Lonnie Liston Smith & The Cosmic Echoes: Astral Traveling // Review (Jazz Wednesday)

Lonnie Liston Smith

Der Jazz der frühen siebziger Jahre war geprägt von einer tiefen Suche nach Transzendenz. Nach dem Tod von John Coltrane spaltete sich das Genre in diverse Richtungen auf. Während Miles Davis die elektrische Fusion forcierte, suchten Musiker wie Pharoah Sanders und Alice Coltrane nach einer Verbindung zum Göttlichen. Mittendrin befand sich ein Pianist, der den Sound dieser Ära maßgeblich prägen sollte. Lonnie Liston Smith lieferte 1973 mit seinem Debütalbum „Astral Traveling“ ein Werk ab, das heute als Grundpfeiler des Spiritual Jazz gilt.

Lonnie Liston Smith – Die Evolution eines Visionärs

Bevor Lonnie Liston Smith seine eigene Formation, die Cosmic Echoes, gründete, hatte er bereits eine beeindruckende Karriere hinter sich. Er spielte an der Seite von Größen wie Rahsaan Roland Kirk und Miles Davis. Besonders prägend war jedoch seine Zeit in der Band von Pharoah Sanders. Dort lernte Smith, wie man Musik als Werkzeug für spirituelle Erfahrungen einsetzt.

Interessanterweise entstand die Idee zum Titelstück „Astral Traveling“ durch einen Zufall. Während der Aufnahmen zu Sanders‘ Album „Thembi“ entdeckte Smith ein Fender Rhodes Piano im Studio. Die schwebenden Klänge des elektrischen Pianos inspirierten ihn sofort. Er kombinierte diese neue Klangästhetik mit seinem Interesse für außerkörperliche Erfahrungen, woraus schließlich die namensgebende Komposition hervorging.


Eine Reise durch kosmische Klanglandschaften

„Astral Traveling“ ist kein Album der lauten Töne oder aggressiven Soli. Vielmehr besticht es durch eine kollektive Dynamik und hypnotische Grooves. Das Album beginnt mit dem Titeltrack, den Smith bereits mit Sanders aufgenommen hatte. Hier zeigt sich die ganze Stärke der Cosmic Echoes. Die Rhythmusgruppe, angeführt von Bass-Legende Cecil McBee und Schlagzeuger David Lee Jr., schafft ein rhythmisches Fundament, das gleichzeitig stabil und fließend wirkt.

Ein weiteres Highlight ist das Stück „Let Us Go Into The House Of The Lord“. Es handelt sich um eine Interpretation eines traditionellen Gospel-Songs. Lonnie Liston Smith schafft es hier, sakrale Ernsthaftigkeit mit der Freiheit des Jazz zu verweben. Die instrumentale Besetzung ist dabei exzellent gewählt. Drei Perkussionisten sorgen für eine dichte, organische Textur, die durch den Einsatz der Tamboura auf „In Search Of Truth“ eine fast schon indische Anmutung erhält.

Lonnie Liston Smith – Die Brücke zum Smooth Jazz

Kritiker werfen Lonnie Liston Smith oft vor, in späteren Jahrzehnten in zu seichte Gewässer abgedriftet zu sein. Seine Alben der achtziger Jahre gelten vielen Puristen als zu glatt poliert. Doch wer „Astral Traveling“ hört, erkennt die ursprüngliche Tiefe seiner Vision. Das Album hat auch nach über 50 Jahren nichts von seiner Relevanz verloren.

Es ist die perfekte Einstiegsdroge für alle, die sich für Spiritual Jazz interessieren. Die Melodien sind zugänglich, ohne trivial zu sein. Die Atmosphäre ist dicht, ohne den Hörer zu erdrücken. Smith beweist hier eindrucksvoll, dass Jazz nicht immer anstrengend sein muss, um eine tiefe spirituelle Wirkung zu entfalten. „Astral Traveling“ bleibt ein zeitloses Dokument einer Ära, in der Musiker versuchten, die Grenzen des Irdischen klanglich zu überschreiten.

Lonnie Liston Smith & The Cosmic Echoes: „Astral Traveling“ // Spotify:

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