Private Hansenmann

Auch wenn Hansen ein von Grund auf unsympathischer Zeitgenosse war, an einer Sache mangelte es ihm nie: Frauen. Längere Beziehungen waren niemals seine Stärke, was allgemein bekannt war. Dennoch liefen die Tanten ihm die Türe ein. Das ging soweit, dass er zusammen mit 3 Studentinnen eine WG gründete und nach weniger als 10 Wochen mit allen geschlafen hatte; was die Damen untereinander wussten und sogar tolerierten. Im Sommer 1995 flogen die Zwillinge (!) zusammen mit der dritten Mitbewohnerin auf die Kanaren und Hansen hatte 14 Tage sturmfrei, was er auch ausgiebig auszunutzen verstand.

Hansen studierte seinerzeit Maschinenbau und hatte im Rahmen eines Praktikums in einer Druckerei die Möglichkeit, kostengünstig Flyer zu drucken. Und er druckte. Er druckte 2 verschiedene Flyer in einer Auflage von je 2.500 Stck. die Woche, auf welchen er auf seine heute noch legendäre „Private Hansenmann Fire-Eye mit DJ Mutumba (Fr.+Sa.)“ aufmerksam machte und verteilte diese dann in den seinerzeit angesagten Clubs, Bars und an der Uni. Zusätzlich fertigte er Poster an und klebte diese unbefugt an sämtliche, innenstädtische Litfaßsäulen. Beachtlich dabei: Hansen verlangte 5 Mark Eintrittsgeld, servierte seinen Gästen ausschließlich Hansa Pils (45 Pfennig/Dose, auf den Flyern selbstverständlich und maximaloriginell als Hansen Pils ausgeschildert). Sein norwegischer Cousin hieß Nikolai statt Mutumba und hatte vom DJ’ing weniger Ahnung als operierte Phimose-Patienten von entzündeten Reservefalten; aber er arbeitete ehrenamtlich. Hansen machte also an den beiden Wochenenden einen bedeutsamen Umsatz und hatte obendrein die WG-Wohnung voller partybereiter Frauen, die ihn anhimmelten. Ich hasste ihn dafür. Auf der einen Seite. Andererseits war dieses Unterfangen für mich natürlich trotzdem interessant, denn Hansens Freundinnen waren auch immer die Freundinnen seiner … Freunde – und bevor ich mich schlagen ließ. Ihr versteht.

An den letzten Samstag, die letzte „Private Hansenmann Fire-Eye mit DJ Mutumba“ erinnere ich mich als sei es gestern gewesen. Wie immer lag Hansen in seinem Zimmer auf der Schlafcouch, in jeden Arm 2 Freundinnen und 4 Hansen Pils. Ich brachte mir mein Holsten damals selbst mit und auch wenn oder gerade weil ich mit diesen goldenen Stangen in der Hand exotischer aussah als beabauchladente Vibratorenverkäufer in Jerusalem kam ich schnell mit den Party-Gästen ins Gespräch, die nach 3 (oder mehr) Hansa Pils starke Kopf- und Gliederschmerzen beklagten. Eine/r dieser Partygäste war Grit, der ich aufgrund ihres für ’95 recht dekolletéeorientierten Kleidungsstils gerne eines meiner raren Notholsten zur Verfügung stellte. Nachdem am frühen Morgen die meisten Gäste die Fire-Eye verlassen hatten, wurden wir uns auch bezüglich der weiteren Abendplanung schnell handelseinig. Wir besetzten nach Rücksprache mit Hansen einfach eines der Zimmer der Urlauberinnen und teilten uns das schmale Futonbett.

Wie soll ich sagen; das Bett war nicht nur schmal, im mittleren Bereich hatte die Eigentümerin ihre Stofftiere platziert und im unteren Drittel lag frischgebügelte Garderobe, die man aufgrund einer akut unhygienischen Fußbodensituation nicht woanders hätte zwischenlagern können. Was hätte ich als Gentleman also Anderes tun sollen, als Grit einen Sitzplatz im oberen Drittel des Bettes feilzubieten. Auf meinem Kopf. Genauer: auf dem Gesicht. Liebe Freunde, ich bitte Euch; es war doch wirklich so gedrängt!

Warum ich Euch heute ausnahmsweise diese Überinformation entbiete: exakt in dem Moment der pikanten Platzwahl durch Grit öffnete sich die Türe und die Urlauberinnen standen zwar braungebrannt, dafür augenscheinlich wenig entspannt und 2 Tage früher als erwartet im Raum. „SOFORT RAUS HIER, IHR HURENSÖHNE!“, schrie die Zimmerbewohnerin uns an. Mein einfach nur gut gemeinter, pädagogischer Aufklärungsversuch, eine junge Dame könne doch niemals als „Sohn“ bezeichnet werden, entschärfte die Situation eher unwesentlich. Und als die Zimmerinhaberin am nächsten Tag beim Aufräumen dann noch einen nicht mehr ganz so frischen Wattebausch mit hellblauem Band in ihrem Pschyrembel vorfand, war es endgültig um meinen Ruf bestellt. „Hansen, du Pfingstochse – wieso hast du deinen Mitbewohnerinnen nichts von den vorherigen Partys erzählt – mit dem Tampon hab‘ ich doch nichts am Hut!?“, frug ich Tage später entrüstet nach. „Winkelsen, das ‚Private Hansenmann‘-Viererspiel muss für alle Zeit unter uns bleiben, sonst schmeissen die mich doch sofort raus!“. Ich schwieg. Bis heute.

Einen neuen Pschyrembel für die Mitbewohnerin borgte ich mir übrigens bei der lokalen Bibliothek. Mit Hansens Karte.

Kommentare

27 Antworten zu “Private Hansenmann”

  1. Matra Ze sagt:

    DJ Mutumba? ROFL!

    War Hansen nicht eher Privatier als Private? ;)

  2. westernworld sagt:

    „Auf meinem Kopf. Genauer: auf dem Gesicht. Liebe Freunde, ich bitte Euch; es war doch wirklich so gedrängt!“

    man winkelsen nach der nummer wärst du aber ganz schön am arsch gewesen. ;)

    hansa pils, brrrr, igitt ich greif ja gern mal in die unterste schublade, aber irgendwo hört der schrank auf.

  3. gürtel sagt:

    sehr gut, weihnachten hat dir scheinbar gut getan, dicker ;-)

  4. freggeln sagt:

    Also irgendwie assoziiere mit einer Frau auf dem Gesicht eigentlich ganz andere Sachen, als eine Sitzmöglichkeit ;) Aber das scheint in dem Fall ja wirklich anders gewesen zu sein.

  5. der kaiser sagt:

    Ich bekomme irgendwie das Gefühl das Hansen – wenn nicht das Vorbild – dann die Scablone für den lil MC ist

  6. Die Muräne sagt:

    Irgendetwas in mir sagt mir ganz eindringlich: Muräne du muss nach Kiel!
    Ich werde aber natürlich versuchen, weiter gegen diese teuflische Stimme anzukämpfen ;)

  7. reisch sagt:

    hansa pils, jawohl so muss das aber sein.

  8. Sörenski sagt:

    …Aufklärungsversuch, eine junge Dame könne doch niemals als “Sohn” bezeichnet werden, entschärfte die Situation eher unwesentlich.

    Man Winkelsen, wieder einmal ein hinreissender Text!
    Allerdings bin ich geneigt (mir dünkt, es geht einer größeren Anzahl von Lesern ebenso) wehement nach einem Lichtbild der Zwillinge zu rufen! :)

  9. Herr Schmidt sagt:

    Ganz großes Live-Open-Air!
    Du hast die geilsten Vergleiche des Jahres rausgehauen!

  10. creezy sagt:

    Den habe ich nicht verstanden: Du hast ihr einen Platz auf Deinem Gesicht angeboten? Na, Ihr sitzt aber komisch da im hohen Norden!

  11. rl.green sagt:

    Hansen studierte Maschinenbau??? Anscheinend habe ich diese Volksgruppe bisher komplett unterschätzt, mein Weltbild wackelt nun ganz gewaltig! burning down the house, he he he.
    Und Pschyrembel musste ich erstmal googeln.

  12. *ein herzliches lachen*
    yeah right! platz zum sitzen. hahahaha.
    kommt auf mein top-ten-schlechte-erklärungen-liste!

  13. 500beine sagt:

    jedem sein hansen.
    ausser hansen.
    der hat sich.

  14. Nightfalcon sagt:

    Was hätte ich als Gentleman also Anderes tun sollen, als Grit einen Sitzplatz im oberen Drittel des Bettes feilzubieten. Auf meinem Kopf. Genauer: auf dem Gesicht. Liebe Freunde, ich bitte Euch; es war doch wirklich so gedrängt!

    Was sich liebt, das leckt sich, nich wahr, Digger? Sehr nice, sehr nice!

  15. zoee sagt:

    vielleicht hat ja „hurensöhne“ doch gestimmt. so viel zeit und erfassungsvermögen hattest du ja nicht, um das konkret zu überprüfen.

  16. pro-viel sagt:

    Also…’ne Phimose…das krieg ich noch auf Reihe. Aber WAS bitte sind Reservefalten? Hahahahahaha….los….bitte um Aufkärung! Wenn’s sein muss, nehm ich den alten Pschyrembel…igitt.
    Nette Geschichte, aber wer würde sich bei ner Beauty-Queen nicht gern mal setzen ;-).

  17. oLiGaRcH sagt:

    Er hatte Zwillinge… ich meine… wow… jeder will mal Zwillinge…

  18. ich kapier das leider nicht

  19. pulsiv sagt:

    sie sollen mich doch nicht immer „hansen“ nennen! :P

  20. Scholli sagt:

    Früher galt: „Kariertes Hemd und Samenstau: Ich studier Maschinenbau!“ Jetzt bin ich verwirrt. Hilfe!

  21. Herr Jeh sagt:

    Die Geschichte war schonmal oder?

    wenn Hansen ein von Grund auf unsympathischer Zeitgenosse war

    Ist Hansemann tot oder ist er inzwischen einfach sympathischer?

  22. Touri320 sagt:

    Herzlich wilkommen beim studivz herr winkelsen!

  23. Frau Echse sagt:

    das erinnert mich spontan an das schöne liedchen von monty python:
    „sit on my face and tell me that you love me…..“

  24. Hansa Pils ist oder war kult !!! Gibt es das eigentlich noch?

  25. Erdge Schoss sagt:

    War dieser schicksalhafte Moment, werter Herr Winkelsen,
    jener, in dem Sie sich gegen Brille und für Kontaktlinsen entschieden?
    Oder ließ sich das Gestell anschließend wieder hinbiegen?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  26. klip sagt:

    beabauchladente

    ein sehr schönes neues wort. danke dafür!

  27. solidglobe sagt:

    Alter Schwede,
    Hansa geht immer direkt gut in den Kopf,
    ist ja fast so schlimm wie Ötti ;).
    Notbier zu haben ist immer gut, bekomme in
    München regelmäßig Augustiner Notbier angeboten – beruhigend!
    Wundervolle Erklärung, die merk ich mir!

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