Kid Creole²

Ende der Achtziger hat uns meine Tante aus dem Rheinland nach einer längeren Zeit mal wieder besucht. Als sie mich sah, sagte sie “Mensch, dich hätte ich ja wirklich überhaupt nicht wiedererkannt!”. “Kann ich mir vorstellen,”, sagte ich, “die markanten Gesichtszüge und der Bartansatz, nä?”. “Also eigentlich eher das Doppelkinn und der Bauchansatz.”. Rheinländer sollen grundsätzlich ja verlogene Menschen sein, erklärte mir mein Ausbildungsleiter damals. Trotzdem hatte meine Tante recht: ich war ein fettes Schwein.

Ich machte damals überhaupt kein Sport, meine cocktailreichen Wochenenden begannen nicht selten am Mittwoch Abend, ich trank mein Hefeweizen mit Bananensaft, optional mit Cola, ich aß 2x täglich warm (mindestens 1x davon Fastfood) und entgegen der Angewohnheiten vieler meiner damaligen Freunde rauchte ich nicht. Die Damenwelt war davon wenig begeistert und als ich irgendwann feststellte, seit über drei Monaten nicht einmal mehr geknutscht zu haben, musste ich handeln. Wenn schon eine Tannen-/Tröpfchenfigur und ein Kinn, welches mehr floh als Vegetarier aus Schlachthäusern, dann wenigstens die Haare schön. Ich entschloss mich zur Schulterlänge. Meine aufgeqollenen Wangen liess ich mir mit dem damals gerade frisch wachsendem Backenflaum in Form von dicken, dreieickigen Kotletten zuwachsen und um meine verführerische Aura zu komplettieren, trug ich eine goldene Kreole im linken Ohr. Natürlich sollte man diese duch den Wust von Kopf- und Barthaaren hindurch sehen; ich borgte mir also einen Tigerdurchprungsreifen bei Siegfried & Roy, welcher leider recht entflammbar war und somit nach wenigen Tagen durch einen ozonlochgroßen Metallring ersetzt werden musste, welcher ursprünglich als Schablonen für Kornkreise hergestellt wurde, leider aber nicht rostfrei war. Stimmt gar nicht. Aber so groß wie ein 2-Mark-Stück war sie schon, die Kreole. Auch rostfrei.

Eines Abends trafen wir uns wieder bei Hansen. Hansen hatte wenige Tage zuvor eine Griechin namens Alexandra kennengelernt, welche ebenso zu Besuch war. Alexandra schien sympathisch und mir ausnahmsweise einmal nicht ungeneigt zu sein. Wir unterhielten uns. Wie immer erzählte ich, dass ich gerade eine Phase im Leben durchmachen würde, in der ich es mir gutgehen liesse. Na klar hätte ich gerade etwas zu viel auf den Rippen, aber das ändere sich ja bestimmt auch bald wieder. “Das finde ich gar nicht so schlimm,”, sagte Alexandra darauf, “das mit Deinem Ohrring macht mir viel mehr Sorgen!”. “Ach so, ja. Zu groß, hm?”, frug ich verunsichert nach. “Nein, das nicht. Aber wieso nur links? Der moderne Mann trägt doch heutzutage beidseitig!”. Sieh einer an. “Richtig, Bros und so, nä!”, bestätigte ich sie.

Auf der einen Seite kam es mir schon albern vor. Schulterlange Haare und Ohrringe auf beiden Seiten, Doppelkinn und Oberlippenflaum – ich sah ja aus wie eine Arschgeburt von Roseanne. Andererseits hatte ich keine Wahl. “Find ich gut, Alexandra! Muss ich mich am Montag ‘mal erkundigen!”. “Wieso Montag? Ich kann das doch jetzt gleich machen, wenn du willst!”. Bevor ich reagieren konnte hatte sie einen ihrer Ohrringe in der Hand und näherte sich meinem jungfräulichen, rechten Ohrläppchen. “Nun warte mal,”, wollte ich das Martyrium wenigesten noch etwas hinauszögern, “(pull)mir ist das alles jetzt aber irgendwie zu wenig antiseptisch(/pull) hier!”. “Nun hab’ Dich nicht so – das sind Gesundheitsohrstecker!”. Ach so, Gesundheitsohrstecker? Ist das sowas wie ‘Wellnessfriteusenfett’ oder ‘Ästethikzahnstein’? Ich hatte diesen Gedankengang noch gar nicht zuende gebracht, als mir der modeschmucköse Zirkoniastecker aus Nickel schief im rechten Ohr klemmte.

Wovon ich damals noch nichts wusste: html. Und von meiner Nickel-Allergie, die aus meinem Ohrloch über Nacht Abszeßanien, den sechsten Kontinenten machte. Das Alles gefiel mir nicht besonders. Ich vergaß Alexandra, machte 12 Wochen lang Schonkost, schnitt mir die Haare und rasierte mich. Alexandra habe ich letzte Wochen in der Einkaufsstraße gesehen. Sie ist jetzt mit einem Typen zusammen, der aussieht wie Bernd Clüver; nur mit Halstattoo. Zum Glück hatte ich nicht auf sie gehört.

Kommentare

31 Antworten zu “Kid Creole²”

  1. SirParker sagt:

    Sehr schön, was hab ich gerade gelacht… “Wellnessfriteusenfett” herrlich. Mensch, aber wenn es wirklich hätte sein sollen, wärste mal besser zum Eric gegangen ;)

  2. Jonsen sagt:

    “…welcher leider recht entflammbar war und somit nach wenigen Tagen durch einen ozonlochgroßen Metallring ersetzt werden musste, welcher ursprünglich als Schablonen für Konkreise hergestellt wurde, leider aber nicht rostfrei war.”

    Ich brech ab! Winkel du bist einfach der Meister der des Details! Aber ein Synonymwörterbuch zählst du bestimmt zu deinem Blogzübehör, oder!? Soviel Larifari kann ja fast garnicht nur in deinem Kopf entstehen!?!

    Grüße, der Joni aus Römö

  3. Du hast damals für irgendein Aufnahmeritual Dosenbier mit alten Kippen getrunken, aber machst Dir über septische Ohren Gedanken?

    Grandiose Story! Schablonen für Kornkreise und Ästhetikzahnstein – besser geht’s nicht!

  4. pulsiv sagt:

    der clüver ist doch ne schmucke hecke! …so für ohringträger.

  5. Großmann sagt:

    Foto bitteschön! Also von damals, von der Frau und von Dir ;)

  6. Also Herr Winkel, daß Sie jemals auch nur einen Fitzel Ihres Alabasterkörpers vernachlässigen konnten, kann ich kaum glauben. Daher werden Sie dieses Mal wohl um Beweisfotos nicht herumkommen, da schließe ich mich meinem Vorredner an!

  7. buem sagt:

    Ich bin enttäuscht !
    Ich dachte es geht hier um den realen ““Kid Creole”, den ich zusammen mit seinen Coconuts vor Jahren mal in einer Disco in Rimini getroffen habe.
    Aber nix is !

  8. holstenbewohner sagt:

    Endlich! Das ist der Winkel aus altenTagen! So kennt man Ihn in Kiels Bronx Mettentown! Nur Mut! Erzähl die ganze Wahrheit! aus den dunklen Tagen Deiner Jugend. Lieber jetzt, als wenn du auf dem Olymp Deines Erfolges davon eingeholt wist! Da gibts ja genug Vorbilder…..!

  9. Erdge Schoss sagt:

    Nicht ganz einfach, aber einen Versuch wert,
    werter Herr Winkelsen,

    Sie sich vors Auge zu holen mit allergisch aufgedunsenem
    Hörlappen, dazu Doppelkinn und die Haare schön.

    Aber es geht.

    Stillhalten.
    Da kommt das Vögelchen.
    Blitz.

    Dankeschön
    Ihr Erdge Schoss

  10. tobi sagt:

    Zu Bauchansatz und Doppelkinn muss man einfach stehen. So wie ich derzeit – ich bin einfach zu faul um mit dem Training wieder anzufangen… Aber es beginnt jetzt eh wieder die Hallensaison – mein Glück. Leider ist die Hallensaison mit Bier verbunden – mein Pech.

  11. Siggi sagt:

    Bin ich zu doof, den Witz mit dem html zu verstehen oder ist da ein Link kaputt?

    Wovon ich damals noch nichts wusste: html.

  12. DerTim sagt:

    Oh man…Bros! When.Will.I.Be.Famous!?

    Die Tatsache, das ich deren LP hatte, gehört definitiv zu den Geschmacksverwirrungen meiner Jugend…

    Ansonsten: Supergeschichte! Ich hatte auch mal das vergnügen mit einem entzündeten Ohrläppchen dank eines nicht hundertprozentig septischen Ohrsteckers, das tut schweineweh!

  13. MichaelLJ sagt:

    kornkreise, nicht konkreise ….

  14. MC Winkel sagt:

    @ Peezey: Und Du machst Dir dann beim Eric jetzt das Winkel-W auf den Unterarm?
    @ Jonsen: Hin und wieder nutze ich sowas mal, aber suchen Sie mal nach “Tigerdurchsprungsreifen” – das gab’s vorher im ganzen Internet nicht.
    @ Anzugträger: Tschja, was willste machen, nä! Ich ahnte, was mir blühen würde.
    @ pulsiv: Finde ich auch. NICHT!
    @ Großmann: Von mir gibt es sogar Videomaterial von damals! Von Alexandra nichts. Dier habe ich auch nur 2-3x hier in Kiel gesehen…
    @ Julie Paradise: DAMN! Aber okay, ich mache mir auf die Such nach dem Film von damals… Aber Achtung: es war fürch_ter_lich!
    @ Buem: Sie hör(t)en diesen Crample? Ich auch! :)
    @ holstenbewohner: Aight; da liegt noch mehr im Keller!
    @ Erdge Schoss: Evtl. gibt es zum Wochenende tatsächlich Beweismaterial. Ich mache mich mal auf die Suche nach Tapes von damals…
    @ Mitch: s.o., evtl. sogar Videos…
    @ Siggi: Gut, dann erkläre ich kurz. Ich dachte, dass dergeneigte Leser davon ausgeht, dass es sich um eine themenbezogenen Ahnungslosigkeit handeln würde. Ich dachte ferner, es sei lustig, etwas zu benennen, von dem ich Ende der 80er wirklich überhaupt keine Ahnung hatte. “html” hielt ich für angemessen. Schade, dass ich das nicht besser vermitteln konnte. ;)
    @ DerTim: Da muss man sich nicht für schämen. Man war ja jung und ist auf eine der ersten Marketingtricks der Pop-Industrie reingefallen… Ich übrigens auch.
    @ MichaelLJ: Pedant! :)

  15. Solidglobe sagt:

    Hey! Wir Rheinländer sind nicht verlogen! Bäh :(! Aber Griechinen darf man nicht trauen :P!

  16. mac sagt:

    Und der offizielle Spruch (aus den ausgehenden 80er Jahren) zum Ohrring war “Links ist cool – rechts ist schwul”.

    Oder war’s anderstrum?

  17. Siggi sagt:

    Ah, jetzt, ja! Sorry, daß ich das überlesen hatte :-)

  18. Robby sagt:

    *lach* – nicht schlecht.

  19. Siggi sagt:

    @derTim:

    Na, wenn der Ohrstecker nicht 100% septisch war, haben Sie ja nochmal Glück gehabt, oder? Sepsis sucks!

  20. shubidu sagt:

    also rheinländer sind mit nichten verlogen …nur um das klarzustellen

    und
    ja frauen haben nicht immer recht ..eigentlich nicht öfter als männer

  21. westernworld sagt:

    winkelsen du hast dich um meine allgemeinbildung verdient gemacht.

    ich weiß jetzt wer bernd clüver ist, der junge dem man die mundharmonika schon vor dem ersten ton aus der hand hätte nehmen sollen.

    ein herbes referenzmodell das.

    ich schließe mich meinen diversen vorrednern an und fordere pigs, laß die sau raus.

    abschließend möchte ich noch anmerken- das ist ja keine biographie, sondern eine mutprobe die du da durchlebtest um der lichtgestalt2.0 zu werden die du heute bist. ;)

  22. westernworld sagt:

    um der lichtgestalt2.0 zu werden
    um zu der lichtgestalt2.0 zu werden…, sorry.
    copy und paste sind nicht meine freunde heute.

  23. klip sagt:

    Sehr gut, diese Wortwahl. Mehr von diesen Geschichten, die sind einfach herrlich!

  24. Die Muräne sagt:

    Geschickt gemacht! Deckt sich übrigens auch mit meinen Erfahrungen:

    Bei Uebergewicht oder Dönerfahne einfach immer an die Griechinnen halten ;)

  25. Frau A. sagt:

    Winkelsen, für manche ihrer Texte muss man Sie einfach lieben! Trotz Backenflaum und Creolen! Echt.

  26. Stöckchen.
    Zur eigenen Betrachtung:

    Wie fühlst Du Dich wenn Dich jemand umarmt?

    Was denkst Du wenn ein dir unbekannter Mensch im Gespräch überaus freundlich ist?

    Wieviel Wärme und Liebe hast Du in Deiner Kindheit erfahren?

    An wievielen Tagen der Woche nimmst Du einen Menschen in den Arm?

    Wie reagierst Du auf Komplimente?

    Macht Dich menschliche Nähe unsicher?

    Fühlst Du Dich oft allein?

    Ist eine Umarmung erstrebenswerter als Sex?

    Wann hast Du Dich das letzte Mal wirklich fallen gelassen?

    Liebst Du Dich selbst?

  27. olli sagt:

    Winkel ohne flow. Derzeit irgendwie. So meine Empfindung! Oder ich bin überwinkelt. Jedenfalls schriebst Du früher besser …

  28. MC Winkel sagt:

    @ Solidglobe: ICH hab das ja auch nicht gesagt!
    @ mac: nene, so ist’s richtig. 250.000x gehört. Im Quartal.
    @ Shubidu: jaja, ist ja gut! ICH habe das ja auch nicht behauptet!
    @ westernworld: Lichtgestalt 2.0 – ich werde rot! :)
    @ klip: Danke.
    @ Muräne: Klappt immer! Ich sag’s doch!
    @ Frau A.: Danke!
    @ Roman: Was?
    @ olli: Rheinländer, hm?! :) Kann aber auch am Herbstanfang liegen.

  29. olli sagt:

    Pff! Berliner, Du Nase.
    Nenn mich nicht Rheinländer! Sonst nutze ich meinen Herbsturlaub bei Kiel dazu, Dir mal beizubringen, wie man einen Rheinländer erkennt!

  30. westernworld sagt:

    *hüstel*, öhhm…du weißt schon wer gewöhnlich als lichtgestalt apostrophiert wird…aber schön das dir meine frechheiten freude bereiten. :), weßt ja wie’s gemeint ist.

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