Montagskolumne: Kugel geht es nicht so gut – FDA in Hamburg

Letzten Samstag hatte ich unfassbar schlechte Laune. So eine typische Falschfußaufstehform, kombiniert mit meiner immer noch anhaltenden Midlifecrisis und pochiert mit je einer Prise Gesellschaftshass, Ungeduld und Hektik. Ist kein schönes Gefühl zu wissen, dass an solchen Tagen jeder hurenversohnte AfD-Anhänger einen Ticken sympathischer sein könnte, als man selbst. Der Negativ-Höhepunkt ereignete sich am Nachmittag, als ich vor dem Einkaufen noch schnell die Pfandflaschen zurückbringen wollte. Die Verantwortlichen bei famila in der Wik des Supermarktes schaffen es einfach nicht, die beiden Pfandtausch-Vollstinkboxen für einen längeren Zeitraum parallel am Laufen zu halten. Als wenn das Pfandgeldzurückgehole nicht ohnehin schon eine Demütigung sondergleichen wäre – jetzt soll man sich für 8 Cent pro Flasche auch noch in eine 20minütige Warteschlange stellen?! Ohne mich. Unter lautem Geschimpfe schüttete ich mein Pfandmobiliar in den nächsten Einkaufswagen und ging, natürlich ohne mich noch einmal umzudrehen. Das war ganz sicher nicht cool und sah zudem bestimmt ziemlich ungelenk aus, zumal meine Einkaufstasche ein geklauter, roter Rossmann-Korb ist, den ich ja nun weiterhin mit mir rumtrug. In Kiel ist das aber kein Problem.

Am Abend traf ich mich dann noch mit Kugel, einem alten Bekannten, der nach 15 Jahren Ehe nun aus dem gemeinsamen Haus in eine 2 Zimmer-Wohnung im Kieler Stadtteil Gaarden gezogen ist. Fragt nicht. Auf jeden Fall herrscht bei Kugel gerade absoluter Notstand. Der Mann hat das aus Ehezeiten gemeinsam ersparte Geld beim Spielen verloren. Er pokerte höher, als er konnte. Seinen neuen A8 hat er inzwischen gegen einen 2003er Twingo getauscht, die Tochter musste vom Reitunterricht abgemeldet werden und hat ihn jetzt wohl auch nicht mehr ganz so lieb. Dazu kommt, dass seine 24jährige Affaire, für die er seine Frau verlassen hat, weder die neue Wohnung, noch den Stadtteil, meines Erachtens auch seine jüngst angemeldete Privatinsolvenz nur so halbfancy fand und ihn jetzt ebenfalls sitzen liess. Zusammen mit Hansen leistete ich am Nachmittag also Beistand, so gut es eben geht, am Vinetaplatz.

Es stellte sich schnell heraus, dass Kugels größtes Problem die aktuell vorherrschende Bumsnot sei. „Kugel, deine Tochter hasst dich, deine Frau hat euer Haus gerade mandarinfarben streichen lassen, dein Twingo hat kein TÜV und dir geht’s nur ums vögeln?“, fragte ich entsetzt. „Nicht nur! Guck‘ mal hier, Lette Holsten!“, antwortete er trotz aller Umstände immer noch sehr fröhlich und zog 24 eingeschweisste Halbliterdosen unter seinem Kacheltisch hervor. Und das bei meinem gegenwärtigen Lowcarb-Programm. „Hansen, Winkelsen, raus mit der Sprache: wie geht Tinder?“, fragte er, während er die erste Metalllasche nach vorne zog. „Recht easy“, wusste Hansen direkt, „das ist wirklich die beste Fick-App derzeit! Einfach mit facebook koppeln und direkt eintunken, musst nur büschen aufpassen mit Chlamydien. Ein Freund hat da neulich sogar mal FDA geschafft!“, freute er sich. Ich guckte Kugel an, Kugel mich. Wir beide hatten von FDA bisher noch nichts gehört und so kam es, dass in dieser 2-Zimmer-Wohnung direkt vier Schultern zuckten, hat man im Spätsommer ja auch nicht so oft. „Kennt ihr nicht? Na First Date Anal! Der ist nach Hamburg gefahren und gleich Luke Zwo, dabei sah die überhaupt nicht so aus. Besser als Hattrick!“. Kugel war zwei Dinge: begeistert und angemeldet, was keine 2 Minuten dauerte. Und keine 5 Minuten später hatte er bereits die ersten Matches. „Was schreib‘ ich denn da nun?“, wollte er von uns wissen. „Weiß nicht, ein Gedicht, irgendwas Außergewöhnliches, kennst doch die Weiber.“, schlug Hansen vor und hatte auch direkt eine Idee: „Rosen sind rot, Tulpen sind fein, ich bin die Sechs, Du bist die Neun!“

Die Antwort von Dörte (28, aus Neumünster) liess nicht lange auf sich warten. „Nix da, ich bin die Sechs!“. Kugel hakte extrem aufgeregt nach, „Das heißt wir bimsen?“. „Nein Mann, verp*ss Dich!“, antwortete Dörte und blockierte Kugel. „Was soll das denn?!“, „Naja“, erklärte Hansen, „in letzter Zeit ist einigen Mitgliedern hier wohl nicht mehr so gegenwärtig, dass Tinder ausschließlich für’s Dippen entwickelt wurde. Einige User scheinen hier nur ihren Marktwert testen zu wollen.“. „So wie Hot or Not in den 90ern?“, „Etwas schlimmer noch.“, „Scheiße.“. Er gab aber nicht auf, das nächste Match folgte auf dem Fuße, die Begrüßung war sogar recht freundlich: „Hallo Kugel, adrett siehst Du aus. Wie geht’s Dir so?“, „Ach, ich hatte einen fürchterlichen Tag!“, „Was? Warum?“, „Ich musste heute alle Stühle Kiels entfernen.“, „Warum das denn?“, „Damit ich Dir nur einen Platz auf meinem Gesicht anbieten kann!“, Ende der Konversation, erneut blockiert. „Jungs, ich muss noch ein paar Filme zu Netflix zurückbringen, macht’s gut nä!“, liess ich verlauten und ging erstmal. Weg von Kugel, weg von Tinder, raus aus Gaarden. Am Sonntag bekam ich dann eine Nachricht von Kugel, 6 Buchstaben, „STRIKE“. „Top, Glückwunsch. Wie hast Du das noch geschafft?!“. „Nicht bei Tinder, ich war noch unten im Palais D’Amour.“. „Wie das denn, ich denke Du bist broke?“, meine irritierte Rückfrage. „Ich hab‘ vorher noch Pfand weggebracht!“
____
[Ein neuer Podcast kommt bereits am Mittwoch – Ideen dazu gerne noch drüben in die Comments]

Kommentare

Eine Antwort zu “Montagskolumne: Kugel geht es nicht so gut – FDA in Hamburg”

  1. ilovechaos sagt:

    nice pointe, winkelsen ;)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.