Terrace Martin & Marcus Gilmore – „PURPOSE“ // Wenn Jazz den Algorithmus besiegt

Terrace Martin Marcus Gilmore

In einer Welt, in der Playlists oft von mathematischen Formeln statt von menschlichen Emotionen bestimmt werden, setzt Terrace Martin ein fettes Ausrufezeichen. Mit seinem neuesten Projekt „PURPOSE“, einer Kollaboration mit dem Ausnahmedrummer Marcus Gilmore, liefert Terrace Martin den dritten Teil seiner ambitionierten Serie „Love is Louder Than Algorithms“. Es ist ein Album, das nicht nur nach Sinn sucht, sondern ihn in jeder Note findet.

Terrace Martin x Marcus Gilmore – Die Magie der Zusammenarbeit

Terrace Martin ist bekanntlich ein Workaholic im besten Sinne. Ob als Produzent für Kendrick Lamar oder Mastermind hinter Dinner Party – der Mann aus Crenshaw steht für einen Sound, der die Grenzen zwischen Jazz, Hip-Hop und Soul fließend auflöst. Für „PURPOSE“ hat er sich mit Marcus Gilmore einen der spannendsten Schlagzeuger der New Yorker Szene ins Boot geholt.

Gilmore ist der Enkel der Jazz-Legende Roy Haynes. Er bringt eine rhythmische Komplexität mit, die Martin sichtlich zu neuen kreativen Höchstleistungen angestachelt hat. Laut Martin war Gilmore die primäre Inspiration, um aus gewohnten Mustern auszubrechen und die Beziehung zwischen Melodie und Bewegung völlig neu auszuloten.

Analoge Texturen und spirituelle Währung

Das Album fühlt sich an wie eine Reise zwischen den Küsten. Der Vibe schwankt organisch zwischen dem entspannten L.A.-Lifestyle und der intellektuellen Schärfe von Queens, New York. Dabei setzt Martin auf ein Arsenal an analogen Schätzen: Fender Rhodes, Mellotron, Oberheim und der unverwechselbare Klang seines Altsaxophons prägen das Klangbild.

Schon der Opener „Purpose In“ bereitet den Boden für ein intensives Hörerlebnis. Besonders hervorzuheben ist „Integrity vs Engagement“ (feat. Taylor McFerrin). Der Titel ist hier Programm: In einer Ära, in der „Engagement“ oft über künstlerische Integrität gestellt wird, wählen Martin und Gilmore den harten Weg der Ehrlichkeit. Die Beats sind vertrackt, die Melodien suchend, aber immer geerdet.

PURPOSE – Ein Kurzfilm für die Ohren

Mit einer Laufzeit von rund 20 Minuten über 11 Tracks hinweg ist „PURPOSE“ kompakt, fast schon wie ein Suite konzipiert. Stücke wie „Upper Westside Swing“ oder „The Drops of Chocolate“ wirken wie musikalische Vignetten, die eine Stimmung einfangen und sie dann wieder ziehen lassen, bevor sie sich abnutzen könnten.

„Perspective of Purpose“, veredelt durch das Flügelhorn von Keyon Harrold, bildet das emotionale Herzstück. Hier wird deutlich, was Martin mit „spiritueller Währung“ meint: Musik, die einen Wert jenseits von Streaming-Zahlen hat. Es geht um Intention, um Demut vor dem Handwerk und darum, dass das größte Ego im Raum am Ende immer die Musik selbst sein sollte.

Wer die Vorgänger „PEACE“ und „PASSION“ mochte, wird dieses Album lieben. Es ist ein Beweis dafür, dass echte Kunst immer einen Weg durch das digitale Rauschen findet – solange sie mit so viel Herzblut und technischer Brillanz vorgetragen wird wie hier.

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