Wiki – Ancient History: Der mürrische Poet seziert das verdrängte Herz von New York

Der New Yorker Rapper Patrick Morales verbringt inzwischen ein ganzes Jahrzehnt damit, die Gehwege seiner Heimatstadt in lyrisches Futter zu verwandeln. Unter dem Künstlernamen Wiki spuckt er Zeilen voller Dreck und ungeschönter Wahrheit aus. Mit seinem neuen Album „Ancient History“ blickt der Künstler auf eine Stadt, die sich unter seinen Füßen drastisch verändert. Er verarbeitet den Verlust von Heimat, weil die unaufhaltsame Gentrifizierung ihn systematisch aus den eigenen Vierteln verdrängt.
Wiki x Ancient History – Die raue Poesie der Bodegas
Gleich zu Beginn des Tracks „GTFOH“ öffnet eine Frauenstimme mitten im Satz die Erzählung und analysiert eine chaotische Liebesaffäre. Morales zieht aus diesen bitteren Worten jedoch keine Romantik, sondern er erkennt die Parallelen zu seiner geliebten Metropole. Die vertrauten Straßen seiner Kindheit sind unbezahlbar geworden, weshalb er die Fragmente der Vergangenheit wie altes Filmmaterial untersucht.
Seine Stimme klingt dabei gewohnt nasal, kratzig und wunderbar unpoliert. Er rappt wie ein Mann, der ein Gespräch unbemerkt in der U-Bahn beginnt. Auf „GTFOH“ erklärt er sich selbst zum tragischen Poeten der lokalen Bodega-Katzen, aber er reißt dieses romantische Bild sofort wieder ein. Der harte Alltag lässt keinen Raum für falsche Mythen, denn die Realität auf dem Asphalt bleibt gnadenlos.
Geld regiert die Stadt
Das Stück „Right Away“ schlägt in eine ganz ähnliche Kerbe. Wiki listet hier panisch all die Dinge auf, die er im Leben nicht kontrollieren kann. Er kann nicht fahren, er kann nicht flüchten, zudem kann er die Augen vor dem Wandel nicht verschließen. In „One Time“ hinterfragt der Musiker schließlich den eigenen Erfolg im kapitalistischen System, obwohl er gleichzeitig selbst bezahlte Werbung auf Instagram schaltet.
Zuflucht im städtischen Grün
Der Park bleibt der einzige Ort in ganz New York, den die Menschen ohne eine elektronische Karte betreten dürfen. Das wunderschöne Stück „Park“ entwickelt sich nach einem einleitenden Filmschnipsel zu einem sonnigen Spaziergang durch die bekannten grünen Lungen der Stadt. Morales wandert gedanklich durch den Seward, Tompkins und den Central Park.
Er stellt fest, dass hier der einfache Arbeiter auf der Bank neben jenen Gesichtern sitzt, deren Namen auf ebendiesen Bänken eingraviert sind. Die Parks sind offen für alle Menschen, aber die gemütlichen Wohnungen bleiben unbezahlbar.
Wiki x Ancient History – Die Vertreibung aus der Heimat
Der emotionale Track „Bloom“ verdeutlicht dieses soziale Drama im Detail. Die Künstlerin duendita kreist das Wort Miete so lange gesanglich ein, bis der Begriff seine feste Form verliert. Morales nimmt diese urbane Transformation persönlich, denn er sieht seine Existenz bedroht.
Er fragt wütend, warum die Stadt ihn auf seinem eigenen Block steuerlich zur Kasse bittet, während die klassischen Taxis zu anonymen Lieferdiensten mutieren. Für acht Stunden harte Arbeit kauft er sich jedes Jahr weniger Anteile von seiner Nachbarschaft. Schließlich gesteht er seinen Freunden erschöpft, dass er diese hektische Umgebung verlassen möchte. Seine Bewerbung an die alte Heimat wurde endgültig abgelehnt. Der Song „IHNY“ lässt diese intensive Hassliebe noch einmal durch die gesamte Historie der Stadt laufen.
Der schmerzhafte Blick zurück
Das melancholische Lied „Bourbon“ beginnt mit einem heftigen Kater und verweilt konsequent in dieser düsteren Atmosphäre. Der Refrain analysiert schonungslos den brennenden Schmerz in der Brust. Morales schwört sich zwar die absolute Nüchternheit, aber die familiäre Genetik holt ihn am zweiten Tag wieder ein. Am Ende schüttet er das alkoholische Glas komplett aus, da der bittere Schmerz genau wie der Schnaps fließen muss.
In „All in the Lining“ wiegt die Last des Lebens schwerer als jeder glänzende Schmuck von der Stange. Gemeinsam mit seinem Kollegen Your Old Droog feiert Morales die raue Authentizität abseits des großen Ruhms. Am Ende schließt sich der Kreis eines nachdenklichen Künstlers. Wiki bleibt mit 28 Jahren zynisch, meidet die hippen Cafés und blickt durch den Smog auf eine Stadt, deren glanzvolle Geschichte längst zu staubiger, alter Historie geworden ist.


