Schlagstock, Kriege, Klimakrise – wie Protest kriminalisiert wird // Doku von Hubertus Koch

Schlagstock Kriege Klimakrise

Hubertus Koch sitzt allein vor seinem Handy und sieht, wie sich die Bilder gleichen: Flut in Chile, Flut in Thailand, Flut in den USA, Flut in Italien, Flut in Spanien. Der heißeste Sommer aller Zeiten forderte Hunderttausende Hitzetote, und trotzdem fragen manche spöttisch, wo die Klimabewegung eigentlich geblieben sei. Koch hält dagegen, denn sie ist nicht gescheitert, sondern wurde geprügelt. In seinem sechsten HubiKochOriginal „Auf Panzern in die Klimakrise“ zeichnet er die vergangenen Jahre nach, in denen staatliche Gewalt, Strafverfahren und Medienlogiken eine Bewegung dezimierten. Entstanden ist die Produktion völlig unabhängig, ohne Auftraggeber, Produktionsfirma, staatliche Förderung und Sender, getragen allein von der Crowd. Am Ende steht die Systemfrage, und trotzdem bleibt etwas, das Hoffnung macht. Schlagstock, Kriege, Klimakrise – wie Protest kriminalisiert wird – hier die komplette Doku von Hubertus Koch.

Greta Thunberg und die Folgen der Palästinafrage

Koch trifft Greta Thunberg in Berlin, ausgerechnet am Tag einer Fridays-for-Future-Demo, in einem palästinensischen Restaurant. Mit am Tisch sitzen eine Journalistin und eine Aktivistin, die gemeinsam mit Thunberg auf der Flotilla unterwegs war, einer Segelflotte mit humanitärer Hilfe für das abgeriegelte Gaza. Danach saßen die beiden im israelischen Gefängnis und berichten von Folter. Dabei hatte die Geschichte der Bewegung so hoffnungsvoll begonnen: 2018 geht die damals 14-jährige Thunberg in den Schulstreik, und Klimakanzler, grüner Wirtschaftsminister und grüne Außenministerin scheinen den Wind of Change zu bestätigen. Dann zerbricht Fridays for Future an der Palästinafrage. Nach dem 7. Oktober warfen Medien Thunberg zu wenig Anteilnahme für israelische Geiseln vor und deuteten frühe Palästina-Solidarität als Hamas-Support, seitdem ist sie aus dem Mainstream verschwunden.

Dannenröder Forst: Wie Ella zum Exempel wurde // Schlagstock Kriege Klimakrise

Koch erzählt, wie er selbst lernte: 2020 im Dannenröder Forst, durch den eine Autobahn führen sollte. Aktivistinnen besetzen den Wald, die Polizei setzt die Rodung durch und Koch trifft zum ersten Mal Klimaaktivistinnen. Ein 23-Jähriger erklärt ihm, dass mitten in einem Mischwald im Trinkwasserschutzgebiet eine Autobahn entsteht, obwohl man den Güterverkehr auf die Schiene bringen müsste. Koch macht sich schließlich bewusst mit der Sache gemein, bricht eine alte journalistische Regel und packt mit an. Der Kampf ist trotzdem nicht zu gewinnen und an Ella, dem Symbol der Besetzung, statuiert die Justiz ein Exempel. Nach ihrer Festnahme in 15 Metern Höhe lautet die Anklage versuchter Totschlag, das Urteil lautet zwei Jahre und drei Monate Haft. Als sie nach der Freilassung noch drei Monate absitzen soll, flüchtet Ella und lebt heute im Amazonasgebiet.

Ahrtal und RWE: Das Geld hinter der Krise

Das Ahrtal 2021 macht für viele alles offensichtlich: 135 Menschen sterben in der Flut, staatliche Institutionen versagen und während Jeff Bezos ins All fliegt, lacht Armin Laschet im Flutgebiet. Im Hintergrund steht Gregor Golland, CDU-Landtagsabgeordneter und mit über 100.000 Euro auf der Payroll von RWE. Koch (feat) zeigt, wie eng Politik und Konzerne verflochten sind. Für den vorgezogenen Kohleausstieg erhält RWE 2,6 Milliarden Euro, obwohl der Konzern zuletzt 1,8 Milliarden Euro Nettogewinn auswies. Eine Studie des Flossbach von Storch Research Institute zeigt laut Koch, dass Gigakonzerne öffentliche Gelder als Betriebseinnahmen verbuchen und sie so in Profite und Managerboni verwandeln. Darunter leiden vor allem die unteren Einkommensschichten. Thunberg bringt es auf den Punkt: Wann immer die Mächtigen die Wahl haben, Mensch und Planet über Profit zu stellen, entscheiden sie sich für Profit und Macht.

Lützerath: Der Ort der Hoffnung fällt

Lützerath wird zum Kristallisationspunkt der Bewegung. Auf der Wiese eines Landwirts wächst über Jahre ein Baumhausdorf, in dem sich Betroffene und Aktivistinnen, Jung und Alt, vernetzen. Elster erzählt, wie sich nach den großen Freitagsprotesten viele radikalisierten, weil Appelle an die Bundespolitik nicht reichten. Im Januar 2023 rücken Bagger und Polizei an und zur Abschlusskundgebung kommen 35.000 Menschen, wobei es zu massiver Polizeigewalt kommt. Koch verschweigt nicht, dass Flaschen, Böller und Pyros flogen, doch er fragt: Würde man eine ganze Fußball-Fanszene canceln, weil 50 Leute Pyros auf den Rasen schießen? Am Ende verbrennt RWE die 110 Millionen Tonnen Kohle unter dem Ort, und Deutschland verfehlt seine Klimaziele endgültig.

Letzte Generation: Wenn Paragraph 129 Protest trifft

Parallel hält die Letzte Generation Deutschland in Atem, mit Kartoffelbrei auf einem Gemälde und Blockaden mitten im Alltag. Das Echo fällt hart aus: Beleidigungen, Schmerzgriffe, schlechte Presse. Dann folgt eine Razzia in mehreren Bundesländern, Ermittler beschlagnahmen Konten und sperren die Webseite. Die Generalstaatsanwaltschaft München verdächtigt die Gruppe der Bildung einer kriminellen Vereinigung nach Paragraph 129, der eigentlich Terrorismus und organisierte Kriminalität bekämpfen soll. Gegen Pressesprecherin Carla Hinrichs greifen die Behörden zu allen Mitteln: Beamte beschatten sie, hören ihre Telefonate ab und stürmen mit 30 Bewaffneten ihre Wohnung. Dabei war die Gruppe komplett öffentlich, denn das Kernteam hatte seine Namen selbst vor der Staatsanwaltschaft plakatiert. Hinrichs spricht von einem Autokratisierungsprozess, weil Meinungs- und Versammlungsfreiheit die Werkzeuge der Bevölkerung sind. Heute meidet sie direkten Polizeikontakt.

Ende Gelände: Verdachtsfall Klimabewegung // Schlagstock Kriege Klimakrise

Drei Jahre nach Lützerath treffen sich beim Klimacamp in Hamm die Übriggebliebenen von Ende Gelände. Das ist keine breite Bewegung mehr, sondern ein nervöses Umfeld, denn rechte Streamer haben sich angekündigt. Der Verfassungsschutz stuft die Gruppe als linksextremen Verdachtsfall ein und darf deshalb Spitzel einschleusen, zuletzt flog in Bremen ein verdeckter Ermittler auf. Dabei macht Ende Gelände Forderungen und Aktionskonsens öffentlich. Koch beschreibt, wie solche Etiketten Misstrauen säen, Bündnisse abschrecken und gute von schlechten Aktivisten trennen. Er sieht den Grund in einem Rechtsruck: Die Klimabewegung ist links und fällt deshalb dem Rechtsruck zum Opfer, genau wie viele NGOs und soziale Einrichtungen. Wer Klimagerechtigkeit ernst meint, muss die Wachstumslogik hinterfragen, doch genau diese Frage schiebt der Diskurs per Hufeisentheorie an den Rand.

KNDS: Wo Krieg reich macht

Nachts blockieren rund 200 Aktivistinnen in Mülheim an der Ruhr das Werk von KNDS, wo einst Teile für Windkraftanlagen entstanden und man heute Panzerstahl herstellt. Ihr Argument: Ein einzelner Panzer verursacht vorsichtig geschätzt rund 100 Tonnen CO2 und je nach Studie stammen 5 bis 8 Prozent der weltweiten Emissionen aus der Rüstungsindustrie. Ein Arbeiter, seit 42 Jahren auf der Hütte, hält dagegen: Wenn wir es nicht machen, machen es andere, und der Standort stand lange kurz vorm Abgrund. Auf der Rüstungsmesse in Paris wollen die europäischen Staaten bis 2030 über eine Billion Euro investieren, und KNDS präsentiert gemeinsam mit Elbit Systems einen neuen Raketenwerfer. Rheinmetall betont, keine Kriegswaffen nach Israel zu liefern, während Koch ergänzt, dass der Konzern Komponenten wie Bauteile für Panzermotoren liefert.

Ulm 5 und die Hoffnung // Schlagstock Kriege Klimakrise

Im September 2025 dringen fünf in Berlin lebende Palästinaaktivistinnen in ein Werk von Elbit ein, zerstören Equipment und warten kartenspielend auf die Polizei. Ihr Prozess läuft in Stuttgart-Stammheim, wo schon die RAF-Prozesse stattfanden, und die Angeklagten erscheinen in Handschellen hinter Sicherheitsglas. Auch hier greift Paragraph 129, das Urteil erwartet man im Januar 2027. Koch zieht Bilanz: Es ging nie um die Autobahn, die Kohle oder eine Waffenschmiede, sondern um Geld und Macht. Dazu kommen 450.000 prognostizierte Klimatote bis Februar 2027 durch einen Super-El-Niño und eine AfD, die in Umfragen stärkste Kraft ist. Und doch macht der Mensch Hoffnung: Französische Schulblockaden inspirieren Proteste in Belgien, Spanien, Italien und Deutschland. Entscheidend ist nicht die Protestform, sondern dass es Protest gibt.

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