Eriks kontinuierlicher Buzzkill

Man trifft ja wirklich selten Menschen, mit denen man so rein gar nicht kann. Und wenn, das ist das meistens nicht so schlimm, dann ignoriert man den und kommt auch so irgendwie durch den Tag. Aber dass ich mit Jemandem zu tun bekam, in dessen Gegenwart mir regelmäßig schlecht wurde, hatte ich nach dem Tod meiner angeheirateten, jugoslawischen Großtante Vesna (Erbschleicherin, lebte ihre letzten 10 Jahre in einer 2000qm-Finca in Maspalomas) nur einmal – mit Erik.

Erik wurde mein Arbeitskollege, bekleidete einen ähnlichen Posten, jedoch in einer anderen Abteilung. Mir wurde nicht nur schlecht, weil Erik ein überheblicher Klugscheißer war, gegen den sogar die Arschgeburt Paul Breitners, gezeugt von Josef Stalin, noch grundsympathisch gewesen wäre – zu allem Überfluss roch er wie der Frankfurter Fußfriedhof (gibt es nicht, aber geile Alliteration!). Das kann dran gelegen haben, dass er auch im viertan Jahr nach seiner Einstellung tagtäglich das gleiche Paar Kunstlerderschuhe trug, im Sommer ohne Socken. Könnte auf der anderen Seite aber auch seinem kettenverrauchten Altkaffee-Atem gelegenhaben, am Freiatg vielleicht aber auch am Wochenhemd (= 1 Hemd die Woche, ab Mittwoch mit seitlichen Salzkreisen). Zudem war Erik ein höchst politischer Mensch, jede seiner noch so lappaliösen Entscheidungen beruhte auf einem ausgeklügelter Strategieplan, von dem er nicht einmal beim Milchholen wich. Selbst die kleinsten Smalltalks mit ihm fühlten sich an wie zehnstündige Scietology-Kompakt-Auditings.

Eine gröbere Persönlichkeitsstörung war bei Erik natürlich nicht wegzudiskutieren, er war weniger mit der Welt als Zeit-Abonnenten. Unseren Auszubildenden erzählte er beispielweise regelmäßig im Frühstücksraum von den aktuellsten Neu-Fusionen oder Whatnots aus der Branche. Nun waren sowohl der leberfeste Hobbyfußballer-Azubi als auch die Tangabändsel-aus-Hosenbund-Azubine, ebenfalls bekannt für Wochenend-Arschversohlungen, nicht unbedingt horrend an dieser Thematik interessiert. Viel lieber hörten sie mir zu, der ich am Montagmorgen regelmäßig heiser und augenberingter als Monokelträger von seinen neuesten Eskapaden berichtete. Ich unterstütze bis heute die These, dass wir Gourmets langfristig die glücklicheren Menschen werden. In erste Linie muss man den Menschen verstehen, Fachwissen gibt’s jederzeit im Newsfeed.

Und genau das sollte Erik eines Tages schmerzhaft erfahren. Wir waren gemeinsam auf einem Kundentermin. Der Kunde Mangelsen war trotz Steuerberater-Zunft schon Jemand, der auch am Glas viel konnte. Kiel ist ja nicht so groß, da sieht man auf einer der rar gesäten Nachtleben-Veranstaltungen immer irgendeinen Ausfall. Meistens war ich involviert, einmal aber auch Mangelsen, der rückwärts vom Barhocker flog, nachdem er von einer mindestens 15 Jahre jüngeren Stundentin eine Kasperklatsche bekam. Das wusste Erik natürlich nicht und auch Mangelsen wusste nicht, dass ich das wusste. Trotzdem unterhielten wir uns auf Augenhöhe, während Erik aus einer Art Metaebene ständig versuchte, Sachkompetenz dazwischen zu kicken. Ich hörte da ja eh nicht mehr hin, aber für Mangelsen war das neu. Irgendwann unterbrach er Erik: „Nun halten Sie doch mal den Mund, ich hab heute morgen auch die Nachrichten gehört. Herr Winkelsen und ich haben das Geschäft längst gemacht – am Tresen! Ich denke er wäre ihnen dankbar, wenn sie es jetzt nicht noch gefährden!“. Mangelsen wurde von mir sofort in die VIP-Kartei aufgenommen, zu Weihnachten bekam er gleich zwei Karten. Und Erik wurde irgendwann fristlos entlassen. Er kickte äußerst ungünstig platzierte Sachkompetenz, wie man so hört.

Kommentare

16 Antworten zu “Eriks kontinuierlicher Buzzkill”

  1. gosu sagt:

    nice. gute story für einen Montagmorgen :-)

  2. Torsten sagt:

    Wie war das jetzt genau mit Deiner Großtante???

  3. speedy sagt:

    Wirklich eklig, solche Typen, igitt. Wahrscheinlich gehört er sogar zu denen, die beim Gespräch so ganz nahe rankommen, unerträglich.
    Super Schreibe!

  4. Fred sagt:

    Ha, Arschloch! Also, dieser Erik jetzt. So Typen gibt es leider überall. Und leider sind die Glücksritter wie wir nur eben manchmal im Vorteil, spielen den Ball über die Theke oder machen sonstwas geschickt menschliches, um die Streber auszustechen.

    Nur das mit dem Zeit-Abo (habe eins), das musst du mir nochmal erklären…

  5. Erdge Schoss sagt:

    Slipper oder Sandalen, werter Herr Winkelsen?

    Herzlich
    Ihr Schoss

  6. Denzel sagt:

    „kasperklatsche“ *lol*

    hast du zu den auszubildenden noch kontakt, emser?

  7. clara sagt:

    Tja, solchen Menschen begegnet man leider immer wieder und meistens haben sie einem dann auch immer was zu sagen. Stoische Gelassenheit heißt hier das Zauberwort.

  8. Donna sagt:

    … das mit den Salzrändern kenne ich auch. Aber das sind halt Nerds, oder wie man sie früher nannte: Fachidioten. ;o)

  9. Sumit sagt:

    Ich schließe mich Denzels Frage an:

    Deine ganzen Ex-Kollegen die du hier am niedermachen bist: lesen die mit? Noch bissle Kontakt? Oder schickst du ihnen nach zig Jahren ohne Kontakt dann den Link zum Post mit den Worten: „eat that beeyatsch“ ?

  10. Flo sagt:

    Hat er beim Reden auch gespuckt?

  11. @Denzel: Ja, die „kasperklatsche“ ist grandios!

  12. Pssst! sagt:

    jugoslawin = serbin = schlecht.

    merk dir das. ;)

    LEUTE, iss nur oberflächlicher scheiss und MEINE meinung…..

    jugos sind toll. also die wenigen aus meiner family…

  13. […] heute vormittag bei Herrn Winkelsen und ich hab ja schon immer vermutet, dass der Junge es wirklich drauf hat… aber für den […]

  14. mo sagt:

    @Fred

    Witze erklärt man ja eigentlich nicht..aber was solls.
    ich mach einen auf Erik:

    einfach den Satz nochmal lesen mit dem Hintergedanken, dass es auch ne Zeitung namens „Welt“ gibt.

    ;)

  15. Valencia sagt:

    wirklich genial zu lesen ;) vor allem die Comments =)

  16. Topwohnideen sagt:

    Klasse geschrieben und klasse Story großes Lob auch an eure wunderschöne Seite.

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