Ein Hund namens Hölzenbein

Vor ein paar Jahren war ich mit Anna zusammen. Abgesehen von ihren geschickten Händen und den güldenen Naturlöckchen, die ich am Anfang des neuen Jahrhunderts offensichtlich zu mögen schien, gab sie sich wirklich große Mühe, mein Herz zu erobern. Sie kam am Abend mit Pizza & Bier vorbei, massierte mir den Nackenbereich, während ich auf arte eine Ditmar Jacobs Biographie verfolgte und nahm später noch die Bügelwäsche mit. Anna hatte nur ein Manko: einen Golden Retriever namens Bernd.

„Wieso heisst der Bernd?“, wollte ich wissen, „Wegen Hölzenbein?“. „Nein, wegen Clüver.“. „Dein Hund ist nach einem erfolglosen Schlagersänger benannt?“. „Naja, der Züchter ist Fan.“. Ich habe nie verstanden, wieso man Hunde innerhalb der ersten Monate nicht einfach umbenennen kann. Muss der Züchter doch gar nicht mitbekommen. „Dann nenn‘ ihn doch bitte wenigstens Stefan.“. „Wegen Remmler?“. „Nee, wegen Sulke!“. Sie wollte nicht. Mir war das dann aber auch egal. Für mich war er Hölzenbein. Und wenn ich allein mit ihm Gassi ging, habe ich ihn sogar heimlich Stefan Sulke genannt, aber das darf Anna niemals erfahren.

Wie dem auch sei – Anna vergötterte ihren Bernd. Und Bernd Anna. Kaum eine Sekunde, in der Bernd mich nicht beobachtete. Sobald Bernd der Meining war, irgendjemand könnte Anna auch nur ansatzweise etwas Böses wollen, bellte er. Laut und bedrohlich. Bernd hatte keine Stimmbänder, er hatte Stimmseile. Aus Draht. Anna wohnte etwas abgelegener auf dem Land, bei der örtlichen Post gab es eine hohe Fluktuation im Außendienst. Wenn Bernd bellte, fingen Kinder um Umkreis von 3km aus Angst zu weinen an. Wollte ich Anna besuchen, hörte ich Bernd bereits am Ortseingang. Ganz ehrlich: wäre er ein Mensch geworden, er wäre Bruce Dickinson. Oder Henry Rollins. Zur Begrüßung brachte ich immer ein paar Frolics mit. „Hier, Hölzenbein, lass‘ es Dir schmecken!“. Dann war immer erstmal Ruhe.

Wenn ich bei Anna übernachtete, war selten mehr als Kuschelsex drin; ich war ja nicht lebensmüde. Aber selbst damit war Bernd nicht d’accord. Immer, wenn ich kuschelig in Löffelchenstellung verweilend zwischendurch einmal meine Augen öffnete, hatte ich ihn vor mir; den zeppelingroßen Hundekopf, mit aufgestellt und nach vorne gerichteten Ohren. Seine kinskiösen Augen waren starr auf mein Gesicht gerichtet und hätte er reden können, so hätte er mich ganz sicher fragen wollen, wass ich mir wohl denken würde, hier gerade zu tun. Aber konnte er ja nicht. Nun habe ich ja Lebewesen, die über ihre Zunge schwitzen, nie sonderlich ernst genommen. Aber vor Bernd hatte ich Respekt. Und irgendwie schien er das auch zu wissen. Ich wusste, er würde nur auf den Tag warten, an dem er mir heftiger eins Auswischen könne als Waschbeckenreinigungsfachkräfte in Großküchen. Und der Tag sollte kommen.

Wir kamen am frühen Sonntagmorgen nach durchgefeierter Nacht nachhause. Bereits im Taxi besprachen wir, gleich nach dem Betreten ihrer Behausung übereinander herfallen zu wollen. „Anna, nur eine Sache um die ich dich noch bitten möchte: sperr‘ Hölzenbein aus!“. „BERND! Er heisst Bernd! Und ich sperre ihn nicht aus, du weisst, dass ich das niemals tun würde.“. Ich kannte die Antwort ja eigentlich schon vorher, aber Bernd sollte mir heute wirklich mal egal sein. Ich schaltete das Licht aus, denn wenn es eine Sache gab, die ich jetzt noch weniger sehen wollte als den ZDF-Fernsehgarten, dann war es Hölzenbein. Gesehen habe ihn auch nicht mehr. Dafür gespürt. Holzenbein sprang mir nämlich während der Vorstellung mit Anlauf in den Dornfortsatz, um mir wenig später leicht in den Nacken zu beißen. Sulke, dieser blöde Zungenschwitzer.

Kommentare

33 Antworten zu “Ein Hund namens Hölzenbein”

  1. Micha sagt:

    hahaha einfach nur herrlich!!
    aber glaub mir es geht immer noch schlimmer, wenn sich der hund deiner alten nämlich von hinten anschleicht und anfängt dir die eier zu lecken und sie nur meint: „na willste nicht mit roxy weitermachen?“ o_O , ich weiß bis heute nicht ob sie es ernst meinte….weiber……

  2. vogelmann sagt:

    Classic! Geil erfunden erzählt!

  3. Erdge Schoss sagt:

    Gebissen, werter Herr Winkelsen,

    hat der wahre Bernd meines Wissens nie,
    dafür aber ein Tor im Sitzen gemacht.

    Immerhin.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  4. Solidglobe sagt:

    Der will doch nur spielen, der Racker! Ich hatte mal mit der psychisch kaputten Katze einer Freundin zu tun… Wenn dir so ein Viech während du schläfst vom Fenstersims aus mit Anlauf ins Gemächt springt ist das auch supergut… ;)

  5. Thorrtyy sagt:

    Jajaaa.. Hunde sind schon was „feines“.. Da war mein Hund das genaue gegenteil. Ich muss dazu sagen das es sich dabei um einen alten treudoofen Bernhardiner handelt der noch nie wirklich lust hatte sich zu bewegen. Aber er war ein erstklassiger Wachhund. Er hat den Einbrecher einwandfrei ins Haus rein gelassen.. Aber wehe der wollte wieder raus.. Keine Chance wenn da ein riesiger Hund mitten vor der Tür liegt.

  6. Jerry sagt:

    Kannst du dich noch an Hasso erinnern? ( Hund von `nem Freund von uns ).
    Dann scheint der „Clüver“ hier ja ein ähnlicher Attacker gewesen zu sein.
    Da gibts nur 2 Möglichkeiten: 1. Du hast mit Anna Schluß gemacht damit sie Bernd
    wieder für sich allein hatte und du deine Ruhe hattest oder 2. Du hast es noch so lang ausgehalten bis Bernd gestorben war. Danach gab`s zwei Fische? Roy oder Bata? Nein. Ich glaube du hast Game Over klargemacht, oder? Gute Nacht.

  7. Bonnie sagt:

    Ich hatte mal einen Cockerspaniel. Total ungefährlich. Auf den ersten Blick. Hihihi…

  8. Das hat meine Hündin auch mal versucht bei einem Exfreund, sich dazwischen zu drängeln. Nun, da sie eine Süsse ist, hat er sie schnell lieb gewonnen und sie ihn und am Schluss hatte ICH keine Platz mehr im Bett. Zum Glück war das sein Bett. Ich wäre da auch nicht mehr freiwillig reingelegen. Ich glaube, sie hatte den grösseren Liebeskummer als ich als Schluss war.

  9. schaezle sagt:

    Ein Hoch auf die Tierhaarallergie!

  10. José sagt:

    Mein Beileid, Herr W. Das war sicher unangenehm. Wie hat denn Anna daraufhin reagiert bzw. haben Sie zurückgebissen?

  11. JP sagt:

    Erinnert mich ein wenig an die Nutella-Killer-Bestie, mit der ich es mal zu tun hatte. Hunde. Pfff.

    http://jpg2001.blogspot.com/2008/02/die-nutella-killer-bestie.html

  12. Scholli sagt:

    Nichts gegen bescheuerte Tiernamen, Herr Winkel!
    Das hat Tradition.

  13. deshalb die betonung auf : vor ein paar jahren WAR ich mit anna zusammen! *prust* bäh, so nen vierbeiner (egal ob hund, katz maus whatever) gehört meiner meinung nacht nicht ins schlafzimmer! wozu rasiere ich mich dann überhaupt???

  14. Henry sagt:

    Schönes Ding das!

    Erinnert mich immer an den Muttihund meiner Eltern. Der kann auch nicht ohne Frauchen sein. Aber wenigstens ist der nicht so ein Schlafzimmerschreck.

  15. Marten sagt:

    und was lernen wir daraus? sex bitte ohne tierliche zuschauer, bei meiner katze hab ich da auch schon mal angst verspürt, aber die hat auch n mittelschweren schaden.

  16. Gürtel sagt:

    und wie hieß ihre Muschi? ;-)

  17. Ach daher ihre leidlich Angewohnheit, Herr W. doch lieber unten zu liegen und sich nicht zu bewegen. Da wird mir so einiges klar!

  18. Barbara sagt:

    … köstlich ! Kenn‘ ich diese erquicklichen Hundegeschichten…
    Selbst erlebt in ‚ähnlichen‘ Po-sit(ua)ionen … und eben
    noch mal durchlebt … (o;
    Hat mir grad den stets trüben Montgmorgen erhellt.
    B.

  19. kleiner.mops sagt:

    Seltsam, solche Geschichten passieren mir grundsätzlich nur mit Katzen. Warum nur?

  20. Promotante sagt:

    Boah…das Intro ist das mit Abstand chauvinistischste, was ich hier seit langem gelesen hab… und das soll was heißen.

    Braves Hundchen.

  21. MC Winkel sagt:

    @ Micha: Bei Roxy, lieber Micha, wär‘ ich sowieso vorsichtig gewesen!
    @ vogelmann: erfwas? Herr Vogelmann, hier gibt’s maximal kleine Übertreibungen; sonst handelt es sich bei whudat-Stories um die Wahrheit und um nichts als die Wahrheit!
    @ Erdge Schoss: Das ist, werter Herr Schoss, tatsächlich was. Aber Herr Hölzenbein bügelte ja auch nicht selbst!
    @ Solidglobe: Katzen sind von Natur aus ALLE erstmal psychisch gestört. Wären Katzen Menschen, wären Sie Jetzhro Tull.
    @ Thortyy: Absolut. Und Bernhardiner – die passen in die Welt. Füße hoch!
    @ Jerry: Klar, wie könnte ich Hasso aus der B-moser-X-mas-Story jemals vergessen. Hast Du die noch?
    @ Bonnie: Und auf den Zweiten? Auch ein Dornfortsatzspringer?
    @ ChliiTierChnübler: Klasse Hündin; geteiltes Leid ist halbes Leid!
    @ schaezle: Sie sind hundlos und werden stets hundlos bleiben? :)
    @ José: Kurz darauf war Schluss. Ohne Hölzenbein wäre das nicht so weit gekommen…
    @ JP: Auch recht schlimm, lieber JP!
    @ Scholli: Da mögen Sie recht haben… Wie heisst denn Ihr Wellensittich?
    @ little-wombat: Sie rasieren Ihren Hund? Aber Frau Wombat! :)
    @ Henry: Mehr so Wohnzimmerschreck?
    @ Marten: s.o., Katzen sind irgendiw alle durch! :)
    @ Gürtel: Jupp Derwall.
    @ Lenny_und_Karl: Ganz genau, Frau L_u_K, so ist es!
    @ Barbara: Bittewas? Erzählen Sie bitte sofort Ihre Sitposituation!
    @ kleiner Mops: Naja, Sie sind halt ein kleiner Mops! :)
    @ Promotante: Und dabei habe ich es sogar noch etwas entschärft… Naja, muss ja auch mal, nech. Nach dem Disaster in Alanya war das jetzt mal drin!

  22. Scholli sagt:

    Isch ‚abe gar kein‘ Vogel!
    Dafür teilte Katzengetier meine Wohnung. Es gab nacheinander Jupp, Wilson und Ottfried. Ottfried allerdings gibt es immer noch, und glauben Sie mir: Er macht seinem Namen alle Ehre.

  23. Herr Schmidt sagt:

    Jetzt weiß ich endlich wie Deine Begeisterung für Möpse entstanden ist. Klar, dass Du nach so einem Erlebnis nur mit kleinen, dicken und unbeweglichen Hunden liebäugelst. ^^

  24. […] Hmm…aber was wird sich bloß die Tochter meiner Freundin eines Tages denken, wenn sie von Schnappi erfährt…??? So gesehen ist Bernd Clüver vielleicht doch gar nicht so schlimm! […]

  25. Smartlady sagt:

    Jap, cool erzählt. Aber beschützen die Vierbeiner nicht Immer ihre Frauchen? Also bei mir sollte tunlichst ein Mann mit langem Geschlechtsteil auch nicht nackig in der Wohnung rumlaufen und wenn ich mal – aus reiner Euphorie – heftiger umarmt werde, kommt Mona gleich und bellt den „Angreifer“ weg.
    Hat alles seine Vor- und Nachteile für uns Frauen Herr Winkel, denn Hunde geben alleinlebenden Frauen ein Gefühl von Sicherheit – nicht nur vor ggfl Einbrechern sondern auch vor (möglicherweise ungewollten) sexuellen Übergriffen ;)

  26. Busted sagt:

    Doch erfunden!
    Zumindest die Ohren, oder es war kein Golden Retriever.

    Trotzdem entertainend MC ;)

  27. denzel sagt:

    an dem er mir heftiger eins Auswischen könne als Waschbeckenreinigungsfachkräfte in Großküchen

    winkelsen wieder besser als dende. Klasse Text.

  28. frau moll sagt:

    immer gegen hunde.

  29. creezy sagt:

    Ach, der erste rote Kater, der über meine Schwelle kriecht, wird «Red Label» heißen! Ich bringe ihm dann bei Männer zu aportieren …

  30. Johanna sagt:

    Tierärzte nennen es die Retriever-Wut. Kein Spass, das gibts wirklich. Der arme Bernd, war vielleicht einfach nur ein Psychopath. Das ist eine Krankheit, da kann der gar nix für.

  31. Fantastischer Text, Herr Winkel. (:

  32. Bonnie sagt:

    Nein. Also nicht, dass ich jetzt wüsste. Aber er hat schwer beeindruckend gepost. ICH fand das ja unterhaltsam. Es ist so, für ein Pony hat meine Überredungsgabe nie gereicht, aber so ein Welpe, das musste schon sein. Der hatte 10 Jahre meine komplette Aufmerksamkeit bevor das mit dem daten los ging. Das war eine harte Zeit für den. Damals. Ohne Scheiß.

  33. Manniac sagt:

    Ich hoffe, Anna hat sich von da an mit ihrem Hundchen allein vergnügt?

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