Mein erstes Praktikum: Brauer & Mälzer

Ob mein allererstes Schülerpraktikum 1989 in der Kieler Holsten-Brauerei der Grund ist, warum ich ausgerechnet dieses Bier am liebsten mag? Nein. Denn würde es damit einhergehen, dann würde ich wohl jedes andere Bier trinken; nur Keines, welches an diesem Ort produziert wurde. Die 14 Tage in der Holsten-Brauerei waren mein persönliches Waterloo, nur mit Malzrand. Aber der Reihe nach.

Wieso überhaupt Brauer & Mälzer? Nun, ein gewisses Phlegma konnte man bei mir bereits zu Schulzeiten feststellen. Auch, als es darum ging, sich aus einer großzügigen Angebotsliste einen Praktikumsplatz auszusuchen. Sicher in der Annahme, die Welt würde ohnehin nur auf mich warten, liess ich mir bis 7 Tage vor Beginn des Praktikums Zeit. „Lil‘ MC, hast Du denn schon was?“, frug Frau Häusler, meine damalige Klassenlehrerin. „Klar! Ich ruf‘ da nachher an!“. „Aber die Zusage hast Du?“. „Ich sag‘ doch: ich ruf‘ da nachher an!“. Was ich tat. Und feststellte, dass der begehrte Platz beim Computer-Händler bereits vergeben war. Ebenso der beim Photo-Laden und komischerweise brauchte man in der Videothek auch Niemanden mehr. Mehr als diese drei Stellen hatte ich mir gar nicht notiert, was im Lehrerzimmer zu großer Aufregung führte. „DU HAST DICH NICHT GEKÜMMERT?“. „In der Ruhe liegt die Kraft, Frau Häusler.“. Selten zuvor sah ich einen Menschen so kaminrot anlaufen, eine anatomische Kuriosität die seinesgleichen sucht wie der gemeine Darkroomler. „Was ist mit Holsten?“, wollte Herr Kittler, der Lehrstabsfascho, wissen. „Da verdient man heutzutage genausoviel wie Diplomingenieure.“. Ich wusste nicht, was er meinte, aber hey: Holsten! Auch wenn dieser Job mit körperlicher Arbeit verbunden war, was mir immer schon widerstrub wiederstrob – bei meinen Homies würde ich Punkten wie mit 190 innerorts. Und wer weiß – vielleicht gab’s da Mittags schon Bier?! „Ist die Stelle denn noch frei?“. „Blieb sie die letzten vier Jahre. Aber das soll nichts heissen.“. Einverstanden.

Dienstbeginn war um 7.00h. Ich wiederhole: SIEBEN UHR. Wenn heute jemand zu mir sagt, ich möge um 7.00h irgendwo erscheinen, äße er ein mein Wadenbein. Dafür war um 9.00h bereits Frühstück und zum Mittagessen gab’s tatsächlich Bier. Allerdings nicht für mich. „Doch nicht für Stifte und Praktikanten. Kannst froh sein, dass wir Dir die Kohlensäure in der Limo lassen!“. Kohlensäure war auch so ein Thema. Es gab auf der Rückseite des Gebäudes so einen Schacht, aus dem die überschüssige Kohlensäure in die Athmosphäre pfiff wie Ilse Werner. Einer der Gesellen bat mich, hier einmal meinen Kopf reinzuhalten und vorsichtig einzuatmen. Klang mir irgendwie zu gasoströs, aber verweigern galt nicht. Ein kurzer Nackengriff und schon sah ich schwarz. Buchstäblich – die Schreckatmung liess mich mehr Kohlensäure inhalieren, als wäre ich einer der Juroren beim bundesweiten Stammtisch-Trichterrülpscontest.

Die Tage in der Brauerei verliefen ziemlich kongruent und alle zwei Tage wurde mir die große Ehre zuteil, die zeppelingroßen Gärfässer nach dem Entleeren von ihren Malzrändern zu befreien. Dazu schob man mich durch das 80cm große Abfüllloch am Boden das Fasses, was mich kopfüber mit ausgetrecktem Arm und Schulterschieflage an ein junges Kalb erinnerte, welches sich die Sache mit der Geburt doch nochmal überlegte. Man warf mir Leuchte, Hartfaserbesen und den Bergfrühling hinterher und schon entfernte ich die Ränder als wäre ich des Camemberts Vendetta.

Aber ich habe verziehen. Und dass eines der Fässer statt auf dem Kieler Umschlag in Hansens Kofferraum landete, kriegt heute auch keiner mehr raus. Carpe motherfucking diem!

Kommentare

21 Antworten zu “Mein erstes Praktikum: Brauer & Mälzer”

  1. MOK sagt:

    War lange nicht mehr hier, Winkelsen – das war ein Fehler. Große Geschichten, zum schreien. Bitte, bitte mehr!

  2. hoeller sagt:

    In der Lehre als Drucker musste ich auch immer in die Druckmaschine klettern, da die „Älteren“ sich durch das jahrelange Herumstehen und „Nur-Am-Knöpfchen-Drehen“ ein gutes Polster angefuttert hatten…
    Ich fühle mit Dir!

  3. Nicole sagt:

    Ich sag nur: Stößchen!

  4. denzel sagt:

    meinst du, frau häusler weiß heute besser bescheid, mc? und wie schmeckte das zapffrische so? ^^

  5. Tanja sagt:

    Das erklärt so einiges *lach*

  6. Ich habe bei meinem Praktikum beim Tierarzt herausgefunden, dass meine Meersauen nicht beide Weibchen sind, wie ich bisher dachte. Aber ich hatte die vermeintliche Sie wenigstens Sasha genannt. Meiner Mutter habe ich davon dann nichts erzählt. Hätte ich wohl besser. Es gab dann ein Junges. Sasha tötete es kurz nach der Geburt. Meine Mutter log mich natürlich an um mich zu schonen, das Häusschen sei auf das Junge gefallen. Naja. Ich wurde trotz des einschneidenden Erlebnisses dann doch noch Tierarzt. Einen halben Punkt unter Bestnote bei den Kleintieren. Wer hätte das gedacht.

  7. norrin sagt:

    Holstenbrauerei, geil;)))
    .
    Ein Kumpel war bei Holsten Auslieferungsfahrer, bin in den Ferien ein-zwei Wochen da mitgefahren. Man musste bei jeder belieferten Kneipe mit dem Wirt einen heben, meist einen Kurzen „zum Aufwärmen“. Ablehnen ging nicht, wäre unhöflich bzw. unmännlich gewesen. Bei Rückankunft waren JEDEN Tag ausnahmslos ALLE Fahrer total zu, ich schwörs. Hat niemanden gestört. Und dann haben die auch noch immer wie du privat abgezweigt („10% Bruch is immer dabei!“). Ein Wahnsinn.

  8. Donna sagt:

    Jetzt, wo Sie Diplomingenieur sind, Herr Winkelsen: hatter der Lehrstabsfascho denn recht?

  9. MrQT sagt:

    Da bekommt man am frühen Morgen schon richtig Lust auf ein Kühles Blondes. Werd mal sehen, wo ich hier in Berlin ein Holsten herbekomme. Da trinkt man dann immer ein Stück Winkelsen mit. Toll!

  10. Thomas sagt:

    Was verdienen die bei Holsten? Soviel wie ein Diplomingenieur? Verdammt, wäre ich doch bloß anstatt Bob der Baumeister, Bob der Braumeister geworden.

  11. Flo sagt:

    Na für das Fass hat sich die Plackerei doch gelohnt, oder?!

  12. feronia sagt:

    Schönes Praktikum :-P Aber sind nicht die meisten irgendwie nicht so dolle?

    Meines erforderte keinerlei körperliche Betätigung, obwohl doch, irgendwie schon. Bei freenet im Callcenter den Agents beim Telefonieren zuzuhören und vzu ersuchen beim Zuhören an der Hotline nicht in lautes Lachen auszubrechen ist auch körperliche Arbeit!

  13. Tarek sagt:

    Wenn die Sache mit der Kohlensäure stimmt: wissen Sie noch den Namen des Gesellen, Herr Winkelsen?

  14. der.grob sagt:

    Ich habe mal ein Praktikum bei einer Limo-Fabrik gemacht, wo ich die Kohlensäure in die Limo füllen musste. Seitdem ich weiß, wie das gemacht wird, trinke ich keine Limo mehr.

  15. MC Winkel sagt:

    @MOK: Und was für ein Fehler das war! :) Aber dann ist ja jetzt gut! :)
    @hoeller: … ach, die hatten doch nur ein Hohlkreuz! :) (… dafür sind Praktikanten ja da, wah?!)
    @Nicole: Es handelte sich um ein 30L-Fass, übrigens! :)
    @denzel: Ich glaube, ja. Sie war sehr, sehr jung. Und natürlich hat es geschmeckt! (Auch wenn es sich nur um das gute „Edel“ handelte…)
    @ChliiTierChnübler: Und trotzdem gab es nur EIN Junges? Was haben die den ganzen tag gemacht?! :)
    @norrin: Du, das glaube ich Dir auf’s Wort! Ich fand‘ das Brauereiviertel MIT Brauerei übrigens viel hübscher als heute. Ohne.
    @Donna: Iech? Ich bin doch jetzt Faulancer. :) (Aber: nein, er log!)
    @MrQT: Gerne! Aber ich pausiere jetzt bis zum Wochenende!
    @Thomas: Sie arbeiten auf dem Bau? Echt? Was genau? Und naja – man gewöhnt sich als Braumeister das Bier ganz bestimmt ab – so auf lange Sicht.
    @Flo: Eigentlich schon. Immerhin gab’s KEINEN Lohn! Hahahah, stell‘ sich das mal einer vor?! 14 Tage Fässerputzen – für lau!
    @feronia: Hihi… hat eigentlich IRGENDEIN Mensch zwischen 20-30 aus Kiel nicht dort gearbeitet?! Und Sie haben dort gespitzelt? Pfui!
    @Tarek: Ja. Er hieß Dirk Sanchez. Was wollen Sie unternehmen?
    @der.grob: Ich auch nur im Korn, doh! Das war eine Lüge. Ich mag‘ gar keinen Korn.

  16. Erdge Schoss sagt:

    Trugen Sie, werter Herr Winkelsen,

    bei der Einfahrt in den Kessel auch das bei der Nahrungsmittelherstellung vorgeschriebene lindgrüne Hygienemützlein?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  17. Thomas sagt:

    Ich bin diplomierter Bauingenieur (sind denn all die Blogeinträge umsonst?) und sitze in einem klimatisierten Büro. Im Grunde bekomme ich ja das Brauereigehalt, nur kann ich mir das Bier nicht abgewöhnen. So rum ist es vielleicht doch besser…

  18. MHW sagt:

    Ich kann mich entsinnen… ich habe exakt in diesen Tagen, ebenfalls etwas orientierungslos, mein Schülerpraktikum beim Amtsgericht Kiel abgeleistet. Tristesse…
    Beim abschließenden Gespräch sagte mir ein Jugendrichter noch spaßeshalber: „Ich hoffe wir sehen uns wieder, aber nicht unter den hier vorherrschenden Umständen“
    Du weißt, dem war leider nicht so.
    Diesen zuvor noch so freundlichen jungen Mann traf ich dann 1-2 Jahre später unter den dort vorherrschenden Umständen wieder. Die Sache mit dem Taxifahrer:)
    so long..

  19. Deswegen trink ich nur Flens!

  20. WillsonChill sagt:

    CO2 hast du da inhaliert, homie.
    h2co3 h2o + co2

    bei meinem tischler wars gut :)

  21. Nadine sagt:

    was ich im altenheim alles machen durfte, willst du gar nicht wissen.

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