Blu & Exile: Time Heals Everything – Die Dekonstruktion eines Mythos

Blu Exile Time Heals Everything

Fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass ein 24-jähriger Rapper aus Los Angeles die Underground-Szene im Sturm eroberte. Mit „Below the Heavens“ schuf Blu im Jahr 2007 ein Werk, das bis heute als heiliger Gral des Boom-Bap gilt. Doch ein solcher Geniestreich wirft lange Schatten. Jahrelang schien Blu in der Mythologie gefangen, die er selbst kreiert hatte. Mit 37 Jahren und nach zahlreichen Kollaborationen bricht er auf dem neuen Album „Time Heals Everything“ nun endgültig aus diesem Schatten hervor. Es ist das sechste gemeinsame Projekt mit seinem angestammten Produzenten Exile, und es zeigt uns einen Künstler, der die Differenz zwischen dem einstigen Wunderkind und dem arbeitenden Rapper von heute akzeptiert hat.

Blu & Exile x Time Heals Everything – Realität statt Nostalgie

Schon der Opener „Soul Unusual“ knüpft klanglich an die „Soul Provider“-Ära an. Doch wer hier bloßes Nostalgie-Marketing erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Blu gibt sich nicht mehr der Illusion hin, derselbe Mann wie vor 19 Jahren zu sein. Stattdessen stellt er die existenzielle Frage: Was passiert, wenn man einfach immer weitergemacht hat? In „In My Window“ reflektiert er entwaffnend ehrlich über seine Karriere. Er gibt zu, dass er zwar nicht das Geld verdient hat, das er sich einst vorstellte, aber gesegnet genug ist, mit seinen Reimen die Miete zu bezahlen. Diese Bodenständigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk.

Lyrische Dichte und politische Klarheit

Die Rap-Technik von Blu war schon immer komplex, doch auf „Time Heals Everything“ dient diese Dichte einem neuen Zweck. In „Shoe Laces“ verwebt er John Coltrane, Kokain und Kohleminen zu einer autobiografischen Momentaufnahme seiner eigenen Schreibkunst. Dabei scheut er sich nicht, klare politische Kante zu zeigen. Auf dem Titeltrack findet sich eine der deutlichsten Zeilen des Jahres, wenn Saba über das Schweigen angesichts der Ereignisse in Palästina rappt. Blu ergänzt dies durch messerscharfe Analysen des US-Gefängnissystems und der damit verbundenen Profitgier. Hier wird nichts mehr verschlüsselt; die Botschaften sind direkt und unmissverständlich.

Hochkarätige Gäste und zeitloser Sound

Das Album glänzt zudem durch eine beeindruckende Gästeliste. Black Thought liefert auf „T.S.O.D.“ einen der stärksten Parts des Albums ab, während Rome Streetz und ICECOLDBISHOP auf „Crumbs“ die Lebensrealitäten zwischen New York und Los Angeles kontrastieren. Musikalisch bleibt Exile seiner Linie treu. Er ignoriert konsequent jeden Produktionstrend der letzten zwei Jahrzehnte. Seine Beats schöpfen weiterhin aus dem unerschöpflichen Brunnen des 70er-Jahre-Soul, geprägt durch warme Hörner, Rhodes-Pianos und zerhackte Vocals. Es ist ein Sound, der nicht darauf wartet, dass der Zeitgeist ihn wieder einholt – er steht einfach souverän für sich selbst.

„Time Heals Everything“ ist kein Versuch, den Erfolg von 2007 zu wiederholen. Es ist das Dokument eines Künstlers, der seine Geschichte annimmt, ohne in ihr zu verharren. Wenn am Ende der Chor von Jimetta Rose den Albumtitel beschwört, klingt das weniger nach einem Heilsversprechen als nach einer notwendigen Selbstreflexion. Blu hat seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht, um die Gegenwart in all ihrer Härte und Schönheit beschreiben zu können.

Blu & Exile – „Time Heals Everything“ // Spotify:

Blu & Exile – „Time Heals Everything“ // apple Music:

Kommentare

Die Kommentare sind geschlossen.