Butcher Brown – „Letters From the Atlantic“: Jazz trifft Deep House auf Weltreise

Butcher Brown aus Richmond, Virginia, bewegen sich seit mehr als einem Jahrzehnt zwischen Jazz, Funk, HipHop und Soul. Ihr neues Album „Letters From the Atlantic“ erweitert diese Landkarte nun um die sanfte Eleganz von Deep House, ohne dabei jemals wie ein klassisches DJ-Projekt zu wirken. Die Band schreibt ihre Musik weiterhin live ein, doch viele Motive klingen fast wie gesampelte Loops. Gerade dieser Ansatz verleiht dem Album einen lässigen, modernen Charakter, der sich in jedem Takt bemerkbar macht und sofort ein unaufgeregtes, aber präzises Understatement vermittelt.
Deep House als Inspiration, nicht als Stilkopie
Die Eröffnung führt uns akustisch an die Küste Virginias, Möwen inklusive, bevor ein rollender Drum’n’Bass-Beat subtil in Richtung Club verschiebt. Doch Butcher Brown übernehmen vom House weniger die typische Kick-Drum-Wucht, vielmehr nutzen sie dessen Groove-Sensibilität und die weiche Produktion. „Dinorah Dinorah“ zitiert sogar Grover Washington Jr., als würde man einen seltenen Dollar-Bin-Fund aus dem Plattenladen hören. DJ Harrison legt seine Keys breit wie eine Nebelschicht, unter der jedes Instrument entspannt seinen Platz findet. Drummer Corey Fonville hält die rhythmische Basis konstant, fast hypnotisch, aber stets virtuos. Auf „Ibiza“ wirkt das Ergebnis bewusst club-tauglicher. Eine Sidechain-Ästhetik drückt die Sax-Spuren sanft weg und verleiht dem Track ein deutliches Four-to-the-Floor-Feeling, das in Richtung Balearen winkt.
Butcher Brown x Letters From the Atlantic – Starke Features mit viel Seele
„Letters From the Atlantic“ lebt nicht nur von Instrumental-Nuancen, sondern auch von ausgewählten Stimmen, die nie vordergründig oder überinszeniert wirken. Mia Gladstone haucht eine federleichte Melancholie in „Change in Weather“, während Yaya Bey dem unerschütterlichen Puls von „I Remember“ eine warme, fast raue Intimität schenkt. Die Features erinnern daran, dass wir es hier trotz elektronischer Reminiszenzen weiterhin mit echter Bandmusik zu tun haben. Der organische Charakter bleibt spürbar.
Atlantische Reise zwischen Ländern und Epochen
Das Album versteht sich als musikalische Tour entlang des Atlantiks, bei der unterschiedlichste Stilrichtungen miteinander korrespondieren. „Unwind“ schiebt uns in einen New-York-Club, „Hold You“ lässt über Victoria Victoria fast Sade-Vibes aufkommen, und „Something New About You“ verneigt sich futuristisch vor Robbie Duprees Yacht-Rock-Klassiker „Steal Away“. Selbst Fans der Bandhistorie werden belohnt, denn „Backline“ wirkt wie ein Sequel zum früheren „Frontline“, diesmal jedoch mit warmen Rhodes-Flächen statt ausgeprägter Horn-Solos.
Finale Jazz-Verbeugung
Erst im Finale zeigt die Band ihre klassische Jazz-DNA offen. Nicholas Payton liefert auf „Montrose Forest“ funkige Trumpet-Momente, bevor „Infant Eyes“ Wayne Shorter noch einmal respektvoll grüßt. Plötzlich erscheinen akustischer Bass, sanftes Saxofon und ein nachklappendes Piano, als würde die Band kurz vor Schließzeit noch ein letztes Dankeschön an die Jazz-Ahnen flüstern.
Fazit | tl;dr
„Letters From the Atlantic“ ist ein weiteres Kapitel in einer beeindruckenden Diskografie, die kontinuierlich neue Wege sucht und dabei immer nach Butcher Brown klingt. Dieses Album bewegt sich elegant zwischen Deep House, Jazz, Funk und Soul, aber noch stärker zwischen Gegenwart, Tradition und Zukunft. Es lädt zum Hören ein, aber auch zum Tanzen und es beweist einmal mehr, dass stilistische Offenheit weit mehr sein kann als ein zeitgeistiger Trend.


