mit den Mädels, Flatrate-Party am Ballermann. Dieses Kamerateam wollte unbedingt, dass…“
Ich so: „… also ich würde mich wirklich gerne länger mit dir unterhalten, aber Dragon* wartet da hinten am Trizeps-Turm.“
Sie so: „Alles klar, wir sehen uns später noch!“
Ich so: „Ja, Tschüss erstmal.“ *Kopfhörer wieder rein*

Epilog

Na klar sieht man sich später noch, so groß sind Fitness-Center im Allgemeinen ja nicht. Aber gab es jemals eine Konversations-Fortsetzung nach einem „Alles klar, wir sehen uns später noch!“? Das wird doch nur so dahergesagt. Sowieso wird irgendwie alles hier nur so dahergesagt. Ich finde, viel mehr Fitness-Freunde sollten bloggen. Da können sich die Leute dann freiwillig etwas dahersagen lassen. Oder halt auch nicht.

__
*= Ich weiß nicht, ob er Dragon heisst. Er sieht aber so aus. Und er nervt am Trizeps-Turm immer dazwischen.

Kommentare

36 Antworten zu “Die Kunst zu reden, ohne zu denken”

  1. Erdge Schoss sagt:

    War Dragon am Trizepsturm, werter Herr Winkelsen,

    auch zum Heulen zu Mute?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  2. jan sagt:

    die verabschiedung kann wohl nur von „klar, ich ruf dich an“ getoppt werden…

  3. vogelmann sagt:

    Ein Grund, warum ich mit dem Pumpen vor 7 Jahren aufgehört habe: Dieses dämliche Gym-Paq. An sich glotzt dir sowieso jeder nur auf den Ärmel, ob er dicker geworden ist, von wegen und ob und überhaupt du irgendwelche Pillen schluckst und so.

  4. schaezle sagt:

    lol. Mein letzter Job war im Fitnesscenter. Ich wünschte, es gäbe viel mehr iPods und viel weniger Annikas.

  5. Finja sagt:

    „Headphones usually equal ‚don’t talk to me'“ – kann man das bitte als Artikel 1 ins Grundgesetz aufnehmen?
    Meine Theorie ist ja, dass viel weniger Amokläufe passieren würden, wenn kommunikationsbedürftige Menschen endlich aufhören würden, Menschen mit Kopfhörern anzusprechen.

  6. Aquii in LA sagt:

    „lass uns telefonieren“ ist auch nicht schlecht und stellt keinen als Luegner dar….

  7. Scholli sagt:

    Die Geschichte kommt mir so bekannt vor. Bestellen Sie der Dame beste Grüße und schicken Sie sie zum Boxen, zum Karate, zum Kendo oder zu irgendeiner Ihnen bekannten Leibesertüchtigung, bei denen Frust besser abgebaut wird, als in einem langweiligen Gym! Oder schenken Sie ihr einen alten Kleinwagen, den sie zerdeppern darf. Ich versichere Ihnen, dann lässt auch das Mitteilungsbedürfnis wieder nach.

  8. Als ich die Headline bei Twitter gelesen hab, hatte ich erstmal eine ganz andere Assoziation in Bezug auf dich… =) Ich dachte, da kommt jetzt irgendeine Geschichte, in der zwei bis zwölf Bier die Hauptrolle spielen.

    Aber die hier passt auch.

  9. Mone sagt:

    Ich versuche die Frage „wie geht’s so?“ von vornherein ‚bei bestimmten Leuten‘ zu vermeiden…

  10. Johanna sagt:

    Sie müssen einfach zusätzlich zu den Kopfhörern so tun, als ob sie die Leute nicht sehen! Das irritiert zwar die meisten, aber sie haben ihre Ruhe!
    Außerdem haben sie das Unheil mit „Du siehst so müde aus, was ist denn los?“ geradezu heraufbeschworen!

  11. rouge sagt:

    Sorry Master Winkelsen aber wer erwartet schon in einem Gym eine intellektuelle Herausforderung ;-) Aber trotzdem sehr schöne Geschichte.

  12. chrisse sagt:

    deshalb trainiere ich immer erst um 10, kein schwein kennt mich, nur die großen kanten sind noch da oder freundinnen mit ihrem freund. da kommt kein dialog auf und zur not gibts ja immer noch kopfhörer damit man ruhe hat

  13. Tja, vielleicht hätten Sie der guten Dame 50 Cent geben sollen. Dann hätte Sie eine Parkuhr vollquatschen können. Sie haben aber auch immer ein Pech :-)

    Ihre Frau Ährenwort

  14. Gürtel sagt:

    und gestern hatte ich noch kurz überlegt, evtl. auch mal in ne muckibude zu gehen, aber ich glaube, das lass ich jetzt und geh aufn crosstrainer zuhause oder joggen im park.

  15. frau k. sagt:

    oh man, ich weiss warum ich so Muckibuden meide.

  16. Kiki sagt:

    Wetter.com liegt ja meistens daneben. Sie hätten Annika noch donnerwetter.de und wetter.de sowie niederschlagsradar.de ans Herz legen sollen. Manche Frauen wollen einfach sinnvoll beschäftigt werden.

  17. timanfaya sagt:

    andere läden, andere sitten. ich bin ja hauptsächlich bei kieser, weil da außer einem gelegentlichen metallenem geräusch [gelegentlich weil: dort werden die gewichte ja dauerhaft gehalten] endlich mal 40 minuten am tag kein geräuschmüll zu hören ist. und von den vielen freunden und bekannten die da rum laufen ist nie mehr als ein „hallo“ zu hören. man ist da schließlich nicht zum spaß. das einzige was ich mir da mitnehmen würde ist also der hier … [das funktioniert übrigens wirklich, vor allem im flugzeug]

  18. creezy sagt:

    Weisste, Du bist echt ’nen echter Fitnesskumpel. Ich finde Annika hat Café-Einladungspotential, alleine die RTL-II-Story, Du könntest die Frau und ihr Pech an Pro 7 verkaufen …

  19. MC Winkel sagt:

    @Erdge Schoss: Er hat so eine chronische Bindehautentzündung, werter Herr Schoss. Der weint also quasi … immer. :)
    @jan: Stimmt. :)
    @vogelmann: Naja, ich mach ja mehr so das leichte Fitness-Programm, ich pump ja nicht, nä. Irgendwas muss man tun und da ich zeitlich flexibel sein möchte gibt es wenig Alternativen. Muss man das Paq leider in Kuaf nehmen. :)
    @schaezle: Echt? Als Trainerin? Oder am Empfang?
    @Finja: Oder halt einfach … bloggen. :)
    @Aquii in LA: Stimmt. Weil ja eigentlich jeder weiß, dass es dazu niemals kommen wird. :)
    @Scholli: Die Sache mit dem Kleinwagen finde ich … interessant. Ich denke drüber nach. :)
    @aristokitten formerly known as Promotante: dann ist ja gut.
    @Mone: Immer nur freundlich grüßen, nä. Muss manchmal reichen.
    @Johanna: Naja, aber man möchte ja auch nicht für zu arrogant gehalten werden. Es ist ein Drahtseilakt. :)
    @rouge: Intelliwas? :)
    @chrisse: Zehn Uhr? Abends? Und wann bloggen Sie? :)
    @Frau Ährenwort: Hatte ich leider nicht klein. :(
    @Gürtel: Würd‘ ich heute auch nicht mehr machen. Aber ich bin da jetzt seit 6-7 Jahren und habe da immer noch nen guten Tarif. Die letzten Tage vorm Urlaub mache ich jetzt übrigens täglich Sport, Dicker. 2,5kg müssen noch runter!
    @frau k.: Ich wüsste es auch! :)

  20. MC Winkel sagt:

    @Kiki: Das stimmt allerdings. Verlass ist meist auf die Wettervorhersage im iPhone, hm?!
    @timanfaya: Kieser? Das ist doch dieser Rückenladen, oder? Und was genau soll da funktionieren, mit den Bose-Kopfhörern?
    @creezy: Absolut! Und den Kaffee, den bekomme ich da als treuer Stammkunde dort inzwischen sogar kostenlos! :)

  21. Stoeps sagt:

    Tja Winkelsen. Wie sagt man so schön? *mitdemFingeraufdenlinkenBizepszeig* „man sollte es nicht nur hier haben…“ *undnunmitdemFingeraufdenrechtenBizepszeig* „…sondern auch hier“! Gym’s meide ich wie die Pest! Erstens dient das Geschufte nicht wirklich der Gesundheit sondern ist nur eitles Gehabe und zweitens fördern die Begegnungen mit anderen Pumpern und Problemzonen-Tussis nur meine misanthropischen Tendenzen. Neben „dumm fickt gut“ passt auch „blöd pumpt gut“ und ebenfalls stimmig ist: Wer zuviel in seinen Körper investiert, hat nix mehr für den Kopf übrig! Aber zugegeben, um nette Stories für den Blog zu kriegen, ist das Gym perfekt! Wohl bekomms!

  22. timanfaya sagt:

    … die kopfhörer sind ein kleiner computer und schalten weitestgehend alle umweltgeräusche weg – auch ohne musik. was die klangqulität betrifft: darüber braucht man sich bei der firma nicht wirklich unterhalten, insbesondere der kopfhörer ist das beste, was ich je auf dem kopf hatte.

    und das mit dem rücken ist nur ein teil des ganzen, was nicht auf modellieren sondern auf echte kraft ausgelegt ist. und: es funktioniert. seitdem ich da bin ist alles weg, was einem so den tag versauen kann. was ich aber eigentlich an dem laden liebe ist die ausführungsvariante sparta, ohne jeden schnick-schnack, frei nach dem motto ‚das leben ist schmerz‘.

  23. Stoeps sagt:

    @timanfaya: Ich hab‘ die auch! Allerdings noch Version 2. Und die sind einfach nur hammergeil! Einschalten dann dieses Gefühl wie in einer Tupperweardose mit Deckel drauf zu verschwinden und gut is! Auch auf langen Autofahrten und Zugfahrten sind die einfach genial! Nicht ganz billig, aber die sind ihr Geld echt wert *schwärm*! Meine Empfehlung: Kaufen!

  24. FrauvonWelt sagt:

    Sie werden es mir nicht glauben, werter Herr Winkelsen,
    aber ich kenne jemanden, der kann nicht denken ohne zu reden.
    Und der denkt eigentlich immer. Was er denkt, habe ich
    allerdings noch nie wirklich verstanden.

  25. Dr.Sno* sagt:

    Was ist denn dieser Bruch des Pythagoras? Stammt das aus der Orthopädie?? Ich mein, man lernt ja nie aus…

  26. Kaal sagt:

    Um die Annikas dieser Welt zum Bloggen zu bringen bräuchte es ein Plugin, das automatisch 100 tägliche Hits simuliert damit sie sich zugehört fühlen. Und oben drauf noch ein Kommentarplugin von Jabberwacky. Dann fühlen sie sich sogar verstanden.

  27. Manuel sagt:

    Komisch, ich werde im Fitness-Studio generell nie angesprochen. Obwohl ich keine Kopfhörer trage. Vielleicht bin ich nicht fit genug…

  28. höhö, war doch alles im grünen bereich.. zum glück war der erste satz nicht: „huch, was machst du denn hier?“ ;-)

  29. MC Winkel sagt:

    @Stoeps: Da hast Du wieder mal sowas von recht! So grundsätzlich. Nur eine Sache: Ich mache es wirklich für die Gesundheit; Ausdauer/Kondition (Cardio-Training, immer 40-50% des gesamten Trainings) und so’n büschen Muskelstraffung – einfach nur um in Form zu bleiben – das schadet ja auch nicht…
    @timanfaya: Hmmm, muss das glaub ich mal ausprobieren. Bin ja auch so’n kleiner Soundjunkie. Haben Sie mir nicht schon einmal einen Kopfhörer empfohlen?
    @FrauvonWelt: Sie kennen, werte FrauvonWelt, ja aber wirklich interessante Menschen. Mich eingeschlossen!
    @Dr.Sno*: Weiß ich nicht, wollte nur mal was klug klingendes schreiben.
    @Kaal: Oder sie kommentiert mit ihrer URL auf whudat.de, das bringt auch täglich mindestens 300 hits. :)
    @Manuel: Brillenträger? :)
    @little-wombat: Ich frage mich, Frau Wombat, was sie meinen, was dann wohl passiert wäre?!?!

  30. Die Muräne sagt:

    Wie gehts? – Schlecht – ah, schön, und Frau und Kinder? – Die Frau hat mich verlassen und die Kinder sind krank – ja das ist doch die Hauptsache, nech…

    Sie zeigen wieder wunderbar auf, dass es gar nicht erforderlich ist, dem Gegenüber pfannenfertige Lösungen für seine lächerlichen Probleme zu präsentieren. Wichtig ist doch nur, dass derjenige seinen Scheiss bei jemandem abladen kann und sich wenigstens minimal ernst genommen fühlt. Für mich sind Sie definitiv die Mutter Theresa dieser neuen Generation Fitness-Center-geschädigter Seelen.

  31. denzel sagt:

    headline ist super.
    beste umschreibung für … „smalltalk“.

  32. Eine unendliche Geschichte, Herr Winkel…. seien Sie froh, dass Sie die weißen Dinger anner Leine dabei hatten!

  33. Pleitegeiger sagt:

    Mann, Winkelsen, geh mal bitte morgen wieder pumpen. Ich wüßte schon gern, was Annika da am Ballermann… ;-)

  34. Smartlady sagt:

    NA PRIMA. sowas braucht man genau so dringend wie Windpocken. Ich kenne solche Leute auch. Wenn ich hier gassi gehe, dann selten ohne iPod. Einfach nur der Tarnung wegen. Damit niemand auf die Idee kommt mich anzuquatschen. Aber eigentlich biste ja selbst schuld wenn du (so nett bist und) die Kopfhörer raus nimmst ;-) *hehe*

  35. Langstrumpf sagt:

    Da helfen alle Stylo-Kopfhörer mit den grellsten Farbnuancen nichts. Das einzige was hilft ist böse Gucken – Que coño! funktioniert immer. Kopfhörer sind überflüssiger Schnickschnack bei dieser Tarnung. Aber da kommen dann ja wieder die sozialen Urinstinkte hoch, nicht aus dem Rudel ausgestossen werden zu wollen oder so. Ausserdem könnte das Gesicht so stehen bleiben. Dann doch lieber die Kopfhörer-Nummer.

  36. netti sagt:

    Der nette Plausch im Fitness- Center ist wirklich super ätzend, daher ist auch mein MP3 Player mit 500 Liedern bestückt. Zum Glück gibt es die Dinger, mit dem guten alten Walkman wäre ein Besuch in der Muckibude wohl nicht so angenehm.
    Aber was Annika am Ballermann gemacht hat, würde mich auch brennend interessieren ;)
    Liebe Grüße ;)

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