Montagskolumne: Meteorologischer Frühling, Seelischer Winter

Winter Schneematsch Schietwetter WHUDAT

Jetzt bin ich seit Freitag Nacht wieder zurück im kalten Kiel und was soll ich Euch sagen: ich bin auch seelisch wieder in Deutschland angekommen. Körperliche und seelische Kälte, genau der Zustand, den ich hier jetzt über 35 Jahre mitgemacht habe und gegen den ich nun wirklich alles auf eine Karte gesetzt habe, um ihn loszuwerden. Gestern war Frühlingsanfang und wir bewegen uns meteorologisch im Bereich um den Gefrierpunkt, seelisch liegen wir bei 25% AfD, also minus 32° Celsius.

Ich kann Euch gar nicht beschreiben, wie schlimm die norddeutsche Kälte in den Monaten Oktober bis April für mich ist. Wobei, … eigentlich doch. Ich hasse sie, abgrundtief. Es ist kalt und es zieht noch kälter in den Atemwegen. Die Augen lassen sich selbst bei einem leichten Wind nur schlitzartig öffnen und aus diesen Schlitzen tränt es. Die Nase macht dicht, die Poren auf ihr öffnen sich, sie wird rot. Und sobald auch nur ein kleiner Windzug den Hals unterhalb der Kehlkopfhöhe streift, ist man 9 Tage krank. Dazu die trockene Heizungsluft in der Wohnung. Sie verstärkt alle oben genannten Symptome, die gerade noch frostig tränenden Augen werden blitzgetrocknet, gleiches gilt für die Atemwege und – für mich das schlimmste – die Haut. Heizung auf 4 bedeutet sofortige Umstellung der Cremegewohnheit, Lotion reicht nicht mehr, die feuchtigkeitsspendende Körpermilch muss her. Eincremen muss man sich von nun an 2x am Tage, besonders die Schienbeine brauchen Feuchtigkeit. Vergisst man einen Cremevorgang, fangen die Beine an zu jucken und reissen einen aus dem Schlaf, ein schlimmerer Juckreiz als ihn Tilidin-Abhängige jemals beschreiben könnten.

Und dann der Schnee. Von einer „wunderschönen Winterlandschaft“ wollen sie uns immer erzählen, die Radiogesichter des Nordens. Dabei ist das nichts Anderes als gefrorenes Unwetter, Klumpregen, die ‚weiße Scheiße von oben‘, machen wir uns da nichts vor. Schneeflöckchen Weißröckchen my anus. Aber mit Verniedlichungsformeln lassen sich die in Kaltwetterzonen gestrandeten ja immer besänftigen. Wer glaubt, dass Schnee schön ist, der findet auch Waldbrände schön. Machen wir einfach ein Kinderlied draus, Waldbrändchen, Feuerflämmchen, funktioniert hier offensichtlich für Alles. Lasst uns singen (Schneeflöckchen Melody):

„Holoköstchen, Gaskämmerlein, ach das war doch nur fun.
Schuppenflechtchen, Lungenkatarrhio – we are always on the run!“

Deutschland ist wirklich ein Phänomen. Nirgendwo anders gibt es ein ausgeprägteres Schönredentum, der Deutsche will glauben, egal wie deutlich die Fakten sind. Self-fulfilling Mind-Marketing. Frost im Frühling? Ach ist doch gut für die Natur, denkt an die Trauben, den deutschen Wein. Die Nazis sind zurück im Land? Ach quatsch, das waren gar keine 25%, das liegt doch nur an der schlechten Wahlbeteiligung. Digger, die Scheiße geht hier gerade mal komplett den Bach runter. Also ernsthaft. Meine schlimmsten Rassismus-Theorien haben sich bewahrheitet, die Leute meinen das ernst, und das nicht nur im Osten. Ich bin mir leider sicher, dass wir hier in Schleswig-Holstein ebenfalls bei >15% Hitler lägen, für Kiel allein rechnete ich mit 18%+, wenn heute Wahlen wären. Weil sie so sind. Und das sind einfach nicht meine Leute. Das ist nicht mein Klima, so oder so.

Mit diesen Worten möchte ich Niemanden beleidigen. Es ist ja immer eine Entscheidung und wenn man den Norddeutschen glauben darf, dann lieben sie ihre Heimat, auch – teilweise sogar gerade – wegen des Schietwetters, wie sie es euphemistisch nennen. Ist halt Geschmackssache. Ihr kennt mich, ich gönne jedem seinen Spaß und wenn jemand den norddeutschen Klima-Swank als flashbar erachtet, biddesehr. Mein Geschmack ist halt einfach ein anderer, ich möchte das hier geschilderte einfach nicht, es tut mir nicht gut, macht mich traurig und meine Haut rissig, also fliehe ich. Simple as that, Herr und Frau Fußfrost, no offense. Aber macht mal Euren Winter alleine. Und den Frühling gleich mit.

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Kommentare

6 Antworten zu “Montagskolumne: Meteorologischer Frühling, Seelischer Winter”

  1. Folker Holtenau Homie sagt:

    Emser Du sprichst mir so dermaßen aus der Seele, das glaubst Du gar nicht! Mir graut jetzt schon vorm Rückflug nächste Woche – ich kenne das genau : trockene Haut Jucken etc. wenn ich hier in Florida bin, ist das alles vorbei aber sobald ich wieder in D bin…… Ich dachte immer das ginge nur mir so dass mich jedes Jahr der deutsche Winter mehr und mehr annnervt, aber ich sehe ich bin nicht der einzige. Wenn die dunkle Zeit kommt, freue ich mich jedesmal auf meine Reise hierher und beim lesen deiner Kolumne hier im warmen hab ich volles Verständnis ! Sieh zu, dass du wieder ins warme kommst !

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  2. MC Winkel sagt:

    @Folker Holtenau Homie: Danke, Folker! Jo, es ist absehbar. Sind noch 4 Tage, aber die kommen mir vor wie 4 Jahre. Es ist so schlimm hier, 13h und ich musste gerade meine Schreibtischlampe einschalten! Das hat wirklich keiner verdient, finde ich. :(

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  3. die_schottin sagt:

    Endlich mal wieder ein Blog-Post im good old Winkelsen-Style :)

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  4. nasihasi sagt:

    Frühlingsanfang heißt aber auch Neuanfang und alles wird wieder schön.

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  5. Gerd Tams sagt:

    Für mich ist diese Zweizeiler im Text die absolute Geschmacksverirrung. Pfui!

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  6. Gerd Tams sagt:

    Der Link auf meine Webseite ist wohl nicht erwünscht, oder?

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