Gewinnertyp

Bis gestern lief hier in Kiel ja das schlimmste Volksfest der Welt, vielleicht habt Ihr davon schon einmal gehört, die „Kieler Woche“, da werden Wurst- und Bierbuden aufgestellt und die ländliche Bevölkerung schunkelt im strömenden Regen zu schlechter Top40-Mucke. Eigentlich sollte ich über dieses Fest gar nicht so bärbeißig sprechen, wenn es diese Woche nicht gäbe, hätten eine Menge Einheimischer gar nichts Kulturelles im Jahr, von den Pilzen im eigenen Leistenbereich einmal abgesehen.

Da wären wir auch schon beim Thema: eine alte Freundin meldete sich die Tage bei mir. Von Norddeutschen weiß man ja, dass sie unalkoholisiert so gut wie gar nicht miteinander sprechen, weshalb hier auch so viel gesoffen wird. Zur Kieler Woche ist dann regelmäßig Alles aus, es gibt Kieler, die nehmen sich für diese Scheiße eine Woche frei und gehen dann täglich saufen. So ab Tag 5 oder 6 haben sie sich ihre Birnen dann so breiig gesoffen, dass sie sich sogar trauen, alte Weggefährten anzusprechen. Sogar mich. „Hey, hier ist Nicole! Weisst‘ noch, Sommer 2002?“. Ich wusste nicht wirklich, auf dem facebook-Profilfoto guckte mich jemand an, der so aussah wie Audrey Hepburn … heute wohl aussehen würde, nur älter. Die 4 F’s: Falten, Furunkeln, Fledermausarme + Fliehendes Kinn – riesiges Pech für sie, für mich aber ja auch, ich litt höllisch unter dem Anblick. Unter den Profilbildern entdeckte ich ein paar von früher, so langsam kam meine Erinnerung zurück. Eine dieser zornigen Clubnächte, wo man halt absichtlich oberflächlich kommuniziert, weil man nach 18 Bieren eigentlich nur noch schnell vögeln gehen wollte. Ein Irrsinn überhaupt, 18 Biere und es funktionierte reibungslos, das schaff‘ ich heute nicht mehr, so ehrlich will ich mal sein.

Naja, jedenfalls war Nicole damals 25, quasi in der Blüte des Lebens, so gut wie mit 25 wird man nie wieder sein, absoluter Peak-Level. Sie sah top aus, ohne dafür Sport machen zu müssen, hatte festes, dunkles (sogar gut riechendes) Haar, feste Nägel, weiße Zähne, kleine Füße und große Brüste, außer Trinken und Feiern nur leider gar keine Hobbies. Noch nicht einmal Interessen, da war wirklich … gar nichts. Worüber unterhält man sich schon groß mit Mitte 25, Mucke, Filme, Sex und Essen – das sollte ja nun wirklich nicht zu viel erwartet sein. War es aber: sie hatte keinen eigenen Musikgeschmack („Ich höre Alles. So Charts viel.“), hielt den Film Noir-Terminus für Interracial Kaviarsports Dokumentationen und konnte nicht kochen. Blieb also Bymserism und das war – soweit ich das nach 18 Bieren und 12 Jahre später noch beurteilen kann – recht okay. Sie blieb am nächsten Tag noch da, wir trafen uns auch so noch 1-2x, aber eher zufällig, weil: sie hatte einfach nichts zu erzählen.

Sie und ihr gesamter, ebenfalls stark zurückgebliebener, weiblicher Freundeskreis lebten in ihrer eigenen, kleinen Plastikwelt. Ich fragte sie mal, wie sie sich das Leben denn später so vorstellen würde, schließlich hätte noch nie jemand für’s Feiervögeln/Vögelfeiern einen Nobelpreis bekommen und wer mit breiten Schenkeln seine Miete bezahlt, müsse halt auch mit Chlamydien rechnen. Da solle ich mir mal keine Gedanken machen, sie sähe doch fabelhaft aus, heiratet dann eben reich, was allerdings das Arbeiten beträfe, da stünde für sie längst fest: niemals! Ich schaute traurig zu Boden. „Nun heul‘ nicht rum, ich war immer ein Gewinnertyp!“, sagte sie und bestellte noch 2 Shots, bevor sie zurück auf die Tanzfläche und ich mal lieber nachhause ging.
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[Fortsetzung folgt]

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