Alex Isley – „When the City Sleeps“ // Synästhesie und moderner Soul

Auf ihrem sehnsüchtig erwarteten Major-Label-Debütalbum „When the City Sleeps“ singt Alex Isley über die Liebe, wie die meisten Menschen erst nach Mitternacht darüber nachdenken: wenn es kein Versteck mehr gibt. Alex Isley sieht Farben, wenn sie Musik hört. Sie hat oft beschrieben, wie sie Tonarten mitten in der Komposition ändert, weil die Farbe eines Akkords nicht zu dem Gefühl passte, das der Song vermitteln sollte. Mit dem vom Vater Ernie Isley geerbten absoluten Gehör und einer Synästhesie, die Klang direkt mit Vision verknüpft, erklärt sich die Tiefe von „When the City Sleeps“ fast von selbst. Jede Entscheidung über Tempo und Gesangsplatzierung wirkt hier wie an einem inneren Maßstab gemessen, den nur sie wahrnehmen kann.
Alex Isley x When the City Sleeps – Die Anatomie des Verlangens
Die Songs über das Begehren treffen am härtesten, weil Alex Isley dort spezifisch wird, wo andere R&B-Platten sich mit bloßer Stimmung begnügen. In „Ms. Goody Two Shoes“ geben Campers hüpfender Bass und das stotternde Drum-Programming ihr den Raum, gleichzeitig witzig und direkt zu sein. Sie fordert ihr Gegenüber auf, den Zeitplan neu zu ordnen. Und sie lässt die Zeile fallen: „Mama taught me be polite but also talk my shit.“
Der Song „Hands“ geht in die entgegengesetzte Richtung, ganz nach innen, nur Nervenenden. Über einer basslastigen, spärlichen Produktion bittet sie darum, berührt zu werden. Ohne dass Seide oder Satin zwischen der Haut liegen. Der Track „Alone“ von D’Mile treibt diesen Impuls auf die Spitze. Die Verzweiflung in den kurzen, übereinander stürzenden Sätzen ist der Moment, in dem das Album am ehesten die Beherrschung verliert.
Ein Tribut an die West Coast
KAYTRANADA und TEK.LUN haben „Mic On“ so konstruiert, dass er wie ein vorbeifahrendes Auto auf dem Crenshaw Boulevard wummert. Isley antwortet darauf mit einer Selbstdarstellung, auf die sie ihre ganze Karriere lang gewartet zu haben scheint. Sie nennt ihr Viertel West Adams, buchstabiert ihren Nachnamen und verweist auf ihre Blutlinie. Das Selbstvertrauen ist entwaffnend ehrlich, während der Beat genau das richtige Maß an Stolz besitzt.
Los Angeles taucht immer wieder in Details auf, die zu spezifisch sind, um nur Dekoration zu sein. „Westside“ beschreibt jemanden, der nur noch ein paar hundert Dollar auf dem Konto hat und einen sicheren Ort zum Schlafen sucht. Die Produktion von Freaky Rob und ABRHM klingt dabei, als wäre sie in einem Auto mit einen Spalt breit geöffneten Fenstern aufgenommen worden.
Zwischen Nostalgie und schmerzhafter Klarheit
In „PCH“ begibt sich Isley gemeinsam mit Syd auf den Pacific Coast Highway. Sie erinnern sich an Versprechen aus ihrer Jugend. Isley schreibt hier so, dass sie die Menschen, die sie liebt, nicht von den Orten trennt, an denen sie sie geliebt hat. Doch ihre schmerzhaftesten Texte entstehen dann, wenn der Kopf die Situation bereits verstanden hat, der Körper aber noch nicht folgen will.
„Thank You for a Lovely Time“ ist das vielleicht erschütterndste Stück der LP. Warum will sie weiterhin das, was sie nicht will? Etwas in ihr möchte loslassen, während ein anderer Teil einem Mann gegenüber loyal bleiben will. Ein Mann, der ihr gar nichts versprochen hat. Sie wollte einfach nur eine Hand zum Halten.
Was dieses Album zu einem Triumph macht, ist die Distanz zwischen der absoluten Selbstsicherheit und der totalen emotionalen Erschöpfung. Isleys Stimme besitzt eine Klarheit, die keine Lautstärke benötigt. Sie drückt nie, sie presst nie. Und gerade diese Zurückhaltung verrät, wie viel Kraft sie tatsächlich zurückhält. Dies ist das Werk von jemandem, der vierzehn Jahre in den Studios anderer verbracht, alles gelernt hat und nun endlich genug Eigenes zu sagen hat.


