Antonios Laktoseintoleranz

Es war ein heißer Tag im Sommer 1993, ich war mit einigen Freunden bereits vormittags am Strand. Wie spielten Beach-Volleyball, aßen Fritten, hörten Public Enemy-Classics vom Tape und öffneten am frühen Nachmittag die ersten Holsten-Dosen. Natürlich liessen wir die Mädchen nicht aus den Augen und wie immer bewunderten wir Antonio, den glatzköpfigen, athletischen, erfolgreichen Immobilienhändler aus Italien, der immer mit einer Horde von Mädchen an den Strand kam. Umwimmelt von den attrtaktivsten Damen rauchte er liegend seine Ernte23-Zigaretten, wenn er schnippte, cremete ihm ein dunkelhaariges, seinerzeit stadtbekanntes Model seinen Oberkörper ein, auf Fingerzeig liefen andere los und besorgten ihm kalte H-Milch in Halbliter-Tetrapaks.

Ganz ehrlich: wir hassten ihn. Wir waren neidisch und wir verfluchten ihn. Aber um an die Weiber Mädchen heranzukommen, beschlossen wir, Kontakt aufzubauen. Freund Hansen lud ihn zu einer Partie Beach-Volleyball ein. „Das iste nette, abe spinnste Due? Iche bewege miche heute nichte, iche lasse bewege!“, antwortete er, und lachte lauthals. Uns aus. Und seine Models gleich mit. Fortan hassten wir ihn noch mehr, diese öläugige Mafiosi-Fleischmütze.

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Als die Sonne unterging verliessen wir den Strand. Wir fuhren heim, frischten uns auf und gingen an diesem Abend wie so oft in unseren Stammclub. Parallel dazu fand an diesem Abend im Kieler Schloß eine Veranstaltung einer örtlichen Kreditanstalt statt, welche für uns nicht uninteressant war. Wir beschlossen, uns als Tonkünstler auszugeben und schlichen uns so über den Empfangsbereich hindurch bis in den Hauptsaal. Dort angekommen bestellten wir Champagner, der inklusive einer „Wer sind Sie eigentlich?“-Rückfrage serviert wurde. „Ääääh, DJ.“, die knappe Antwort von Freund Hazeman, welche uns für zahlreiche weitere Getränke an diesem Abend legitimierte. Nachdem hier alles so wunderbar geklappt hat und ich zum Abschluss von der Bühne aus über das Mikrofon die anwesenden Gäste zur Vernunft aufrief, den Wagen im Falle des übermäßigen Alkoholkonsumes doch stehen zu lassen, überlegten wir uns die nächste Gaukelei. Hansen wusste, dass ein relativ exquisites Hotel in der Nähe über einen größeren Spa-Bereich verfügt, als das uns inzwischen bekannte Hotel. Erneut schlichen wir uns am Empfang vorbei, grüßten noch recht freundlich und betraten das hoteleigene Schwimmbad, in welchem wir uns bis auf die Shorts auszogen und ein paar Bahnen schwommen.

Im Laufe der Nacht wurde es zunehmend lauter. Wir hatten die ersten Wettschwimmen inszeniert und uns dabei gegenseitig angefeuert. Uns war klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sich das Sicherheitspersonal des Hotels bei uns nach möglichen Motiven bezüglich unserer schallenden Nachtaktivität erkundigt. Als Hansen gerade am Beckenrand unterleibsbefreit einen Helikopter ausübte, war es auch schon so weit: ein Angestellter einer externen Sicherheitsagentur betrat das Schwimmbad; und irgendwie kam dieser Mann uns bekannt vor. „Antonio?!“, rief Hansen – seine Unterpinte immer noch in der Hand haltend – dem Jungen Mann in der Tür zu. „Was… was machst Du denn hier? Ich denke, Du machst in Immobilien?“. Recht kleinlaut gab Antonio zu, bei der Angabe betrefflich seines Broterwerbes ein wenig geflunkert zu haben. Ferner bat er uns, diesen Mythos bei seinen Freundinnen weiterhin fortbestehen zu lassen. Ich kam auf folgende, für uns alle in jeder Hinsicht profitable Idee: „Antonio mein Sohn – das machen wir doch gerne! Du könntest uns im Gegenzuge dann aber noch fünf Minuten baden lassen – und was Deine Freundinnen betrifft: da legst Du doch bestimmt ein gutes Wort für uns ein?!“. Antonio hatte keine Wahl.

Keine 10 Stunden später spielten wir wieder wieder Beach-Volleyball, diesmal mit Antonios Mädchen.
Und seine H-Milch holte er sich künftig selbst.

Kommentare

29 Antworten zu “Antonios Laktoseintoleranz”

  1. suzan sagt:

    isch habe garkein auto…glück für euch!

  2. Htwo sagt:

    Du schaffst es auch immer wieder, dass man das Gefühl hat nichts erlebt zu haben…

  3. Mlle Diff sagt:

    Sie scheinen in Ihrer Jugend unter einer gewissen Hotel-Swimmingpool-Affinität gelitten zu haben.

  4. Hotelattackstorys- Super. Ölige Fleischmütze- Typisch
    Sicherheitsfirma. Vielleicht hätte Vollmilch was gebracht.

  5. zoee sagt:

    jaja, diese mädchenrudel, die sich an vermeintlich wichtige persönlichkeiten heranschmeissen, keinen offensichtlichen zickenkrieg anfangen, um nicht als uncool dazustehen und dann doch nur die hühnerbrüstchen abgreifen können, weil der ölprinz sich lieber mit der unbilligen hotelrezeptionistin verlobt.
    und dazu die hühnerbrüstchen, die keinen stich ohne fremder hilfe hinbekommen. es sei denn, man nimmt die hässliche freundin der hübschen freundin in der hoffnung, so bei der hübschen punkten zu können, weil man sich erbarmt hat (was ist das für eine logik???) und die hässliche, die das mitmacht, damit ein bisschen glanz auf sie abfällt. total überschätzte aktionen sind das.

    was für eine jugendsozialstudie aus dem vergangenen jahrhundert! :)

  6. menace sagt:

    …Du sollst hier doch nicht immer alle Tricks verraten! Immobilienmakler is doch immer meine Masche in der „China“ hier in Hamburg:-)

  7. Mone sagt:

    Ich versuche ja immer noch das „unterleibsbefreite Helikopter“ – Bild aus meinem Kopf zu kriegen… uhhh!

  8. Gürtel sagt:

    „Wettschmimmen „…bitte korrigieren ;-) sonst wieder unterhaltsam..was war das für ein sackrasierer?kennt man den?

  9. steuertusse sagt:

    endlich mal wieder ein Klassiker…. da haben wir ja lange drauf warten müssen….

    durftet ihr die models nur anschauen- oder ging da auch was ? ?

    ;o))

  10. singhiozzo sagt:

    Gratuliere Winkel, mal wieder ne 1A Geschichte am beschissenen Montagmorgen! ABER: wo bleibt denn die Laktoseintoleranz aus der viel versprechenden überschrift?

  11. steuertusse sagt:

    man man- singhiozzo- ER TRANK H-MILCH (keine Vollmilch!)

  12. singhiozzo sagt:

    @steuertusse: danke für den tipp. aber anscheinend hast du aufklärung in sachen laktoseintoleranz nötig: h-milch oder vollmilch ist völlig egal, laktose ist in beiden! (Kannst mir glauben, bin selbst betroffen ;-))

  13. Nancy sagt:

    Mc`s Badehose is toll! :D

  14. MC Winkel sagt:

    @ szuan: Unser Glück, dass Sie kein Auto haben? :)
    @ Htwo: Mensch Herr Htwo, Sie sind doch noch jung: Mein Tip: schließen sie sich mit einer Gruppe gleichaltriger Jugendlicher zusammen, die gerne Bier trinkt. Dann passiert sowas immer automatisch; weiss auch nicht warum.
    @ Mlle Diff: Höchst definitiv!
    @ Jerry: Hehe, bei der ein oder anderen warst Du ja auch mit dabei! Vollmilch? Aber nicht die vom Tresen im Jütlandring. :)
    @ zoee: Immer dasselbe, nä. Kannst ne Schablobe drüberlegen…
    @ menace: Und, klappt? Dazu dann immer das Juve-Trikot an? :)
    @ Mone: Heli, Heli, Heli! Werde die passenden Bilder dazu übrigens nicht hier reinstellen.
    @ Gürtel: Danke, heb wi. Neee, das war ja alles noch 3-4 Jahre vor Deiner Jugend. :)
    @ steuertusse: Ob da noch was ging… kommt noch! Aber: wie kommst Du darauf, dass ich H-Milch keine Laktose ist?
    @ singhiozzo: Danke! Und: naja, ich dachte es passt ganz gut als Headline… jetzt, wo Antonio sich die Milch immer selbst besorgen musste und somit gleich ganz drauf verzichtete. So, als hätte er plötzlich diese… sagt man: Krankheit? Also die Intoleranz.
    @ Nancy: H&M, war 1993 der Verkaufshit (2 weitere Freunde hatten die auch noch).

  15. zoee sagt:

    in einem bestimmten alter ist alles immer dasselbe. das ist wohl genetisch-natur-biologisch bedingt. wenn man selbst drinsteckt, fällt einem das nicht auf. jahre später allerdings schon!
    ich finde die geschichte sehr lustig und „süss“!

  16. Herr Schmidt sagt:

    Sag‘ mal, schielst Du der schwarzbestringten Dame auf den Arsch oder wirfst Du Dein Haar lässig in den Nacken? Was ist da auf dem Foto los?

  17. Solidglobe sagt:

    Hammer Badehose! Und große Geschichte… armer Antonio…

  18. Nahemah sagt:

    *hehe* Ihre Badehose kommt mir bekannt vor!
    Mein Vater trug in den 90’ern auch so eine. ;oP

  19. Erinnert mich an unseren Klassenschönling…. boaaa… wie ich den gehasst habe.

  20. pro-viel sagt:

    Antonio? Den kenn‘ ich….vorher hat er mir noch erzählt, sein Vater hätte 1000 Leute unter sich…war Friedhofsgärnter….so ein Blender….tzzzzzz

  21. r0ssi sagt:

    helikopter nennt man das also… ;-)

  22. Erdge Schoss sagt:

    Sie Trendsetter, werter Herr Winkelsen,

    Sie waren das also, weswegen alle Welt
    plötzlich türkisfarbene Ballonbadehosen trug!

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  23. Da Shan sagt:

    manchmal sind die Zufälle die das Leben bereit hält einfach zu großartig. Voll Schwein gehabt würde ich mal sagen.

  24. D. sagt:

    Helikopter geht nur mit Fleisch Pe*is ….

  25. Robby sagt:

    *lach*, wie geil. Herrliche Geschichte :D

  26. creezy sagt:

    Soviel zum Thema man trifft sich immer zwei Mal.

  27. LorettaLametta sagt:

    Hab‘ auch gelacht, besonders über unterleibsbefreit , damit hat sich Herr Winkel wieder einen Googleplatz in den vordersten Reihen gesichert ;)
    Schade, daß da keine Zeichnung dabei war.
    Die Geschichte ist wild wie im Kino, erinnert mich auch an irgendwas, aber ich komm‘ nicht drauf.
    Sehen sie mal zu, daß Sie zu Enkeln kommen, die dann mit ihrem Krawallopa ordentlich angeben können!

    Nur neidisch,
    Loretta

    P.S.
    Manche Winkelschen Wortschöpfungen sollten eigentlich beim Assoziations-Blaster weiterverwertet werden.
    http://www.assoziations-blaster.de/suche.epl?search=unterleibsbefreit

  28. oasenhoheit sagt:

    erinnert mich irgendwie an die folge von „sex and the city“, als die mädels von der dame, die die tische in einem nobelrestaurant vergibt, immer abgewiesen werden, bis ihr eine mal aus einer unangenehmen lage auf der damentoilette mit einem „hygieneartikel“ aushilft. *g*

    zu dem helicopter:
    ging der mit oder gegen den uhrzeigersinn? *fg* :p ;)

  29. helifan sagt:

    wow, so wild wie der junge MC war ich leider nie … aber auf helis steh‘ ich auch, wenn auch nur diese … http://www.youtube.com/watch?v=bLfbAfWlETY Kommen Se ‚mal mit Herr Winkelsen oder ist das Thema helis bei Ihnen nunmehr „unten durch“?

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