Thundercat – „Distracted“: Fokus im kreativen Chaos

Thundercat Distracted

Nach sechs langen Jahren des Wartens meldet sich Stephen Lee Bruner aka Thundercat endlich zurück. Mit seinem neuen Album Distracted liefert der Ausnahmemusiker Thundercat ein Werk ab, das ebenso brillant wie zerfahren wirkt. Es markiert einen entscheidenden Wendepunkt in seiner Karriere, denn der „Sober Steve“ von heute blickt mit klarem Kopf auf seine eigene Dysfunktion und verpackt diese in einen völlig neuen Sound.

Der Kurstin-Faktor: Pop-Strukturen für den Bass-Wirbelwind

Jemand bei Brainfeeder musste den Mut aufbringen, die Vision abzusegnen, zehn Tracks in die Hände von Greg Kurstin zu legen. Kurstin ist der Mann, der Adeles „Hello“ produzierte und mit Legenden wie Paul McCartney oder Beyoncé arbeitete. Dass ausgerechnet er nun das Album des wohl unbändigsten Bassisten der Szene formt, ist eine Überraschung. Bisher war jedes Solo-Projekt von Thundercat untrennbar mit Flying Lotus verbunden. Zwölf Jahre lang prägten schiefe, fusion-lastige Sessions und minutenlange Jazz-Tangenten den Sound.

Auf Distracted steuert FlyLo lediglich zwei Songs bei. Der Rest gehört Kurstin, ergänzt durch punktuelle Beiträge von Kenny Beats und den Lemon Twigs. Bruner selbst beschreibt die Zusammenarbeit als Volltreffer. Kurstin versteht es, den Bass-Kapriolen einen Rahmen zu geben, ohne sie einzusperren. Die Songs haben mehr Sauerstoff und funktionieren als Pop-Strukturen, während Thundercat dennoch so sehr nach sich selbst klingt wie nie zuvor.


Mac Miller: Ein lebendiges Denkmal in der Cloud

Ein emotionales Zentrum der Platte bildet „She Knows Too Much“. Das Feature von Mac Miller ist nichts, was man 2026 künstlich im Studio erzeugen könnte. Die Aufnahme entstand vor seinem Tod im Jahr 2018, lag in einem Tresor, sickerte als Leak durch und wurde schließlich mit dem Segen des Miller Estates vollendet. Mac führt den Song an und wirkt dabei erschreckend präsent. Er schwankt zwischen Sehnsucht und Ressentiment, ist explizit und schlagfertig.

Hörte man am Ende des Vorgängers It Is What It Is noch Thundercats verzweifelten Ruf „Hey, Mac“ ins Leere, fühlt sich dieser neue Track anders an. Mac Miller ist hier leichtsinnig, witzig und lebendig. Es ist ein seltsames, aber wunderschönes Denkmal, das ganz ohne die schwere Melancholie einer klassischen Elegie auskommt. Thundercat hält sich am Mikrofon dezent zurück und lässt seinen Bass unter Macs Zeilen tanzen.

Alltag zwischen Katzen und Staubsaugern

Inhaltlich verarbeitet Bruner seine neue Nüchternheit. Er hat über 45 Kilo (!) verloren, das Boxen angefangen und den Alkohol nach 15 Jahren schweren Konsums hinter sich gelassen. Doch die Nüchternheit macht den Alltag nicht automatisch einfacher. In „Great Americans“ beschreibt er einen Tag des kompletten Scheiterns: Er wacht ausgebrannt auf, führt Selbstgespräche mit seinen Haustieren und saugt ziellos denselben Teppich, während sein Gehirn auf Hochtouren rast.

Der Satz „I’m undiagnosed“ aus dem Outro trifft dabei präzise den Kern des Albums. Auch in „A.D.D. Through the Roof“ thematisiert Thundercat diese innere Unruhe. Er gestand im Interview, dass er früher trank, um sich überhaupt fokussieren zu können – ein Widerspruch, der dem Album seinen Namen gab. Manchmal muss man zerstreut sein, um überhaupt aufmerksam sein zu können.


Starbesetzte Gästeliste und emotionale Tiefe

Die Liste der Kollaborateure auf Distracted von Thundercat liest sich wie ein Who-is-Who der modernen Musikwelt. Kevin Parker von Tame Impala leiht „No More Lies“ seine charakteristische Resignation, während A$AP Rocky in „Funny Friends“ so lässig agiert, dass er fast im Song verschwindet. WILLOW und Channel Tres bringen weitere Facetten ein, doch der Kern bleibt Bruners verletzliche Ehrlichkeit.

In „Pozole“ stellt er die alles entscheidende Frage: „Wer bin ich?“. Die Maske des bekifften Virtuosen, die Drunk zum Kultklassiker machte, ist weg. Was bleibt, ist ein 41-jähriger Mann, der über angebranntes Frühstück und die Einsamkeit philosophiert. Der Humor ist geblieben, aber er versteckt nichts mehr.

Thundercat – „Distracted“ // Spotify:

Thundercat – „Distracted“ // apple Music:

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