Barney Kessel und das zeitlose „Swinging Easy!“: Ein Juwel aus der Vinyl-Sammlung

Barney Kessel Swinging Easy

Es gibt diese Tage, an denen man vor dem Plattenregal steht und genau weiß: Heute muss es etwas sein, das die Balance zwischen technischer Brillanz und absoluter Lässigkeit hält. Wenn die Nadel dann in die Rillen von Barney Kessel s „Swinging Easy!“ gleitet, stellt sich dieses Gefühl sofort ein. Kessel, der als einer der meistbeschäftigten Studiogitarristen Hollywoods und Mitglied der legendären „Wrecking Crew“ Musikgeschichte schrieb, zeigt auf diesem Album aus den späten 60ern, warum er im Jazz-Olymp einen festen Platz hat.

Barney Kessel x Swinging Easy – Ein Trio in Höchstform

Aufgenommen in den Polydor Studios in London im Jahr 1968, fängt das Album Barney Kessel in einer Phase ein, in der er den klassischen Bebop-Ansatz längst mit einer bluesigen, fast schon erzählerischen Eleganz verfeinert hatte. Begleitet wird er auf diesem Werk von Kenny Napper am Bass und John Marshall am Schlagzeug. Es ist die Reduktion auf das Trio-Format, die Kessels Spiel hier so viel Raum gibt.

In meiner eigenen Vinyl-Sammlung hat dieses Album einen Ehrenplatz, nicht nur wegen der musikalischen Qualität, sondern weil es exemplarisch für das steht, was guten Jazz ausmacht: Es wirkt nie angestrengt. Der Titel ist Programm. Kessel „schwingt“ sich durch Standards wie „Autumn Leaves“ oder „Corcovado“, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt. Sein Ton ist klar, warm und besitzt diesen charakteristischen Biss, den man von seiner Gibson ES-350 kennt.

Die Brücke zum Hip-Hop: „The Look Of Love“

Für die Digging-Kultur und Fans von anspruchsvollem Hip-Hop birgt dieses Album einen ganz besonderen Schatz. Der zweite Track auf der A-Seite ist Kessels Interpretation des Burt-Bacharach-Klassikers „The Look Of Love“. Während viele Versionen dieses Songs in Richtung Kitsch abdriften, bewahrt Kessel die melancholische Tiefe.

Wer bei den ersten Gitarrenakkorden ein leichtes Zucken im Kopf verspürt, liegt goldrichtig: Kein Geringerer als J Dilla hat diesen speziellen Kessel-Vibe erkannt und für den Slum Village Track „The Look Of Love“ gesampelt. Dilla nahm die sanfte, fast zerbrechliche Melodieführung Kessels und legte sie unter seine unverkennbaren, leicht laid-back programmierten Drums. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie zeitlos Kessels Phrasierung ist – sie funktioniert im verrauchten Jazzclub der 60er genauso gut wie auf einem MPC in Detroit Jahrzehnte später.

Barney Kessel x Swinging Easy – Virtuosität ohne Allüren

Was „Swinging Easy!“ so besonders macht, ist das Fehlen von jeglicher Selbstdarstellung. Kessel hätte mit High-Speed-Läufen glänzen können, wie er es in seinen frühen Jahren bei Oscar Peterson tat. Stattdessen wählt er hier oft den Weg der Melodie. Ein Stück wie „I Will Wait For You“ zeigt seine Fähigkeit, ein Thema so zu interpretieren, dass man den Text fast mitsingen möchte, ohne dass er gesungen wird.

Die Produktion von Alan Bates ist direkt und ehrlich. Man hört das Holz der Instrumente, das Atmen der Musiker und die Dynamik im Zusammenspiel. In einer Zeit, in der Jazz oft entweder extrem experimentell oder zu glatt produziert wurde, blieb Kessel mit diesem Album der Tradition treu, ohne altbacken zu wirken.

Fazit

„Swinging Easy!“ ist ein Album für Entdecker und Genießer gleichermaßen. Es ist die perfekte Platte für einen entspannten Jazz Wednesday, die zeigt, dass wahre Meisterschaft oft in der Zurückhaltung liegt. Ob man nun die gitarrentechnischen Feinheiten analysiert oder einfach nur den Groove genießt, den J Dilla Jahre später für die Ewigkeit konservierte – dieses Album gehört in jede ernsthafte Sammlung.

Wer das Album bei den Streaming-Anbietern sucht, wird meist unter dem Titel „Autumn Leaves“ fündig, da die Rechteinhaber das Release oft nach dem bekanntesten Standard auf der Platte umbenannt haben, um die Suchbarkeit zu erhöhen – auch wenn dadurch der ursprüngliche Vibe von „Swinging Easy!“ etwas verloren geht.

Barney Kessel – „Swinging Easy!“ aka „Autumn Leaves“ // Spotify:

Barney Kessel – „Swinging Easy!“ aka „Autumn Leaves“ // apple Music:

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