Jim Küssler

Wohl der merkwürdigste Mensch, der mir je untergekommen ist – mein Vorgesetzter und späterer Prokurist bei meiner letzten Festanstellung. Ich werde nie meinen ersten Arbeitstag vor über 11 Jahren vergessen. Mit mir sind haben an diesem Tage noch drei weitere Kolleginnen angefangen und bevor Ihr fragt: nein, Keine. Aber als ich das Großraumbüro im ersten Stock betrat, erspähte ich eine vergangene Affäire, wenn man das so nennen kann. Es kam seinerzeit (3-4 Jahre zuvor) allerdings nicht zum Akt, blieb alles im oralen Rahmen. Passiv. War auch gar nicht so verkehrt, dennoch eine zunächst unvorteilhafte Situation. „Kaja, na wir uns doch schon!“. „Äh, ja, stimmt!“. Küssler wurde hellhörig, „echt, woher denn?“. „Ach Jim, sie blies mir mal Einen nach einer Gartenparty, im Schlafzimmer ihrer Eltern, die gerade im Urlaub waren!“, dachte ich, sagte aber „Wir haben uns vor ein paar Jahren mal auf einem privaten Feierei von gemeinsamen Freunden getroffen, Jim!“. „Kiel ist wirklich bilateral klein, sieht man mal wieder!“. Mit das einzige Mal, dass wir gleicher Meinung waren. Bis auf die Sache mit dem Fremdwort, welches er immer und immer wieder benutzte, jedoch nur zu 5% richtig.

Also, zurück zu den Kolleginnen und mir am 01. Februar 1999. Ein blauer Montag, der Samstag Abend zuvor endete am Sonntag um 6.00h. Das Saunabad am Abend vor dem wichtigen, ersten Arbeitstag brachte nichts als noch schlimmere Kopfschmerzen und dann Jim Küssler. Halt so ein typisch affektierter Lackpinsel im Zweiteiler mit Designerbrille und Gel in den Haaren. Er war nicht nur Geschäftsmann, er war das Geschäft, Mann. Solche peinlichen Trottel gibt’s ja heute auch noch, aber in Zeiten der dotcom-Ära waren sie die Schlimmsten. Multipliziert Michel Friedmann mit Felix Magath, potenziert das Ganze mit Josef Ackermann und rührt 3 oder 4 Westerwellen darunter: so. Jede Besprechung mit ihm war reinstes Nerven-Nagasaki, innerlich schwankte ich stets zwischen Lachanfall und Freitod durch Luftanhalten, nach außen ließ ich mir jedoch nichts anmerken.

„Ich zeige Euch jetzt mal, wie man die Schranke auf dem Parkplatz bedient und bilateral dazu, wie ihr durch die Türe auf den Hof kommt – mir nach!“, forderte Jim uns auf. „Ich möchte Dir nicht zu Nahe treten, Jim, aber die Schranke geht bestimmt mit der Karte und die Tür mit dem Schlüssel auf, den wir gerade bekommen haben?!“. Ruhe. „Na Du bist ja ein ganz Schlauer, huh?! Ich muss Euch doch zeigen, mit welcher Seite ihr die Karte einsteckt, die ist bilateral. Kommt jetzt!“. „Also wenn es mit der einen Seite nicht klappt, würde ich halt die and… ach egal, Du hast recht: zeig’s uns!“. Jim grinste. Was man übrigens nur sah, wenn man genau hinguckte; die Mundwinkel in dem adipösen Gesicht erahnte man nämlich nur bei Tageslicht, aber das hatten wir ja, unten, an der Schranke.

Nach der Schranke dann die Tür. „Winkelsen, nimm jetzt mal Deinen Schlüssel und schließ auf. Aber nur 1x!“. Ich schloss auf. Drehte einmal um, aber es tat sich nichts. Um die Tür dann auch zu öffnen, drehte ich nochmal um. „EIN MAL HAB‘ ICH GESAGT!“, schrie er, als würde man ihn gerade narkoselos vasektomieren. „Dreh‘ sofort zurück und zieh‘ raus!“, was ich tat. „Gut so. Und jetzt Du, Malou! Du drehst jetzt noch einmal um und machst auf!“. Für’s Protokoll: da standen also vier neue Mitarbeiter, im Durchschnitt 25 Jahre alt, und teilten sich auf Befehl eine Türöffnung. Ich beschloss, in der Mittagspause zum Blutabnehmen zu fahren, irgendwas konnte mit mir nicht stimmen.

Am Nachmittag kam er dann hin und wieder in das Großraumbüro, in welchem ich gerade eingearbeitet werden sollte. „Na, wie läuft’s!“. „Och, eigentlich ganz gut, Jim!“. „Ach mit dem WInkelsen? Das ist ein kleiner Klugscheißer, huh?!“. „Nein, eigentlich nicht!“. Nett von Kaja, hatte sich die Gartenparty ja doch gelohnt. Jim stöhnte und griff sich an die Hüfte. Was hatte ich denn nun wieder falsch gemacht? „Alles okay, Jim?“, fragte Kaja besorgt. „Naja, geht so. Hab so’ne doofe Gürtelrose!“, Jim fing an, sich sein Hemd über der rechten Hüfte aus dem Hosenbund zu ziehen, dazu dreht er sich um. Das ganze Büro wurde kreidebleich, sogar der Ficus liess Blätter. „Jim, … also DU musst uns das jetzt nicht zei“, „Ach was, schon gut, ich bin da nicht so!“. Er zog weiter und so langsam verspürte auch ich erstes Erbrochenes im Zungengrund. „Guckt mal hier, schlimm nä. Das juckt und wenn ich kratze, suppt’s!“. „Jim, ganz ehrlich, das kannst Du hier nicht bringen. Bitte steck‘ Dein Hemd wieder ein!“. Ruhe. „Winkelsen!“. Erneute Ruhe. „Also das mit deiner Probezeit … das sehe ich bilateral!“. Auf dem Heimnweg fuhr ich kurz rechts ran und übergab mich über eine Stahlschutzplanke. Es regenete.

Kommentare

30 Antworten zu “Jim Küssler”

  1. honki sagt:

    Mein Beileid für so einen Pfosten.

  2. Marco sagt:

    Ich kenn solche Typen, du bekommst von mir also kein Mitleid. :P
    Sei lieber froh, dass du da nichtmal die Probezeit hitner dich gebracht hast. Wer weiß, was aus dir geworden wäre, wärst du da geblieben *g*

  3. Flo sagt:

    Ja den Umgang mit so einem Schlüssel muss man auch wirklich immer und immer wieder auf’s Neue lernen…! :D

  4. Sehr geil, besonders die Bilarität ist vom feinsten!

  5. zewo sagt:

    Großartig! Und eklig! Schönes Ding.
    „Er war nicht nur Geschäftsmann, er war das Geschäft, Mann“ Wie geil!

  6. die anke sagt:

    lieber herr winkel, der verregnete montag faengt doch noch gut an. friedmann multipliziert mit magath, potenziert mit ackermann/westerwelle, linguistische hoechstleistung, genial. froelichen wochenstart !

  7. Dirk sagt:

    Nette Story, bester MC. Aber das mit dem „sind“ und „haben“, damit habt ihr Norddeutschen es wohl nicht so, oder? :-)

  8. Toby sagt:

    Also ich bin da so ein bisschen bilateral ambivalent. Aber es regnet!
    I like!

  9. Thomas sagt:

    Ich musste natürlich direkt nachschauen, wie so eine Gürtelrose aussieht. Jetzt ist mir ein bisschen komisch.

  10. Wenn du schon einen Blogeintrag schreibst, in dem du dich darüber amüsierst, das ein Typen nicht so gut mit Worten umgehen kann, dann kannst du nicht im dritten Satz schreiben: „Mit mir sind … angefangen …“. Das Posting bekommt sonst so einen Eigentor-Charakter.

  11. Arno Nym sagt:

    Ein echter Winkelsen!

  12. mo sagt:

    wie’s der jigga-man schon gesagt hat.
    „i’m not a businessman, I’m a business, maaaan!!“

    :) sehr schön!

  13. FelixN sagt:

    Jetzt stell ich mir grad Friedmann mit Gürtelrose vor… :-/

  14. Erdge Schoss sagt:

    Bei uns in Südeuropa, werter Herr Winkelsen,

    heißt Regen immer noch Fritz-Walter-Wetter. Spielt Jim
    eigentlich noch immer leidenschaftlich Bowling und leiht
    sich dazu Schuhe aus?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  15. Kaal sagt:

    So autoritäres Gehabe ist natürlich extrem anstrengend, wenn man es direkt vor der Nase hat. Aber Türen auf- und zusperren, ich wette das hast du bis heute nicht verlernt.

  16. Krissi sagt:

    Narkoselos vasektomieren? Uaah… ich fühlte beim Lesen dieser MC’schen Montagspostille Angst, Frust, Schmerzen und noch mehr Schmerzen. Ich konnte Kotze riechen und suppiges Pockeneiter in Westerwellen am spackigen Rücken einer Kackbratze herunterlaufen sehen. …und gelacht hab ich auch.

  17. singhiozzo sagt:

    Muahaha, Erbsenzählerei in Winkels Kommentaren. Hab auch den Fehler gemacht und mal ’ne Gürtelrose gegoogelt. Aber erklär mal bitte die Ente da oben!

  18. […] Narkoselos vasektomieren? Uaah… ich fühlte beim Lesen dieser MC’schen Montagspostille Angst, Fr… (Krissi bei Whudat.de) var a2a_config = a2a_config || {}; a2a_localize = { Share: "Share", Save: […]

  19. Electrolotion sagt:

    Allerbeste Laune!
    Besonders wenn man nach dieser Story die Kollegen, auf dem Weg zum Pausenraum, in ganz anderem Licht sieht.

    ;-)

    Ich hatte ja zum Montag mit einer Lobhudelei von „Don Raab“ gerechnet – so aus aktuellem Anlass. Nachdem du dich hast breitschlagen lassen (wars der gesellschaftliche Druck eigentlich?), den #esc doch zu sehen.

  20. MC Winkel sagt:

    @honki: Der bleib dann sogar noch 3 weitere Jahre. Eine ahrte Zeit. Am Morgen, als ich von seiner … „Versetzung“ erfuhr, hörte ich „A Lovely Day“ von Bill Withers in endlosschleife, kein Shice! :)
    @Marco: Ehm, doch, hab‘ ich ja. Und war sogar noch sehr lange dort! :)
    @Flo: Oder? Alter. Ich sehe zwar doof aus, aber so? Zu doof, ein Zylinderschloss zu bedienen? Dayum!
    @Wilhelm Meister: Alles eine Frage der Bilateralität! :)
    @zewo: s.u., hab’s beim großen Jigga entliehen. :)
    @die anke: … aber das mit dem Regen ist echt eine Frechheit, oder? VERDAMMT! Und ich muss gleich raus!
    @Dirk: Ja, ist hier tatsächlich Kokalkolorit. Hab’s mal angepasst. Bin ja hier schließlich international! :))
    @Toby: Was Alter, den Regen?! :)
    @Thomas: Selbst Schuld! :) (Ich tat es gestern aber auch nochmal. Zur Sicherheit! :))
    @Peter/Blogwinkel: Es ging um Fremdworte, mein Lieber. Und wir hier im Nohrn reden so, verstehste, Tschabo?! (= so redet man bei Euch, nä!).

  21. MC Winkel sagt:

    @Arno Nym: :)
    @mo: aight! :)
    @FelixN: Besser als mit Schäfer, wie ich finde. :)
    @Erdge Schoss: Bekommt man von Bowlingschuhen Gürtelrosen, Herr Schoss?
    @Kaal: Natürlich nicht! Da bin ich nicht Gentleman, da bin ich gentle, man! :)
    @Krissi: So gehört das! :)
    @singhiozzo: wg. sind/haben? Geil, nä. :)) Die Ente hat dicken Backen. :)@Electrolotion: Och nööö, so weit geht es denn doch nicht. Ist ja schon, nach 28 Jahren mal wieder gewonnen zu haben, aber die Nummer ist+bleibt wack! :) (Wurde heute morgen damit geweckt – Frechheit. Können die um halb zehn nichts Vernünftiges spielen?! :))

  22. Erdge Schoss sagt:

    Nicht immer, werter Herr Winkelsen,

    aber immer öfter. Besonders aber dann, wenn aus leihweise
    übergebenen Schuhen ein berückend feuchtwarmes Klima
    grüßt, vor dem selbst handgenähte Polyestersocken kapitulieren.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  23. MHW sagt:

    Als stolzer Ex-Besitzer einer Gürtelrose gebe ich hiermit preis: MEINE GÜRTELROSE HAT NICHT GESUPPT! Sie war schmerzhaft, sehr schmerzhaft, aber sie hat nicht gesuppt! Alles in allem: Es war eine schöne Zeit damals…
    In den ersten Tagen schlich sie sich in meinen Körper…ich wußte noch nichts von ihr…um meinen damaligen Heroinchique zu kaschieren besuchte ich ein Solarium. Meine Gürtelrose war davon begeistert und potenzierte sich mit drei. Wie sagte ich? Es war eine schöne Zeit.

  24. denzel sagt:

    rae im ohr und dazu dieser text hier wieder.
    you got me again! LOL

  25. Toby sagt:

    @MC Winkel: quarksen! Not den Regen. Die Bilateralität!

  26. feronia sagt:

    Gut, dass der Gute nicht unter ner Fistsel am Zahnfleisch oder Hämorrhoiden gelitten hat! Obwohl…

  27. Mark J. sagt:

    epic! ;o)

  28. @MC
    Reden könnt ihr im Norden wie ihr wollt – machen wir hier ja auch – aber schreiben ….
    SRY, aber besonders bei als/wie und sind/haben bin ich da fürchterlich kleinkariert.
    Eingentlich müsste ich mal die Geschichte bloggen, wie ich die Dame meines Herzens bei unserem ersten Date ein paar mal mit dieser als/wie verbessert habe. Aber in anbetracht der Tatsache, dass ich mit eben dieser Dame jetzt schon ne ganze Weile verheiratet bin, lass ich das lieber.
    Gruß

  29. anonym sagt:

    Magath kenne ich nicht (muß ich auch nicht), aber Friedman UND Ackermann, das reicht ja schon zu, um hochgradig nervös zu werden. Auch wenn Friedman Fremdwörter sicherlich besser einsetzen kann als die hier geschilderte Provinzpfeife. Aber wenn der das Geschäft WAR, dann muß der Laden doch schon pleite gewesen sein. Der konnte doch selbst nicht mal das Schloß seines eigenen Ladens richtig bedienen.

  30. […] des Innendienstes betraf. Man hätte fast von Assistentin sprechen können, aber das gönnte Jim Küssler mir nicht. Ich war aber überhaupt froh, dass er sich für Ramona entschied und auch wenn das jetzt […]

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