Montagskolumne: Meine erste Karaoke-Show (Anekdote aus 1990)

Ich war am Wochenende nach langer Zeit mal wieder in einem Club hier in Kiel, in welchem ich vor Jahren regelmäßiger Besucher war: die Traumfabrik im Grasweg. Seit meiner Sturm- und Drangzeit in den 90er Jahren hat sich hier einiges verändert. Rechts neben der Bar hat man jetzt eine miefige Raucherkiste aufgestellt, zu meiner Zeit durfte man noch überall smoken. Daneben steht jetzt eine gemütliche Couch, ein wenig höher aufgestellt, dass man sitzend noch einen guten Überblick auf das Geschehen hat, vermutlich für so ältere Lauchs wie mich. Vor etwas mehr als 20 Jahren hat man genau hier fallweise eine Bühne aufgebaut, je nachdem, was für Veranstaltungen hier stattgefunden haben. An einen ganz speziellen Abend konnte ich mich noch sehr gut erinnern: mein erster Karaoke-Auftritt.

Ich hörte von dieser neuen Sache namens „Karaoke“ aus Japan, man hätte hierbei die Möglichkeit, onstage zu einem Playback seine Lieblingslieder darzubieten. Selbst für Menschen mit nicht allzu großer Textsicherheit wäre dies kein Problem, weil der zu singende Text in Echtzeit über einen Monitor flimmern würde. Und was das Singen betraf, so machte man mir im Vorfelde auch Mut, „Man muss kein guter Sänger sein, nur ein guter Entertainer, Lil‘ MC. Und das kannst Du doch!“, sagte Tim, ein Kollege aus meinem Lehrlingsbetrieb, mit dem ich über mein Vorhaben sprach.

Mit der Song-Auswahl beschäftigte ich mich nicht besonders lange, natürlich würde es etwas von Michael Jackson sein müssen, recht schnell landete ich bei „Billie Jean„, weil man zu dieser Nummer den besten Moonwalk hinbekommen würde. 117 BPM, perfekt für mich und meine Tanzschuhe (dunkelbraune Kunstlederschuhe mit Budapester Muster und Stahlkappen, ohne Scheiß jetzt!), aber irgendwas fehlte noch. MJ trug auf der Bühne keine Diesel Saddle-Jeans und dazu eine dunkelbraune Filz-Collegejacke, das war nicht im Ansatz fancy genug. Ich brauchte etwas Helles, etwas Leuchtendes, ich musste strahlen, schon bevor die Scheinwerfer auf mich gerichtet waren, die Leute sollte sofort meinen Swagger diggen und all das war mit einem noch nicht einmal sehr kostenintensiven Kleidungsstück möglich: ich besorgte mir einen weißen Einweg-Maleranzug und egal, was kommen würde, ich ziehe die Scheiße durch.

Mein Arbeitskollege Tim tat dann genau das, was ich sagte, dass ich es nicht wollen würde, trotzdem aber natürlich wollte: er gab innerhalb der Firma bekannt, dass ich am Abend meinen großen Karaoke-Auftritt haben würde und dass möglichst viele Kolleginnen und Kollegen sich das angucken kommen sollten. Was sie dann auch taten; alle bis auf Nadia aus der Buchhaltung, an die ich damals immer beim Onanieren dachte. Ich bin mir heute noch sicher: hätte sie diese Performance damals gesehen, sie hätte mich noch in derselben Nacht alleine gethreesomed, in einem Flieger irgendwo nach Persien, endlich Mile High Club! Her bad.

Kommen wir zum Auftritt, meiner Bühnen-Entjungferung, das erste Mal vor großem Publikum (300 Leute werden an dem Abend da gewesen sein, inkl. der 30-40 Arbeitskollegen). Ich bekam die Startnummer 8, befand mich irgendwo vor der Bühne. Dass man mir so wie heute Backstage-Bereiche erschafft, wo auch immer ich auftauchte (Supermarkt, Gym, Seebad, Bietlihoteg, Weißderteufel) – das war damals noch nicht der Fall, änderte sich aber natürlich an diesem Abend für alle Zeiten. Kandidat 7 sang irgendwas von The Cure, super lahm. Scheiß Performance, schlechte Stimme, schlechter Akzent, nur eine Sache war authentisch: der Typ sah genau so runtergewohnt aus wie Robert Smith. Alles klar, meine Zeit war gekommen, schnell den Einweg-Maleranzug drüber gestülpt (dass ich die Diesel Saddle damals trotzdem noch drunter trug, konnte ich bis zuletzt vor Michael Jackson geheim halten; Gott habe ihn selig) und ab auf die Bühne.

Die Treppen ging ich bereits rückwarts nach oben, damit ich direkt mit dem Moonwalk hineingeslidet kommen konnte, das Mic in die Rechte, „She was more like a beauty queen from a movie scene, I said don’t mind, but what do you mean I am the one“ – eine Drehung um die eigenen Achse – „Who will dance on the floor in the round“. Ich sang sehr hoch, teilweise fiepte und quietschte es (ist einfach nicht meine Stimmlage), aber egal: die Performance riss das wieder raus. Die Menge tobte, teilweise wurde frenetisch gelacht, teilweise aber auch aus blassen Gesichtern mit offenen Mündern ratlos geguckt, daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Nach dem Auftritt bekam ich direkt das nächste Engagement, in zwei Wochen würde eine weitere Karaoke-Party im MAX stattfinden, die ich dann natürlich ebenfalls besuchte. Ohne den Einweg-Maleranzug, dafür aber mit Echthaarperücke. Endlich war ich angekommen, ein ernstzunehmender Künstler, mein Swagger wurde vollends gediggt und den persischen Länderpunkt holte ich mir 1-2 Jahre später dann auch noch.
Es hat sich hier über die Jahre wirklich einiges verändert. Früher war alles besser, aber heute ist auch geil.

Kommentare

Eine Antwort zu “Montagskolumne: Meine erste Karaoke-Show (Anekdote aus 1990)”

  1. Henrik sagt:

    Wäre zu gern dabei gewesen. Vielleicht gibt’s ja nochmal ein Comeback, würde mich freuen!

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