Flugkuss

Zugegeben: der schüchternste Autofahrer bin ich jetzt nicht gerade und was meinen Fahrstil von ein paar Jahren mit dem Firmenwagen betraf, würde ich mich als Vorgesetzter vermutlich auch nicht hinnehmen, ich eckte häufiger an als die schwarze Acht im Loch gegenüber. Ich war mir meiner Schuld meistens bewusst, musste aber natürlich kategorisch uneinsichtig reagieren. Schlimmstenfalls hätte mein Verständnis mich gezwungen, mir einen ordentlichen Fahrstil anzueignen, sowas darf natürlich nicht stattfinden. Dennoch gab es eine kleine Situation, bei der in kurz ins Grübeln geraten bin, ob sich asoziales Verhalten im Straßenverkehr vielleicht langfristig doch negativ auswirken könne und das kam so:

Ich war auf dem Weg von der Arbeit nachhause, es war dunkel, kalt, ich war schlecht gelaunt, irgendwie nachdenklich (meinem Anwalt Herrn Dr. Bergpfotse habe ich später depressiv als Vokabel für seine Stellungnahme empfohlen) und natürlich fuhr ich links. Ich nehme an, auf dieser Strecke der Schnellstraße auch gut 30km/h mehr hätte fahren können, zumindest schlug mir der Hinterfahrer in einem dunklen VW-Bus älteren Jahrganges dies mit einer händischen Scheibenwischerbewegung vor seinem Gesicht vor. Ein Wahnsinn, der hätte mich doch locker rechts überholen können?! Nach dieser dämlichen Scheibenwischer-Geste, die ich sofort als persönlichen Affront meiner Frisur gegenüber deutete, musste ich handeln – Plan P: links bleiben, bis zum nächsten Fahrzeug auf der rechten Seite auffahren und bei gleicher Höhe entschleunigen. Bis erneut so knapp 20-30m zwischen mir und dem Fahrzeug auf der rechten Seite entstanden sind, wenn der Hintermann dann zum Überholvorgang auf der rechten Seite ansetzt, erneut Gas geben, bis die gleiche Höhe wieder hergestellt ist und der Hintermann nervös und kontinuierlich von der rechten auf die Linke Spur wechselt. Das vielleicht so 4-5x.

Als ich dann die Schnellstraße verliess und mich Richtung Heimatort einordnete, schickte ich noch schnell ein Flugküsslein zum VW-Bus-Fahrer, was man getrost als den world renown last drop bezeichnen konnte, der Typ verlor Alles! Er riss sein Fahrzeug auf dem letzten Meter der Ausfahrt rüber, schaffte es irgendwie, an mir vorbeizuziehen, stellte sich quer auf die Straße und … stieg aus. Ich hatte keine Chance, da irgendwie vorbeizukommen. Der aufgebrachte Herr blieb vor meinem Fahrzeug stehen und schlug mit voller Wucht und flacher Hand 3x auf die Motorhaube. In wirklich letzter Sekunde betätigte ich den Schließmechanismus, der Bus-Dude riss an der Fahrertür und forderte mich auf, auszusteigen. Hatte ich in dem Moment jetzt nicht unbedingt vor, daher flüchtete ich lieber mutig rückwärts auf die Schnellstraße. Ich muss gestehen: mir ging der Stift wie ein gefeuerter Azubi, der Typ hatte einen Blick in den Augen – sowas kenn‘ ich eigentlich nur von mir, am Ende eines jeden Quartals, beim Empfang des Umsatzsteuerbescheids.

Zwei Monate passierte nicht, bis ich Post von der hiesigen Polizei bekam. Eine Anhörung. Vorgeworfen wurde mir Nötigung, Beleidigung, blablabla; es war ein Flugkuss, Herrgott, ich meinte es doch wirklich nur gut! Um es abzukürzen: Dr. Bergpfotse haute mich da raus, hab‘ ihn anschließend zum Essen eingeladen, auf dem Weg nachhause haben wir die Szenerie am Original-Schauplatz nochmal nachgestellt, ein toller Abend. Warum ich Euch diesen ganzen Quatsch heute überhaupt erzähle: hier gegenüber ist gestern jemand eingezogen. Ein neuer Nachbar, mit mir bekanntem Blick. Ich werde zeitnah eine gute Erklärung brauchen.

Kommentare

9 Antworten zu “Flugkuss”

  1. Perot sagt:

    Yowie, endlich mal wieder richtig Zeit gefunden, beim Emser zu stöbern. Hab noch ’n paar Vlogs nachzuholen. Aber zu der aktuellen Geschichte: Nee, ne?! Ist wohl was dran, dass man sich immer zweimal im Leben trifft. ;-) Versuche gerade zu dechiffrieren, wie Dein Anwalt wirklich hieß. Mit dem von Dir genannten Namen hätte der doch nie einen Fuß auf den Boden bekommen. Genauso wenig wie Herr „Koth“. ;-) Wobei es bei letzterem ein Leichtes war, den richtigen Namen rauszufinden.

  2. Kiki sagt:

    Endlich mal wieder Content. ;) Tolle story, und das „please be nice to people“ am Ende ist in diesem Fall echt die Kirsche auf dem Kuchen.

  3. Denzel sagt:

    montag, 11.06.2012 und dr. bergpfotse returns… hahahhahahahha, mehr davon!

  4. singhiozzo sagt:

    Ahhhhh yeah, endlich mal wieder eine persönliche Emser-Story if laiph. Hab ich ehrlich gesagt ein wenig vermisst in der letzten Zeit! Ist aber wohl sicher der Tatsache geschuldet, dass die Leude keinen Bock haben, viel zu lesen und gucken lieber Bilder oder Videos. Kann ich garnicht verstehen, genau für solche Texte oben liebe ich diesen Blog!!! Gerne wieder mehr davon (und zeitnah mal ein Bild vom Nachbarn, durch die Windschutzscheibe, mit Flugkuss)!

  5. Erdge Schoss sagt:

    Sie, werter Herr Winkelsen, sind ein moderner Samurai des Stadtverkehrs!
    Rückwärtsgang statt Seppuku, vorbildlich!

    Herzlich
    Ihr Schoss

  6. Kharma is a bitch, Herr W.!

  7. Und denm neuen Nachbarn schon Brot und Salz vorbei gebracht?

  8. Ixiter sagt:

    Na, wenn er dich sieht und erkennt, freut er sich vielleicht und kommt zum „aufräumen“ rüber. :D

    ich eckte häufiger an als die schwarze Acht im Loch gegenüber.
    Mal wieder ein echter Winkel .. und dazu noch einer der weltallerbesten! Danke!

  9. SCUD sagt:

    könnte auch in die Kategorie „Ungeduldig und Jähzornig“ passen :D ….also der Typ jetzt nicht du ;)

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