Der Mythos der Isolation: Alan Watts über die Illusion des Getrenntseins

Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens in der festen Überzeugung, dass wir kleine, isolierte Inseln in einem riesigen Ozean sind. Diese Vorstellung prägt unseren Alltag, unsere Sprache und vor allem unsere Ängste. Der britische Philosoph Alan Watts bezeichnete dieses Gefühl des Getrenntseins als einen Mythos. Dabei meinte er nicht etwa ein bloßes Märchen, sondern ein tief verwurzeltes Bild, mit dem wir versuchen, die Welt zu ordnen. Wir glauben unerschütterlich an die Theorie, dass wir lediglich innerhalb unserer Haut existieren. Doch diese Definition ist eine willkürliche Grenze, die uns in einem Zustand permanenter Angst gefangen hält. Der Mythos der Isolation: Alan Watts über die Illusion des Getrenntseins.
Die Hypnose der sozialen Konvention
Von Geburt an lernen wir, uns als separate Einheiten zu begreifen. Watts argumentiert, dass wir durch soziale Konventionen förmlich hypnotisiert wurden. Wir sehen uns als kleine „Kringel“ in Raum und Zeit, die vor Milliarden von Jahren durch einen Urknall entstanden sind. Heute fühlen wir uns jedoch nicht mehr als dieser Urknall, sondern nur noch als sein weit entferntes Ergebnis. Wir definieren uns über Namen, Rollen und Titel, während wir die Verbindung zum großen Ganzen verlieren. Diese Sichtweise macht uns Angst, weil wir befürchten, dass unsere kleine „Welle“ irgendwann im Nichts verschwindet. Es ist das Bild einer Reise von der Geburtsstation direkt ins Krematorium. Doch dieser Blickwinkel ist weder wissenschaftlich haltbar noch logisch zwingend.
Der Mensch als Symptom des Universums
In der Wissenschaft beschreiben wir einen Organismus oft über das, was er tut. Dabei stellen wir schnell fest, dass wir das Verhalten eines Individuums nicht isoliert betrachten können. Um mich zu beschreiben, muss ich zwangsläufig auch meine Umgebung und meine Mitmenschen einbeziehen. Wir sind voneinander abhängige Systeme, die ineinandergreifen. Watts vergleicht uns mit Äpfeln an einem Apfelbaum. So wie der Baum „äpfelt“, so „menschelt“ das Universum. Wir sind keine Fremden, die zufällig auf einem toten Felsen gelandet sind. Vielmehr sind wir ein Ausdruck der grundlegenden Struktur der Existenz. Jeder Mensch ist im Grunde die fundamentale Realität des Kosmos, die sich gerade auf eine ganz spezifische Weise zeigt.
Alan Watts x Illusion des Getrenntseins – Die willkürliche Grenze des Ichs
Ein großes Problem unserer Wahrnehmung ist die Unterscheidung zwischen dem, was wir tun, und dem, was uns passiert. Wir glauben, wir kontrollieren unsere Handbewegungen, aber wir wissen meist nicht, wie wir die Entscheidung dazu eigentlich treffen. Atmen wir freiwillig oder passiert es einfach? Was ist mit unserem Herzschlag oder der Verdauung? Watts weist darauf hin, dass die Trennung zwischen „freiwillig“ und „unfreiwillig“ völlig willkürlich ist. Wenn wir erkennen, dass wir unser gesamtes biologisches System sind, verändert sich alles. Die Zirkulation unseres Blutes ist dann genauso ein Teil von uns wie das Leuchten der Sterne. Der gesamte physische Organismus ist ein kontinuierlicher Energieprozess mit allem anderen, was im Kosmos geschieht.
Das Ego als Radar, nicht als Kapitän
Das, was wir oft als unser „Ego“ bezeichnen, ist laut Watts lediglich ein Fokus unserer bewussten Aufmerksamkeit. Er vergleicht es mit einem Radar auf einem Schiff, das nach potenziellen Problemen Ausschau hält. Ein Radar ist nützlich, um Hindernisse zu erkennen, aber es ist nicht das Schiff selbst. Wenn wir uns jedoch ausschließlich mit diesem „Fehlersucher“ identifizieren, leben wir in einem ständigen Zustand der Besorgnis. Wir übersehen dabei die unglaubliche Harmonie unseres restlichen Organismus. Sogar die Kämpfe auf mikroskopischer Ebene in unserem Blut dienen der Gesundheit des Ganzen. Was auf einer Ebene als Konflikt erscheint, ist auf einer höheren Ebene vollkommene Harmonie.
Das Erwachen aus der Illusion
Sobald wir diese Isolation als Illusion durchschauen, ändert sich unsere gesamte Lebenseinstellung. Wir fühlen uns nicht mehr wie Fremde auf Probe, die durch einen glücklichen Zufall hier sind. Wir beginnen zu spüren, dass unsere Existenz absolut fundamental ist. Tief im Inneren sind wir der Stoff, aus dem das gesamte Universum gewebt ist. Die Welt ist in Ordnung, so wie sie ist, weil sie anders gar nicht existieren könnte. Oder anders:
Wir sind nicht nur ein Teil der Welt, wir sind die Welt, die sich selbst in Form eines Menschen erlebt.
In dieser Erkenntnis liegt eine Freiheit, die weit über das hinausgeht, was uns herkömmliche Mythen bieten können. Wir sind die ursprüngliche Kraft, die sich als „Du“ und „Ich“ maskiert.
Der Mythos der Isolation: Alan Watts über die Illusion des Getrenntseins
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[via After Skool]


