Die Psychologie des Self-Handicapping: Warum wir uns selbst sabotieren
Selbstsabotage wirkt auf den ersten Blick irrational, fast absurd, und dennoch ist sie weit verbreitet. Viele Menschen kämpfen nicht nur mit äußeren Hindernissen, sondern errichten aktiv Barrieren gegen den eigenen Erfolg. Dieses Verhalten wird in der Psychologie als Self-Handicapping bezeichnet und beschreibt Strategien, mit denen Menschen ihre Leistungsfähigkeit gezielt untergraben, um ihr Selbstbild zu schützen. Statt sich den Anforderungen von Wachstum, Verantwortung und möglichem Scheitern zu stellen, wird der Misserfolg vorab entschärft, erklärt oder entschuldigt. Die Psychologie des Self-Handicapping, wir schauen auf die Frage, warum wir uns ständig selbst sabotieren.
Wenn Hindernisse zu Schutzmechanismen werden
Self-Handicapping bedeutet nicht, bewusst scheitern zu wollen, sondern Verantwortung umzulenken. Steven Berglas und Edward Jones beschreiben, dass Betroffene bereit sind, ein wahrscheinliches Scheitern zu akzeptieren, solange es erklärbar bleibt. Wer seine Leistung durch Prokrastination, Substanzkonsum oder selbst zugeschriebene Schwächen einschränkt, kann später sagen, die Umstände seien schuld gewesen. So wird das Selbstwertgefühl vor der direkten Konfrontation mit Unzulänglichkeit geschützt, obwohl der Preis hoch ist.
Psychologie des Self-Handicapping – Das Bedürfnis nach Selbstwert
Um Self-Handicapping zu verstehen, muss man das menschliche Bedürfnis nach Selbstwert ernst nehmen. Psychologen definieren Selbstwert als die Bewertung, die ein Mensch dauerhaft über sich selbst aufrechterhält. Ein positives Selbstbild vermittelt Stabilität und Orientierung, während dessen Bedrohung Angst erzeugt. Der gesunde Weg zu Selbstwert führt über Kompetenz, Entwicklung und die Bereitschaft, Risiken einzugehen. William James beschrieb Selbstwert als wahrgenommene Kompetenz in bedeutsamen Lebensbereichen.
Der anstrengende Weg der gesunden Entwicklung
Dieser gesunde Weg ist jedoch mühsam und unsicher. Er verlangt langfristige Anstrengung, Opfer und die Akzeptanz möglicher Niederlagen. Viele Menschen schrecken vor dieser Zumutung zurück, obwohl ihr Bedürfnis nach Selbstachtung bestehen bleibt. Wenn der Aufbau realer Kompetenz als zu riskant oder überfordernd erlebt wird, entstehen Ersatzstrategien. Self-Handicapping bietet dann eine scheinbar elegante Lösung, weil es erlaubt, ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten, ohne sich der eigenen Leistungsfähigkeit stellen zu müssen.
Psychologie des Self-Handicapping – Unsicherheit als Nährboden
Studien zeigen, dass Menschen mit unsicherem Kompetenzgefühl besonders anfällig für Self-Handicapping sind. Raymond Higgins beschreibt, dass diese Personen ihre Zweifel an den eigenen Fähigkeiten hinter Verhaltensweisen verbergen, die Anstrengung und Verantwortung vermeiden. Alkoholmissbrauch, chronische Aufschieberitis, Opferidentität oder das Festhalten an Angstzuständen können so zu funktionalen Ausreden werden. Das eigene Scheitern erscheint dann nicht als Ausdruck von Feigheit oder Trägheit, sondern als unvermeidliche Folge äußerer Umstände.
Selbsttäuschung und emotionale Entlastung
Durch diese Selbsttäuschung entsteht kurzfristige Entlastung. Schuld, Scham und Reue werden abgewehrt, während das Selbstbild stabil bleibt. Self-Handicapping erfüllt damit eine defensive Funktion, die Alfred Adler treffend als „Niederlage im Interesse des Schutzes“ beschrieb. Hinter selbst errichteten Symptomen fühlen sich Menschen verborgen und sicher. Die Frage nach ungenutzten Talenten wird abgewehrt, indem auf die eigenen Hindernisse verwiesen wird.
Der trügerische Bonus des erschwerten Erfolgs
Neben dem Schutz vor Versagen bietet Self-Handicapping eine weitere Verlockung. Sollte trotz der selbst geschaffenen Einschränkungen Erfolg eintreten, wird dieser als Beweis besonderer Begabung interpretiert. Erfolg unter erschwerten Bedingungen wirkt spektakulärer und nährt grandiose Selbstbilder. H. S. Baker beschrieb dieses Muster bei Studierenden, die bewusst nicht lernen. Scheitern lässt sich erklären, Erfolg erscheint magisch und bestätigt vermeintliche Genialität.
Langfristige Folgen der Selbstsabotage
Doch diese Strategie ist langfristig zerstörerisch. Die selbst errichteten Barrieren machen Erfolg unwahrscheinlicher und verengen das Leben zunehmend. Mit fortschreitendem Alter verlieren Ausreden ihre Überzeugungskraft, sowohl für andere als auch für einen selbst. Die soziale Umgebung ermüdet, Mitgefühl versiegt und das fragile Selbstwertkonstrukt gerät ins Wanken. Edward Jones betonte, dass Self-Handicapping zwar Misserfolge erklärbarer macht, diese jedoch real bleiben und den Selbstwert langfristig untergraben.
Psychologie des Self-Handicapping – Bewusstwerdung als Wendepunkt
Der Ausweg aus der Selbstsabotage beginnt mit Bewusstheit. Die Wirksamkeit von Self-Handicapping beruht darauf, dass es sich der bewussten Wahrnehmung entzieht. Erst wenn Menschen erkennen, wie sie sich selbst behindern, entsteht die Möglichkeit zur Veränderung. Dieser Prozess ist schmerzhaft, weil er Selbsttäuschung auflöst und Verantwortung zurückholt. Dennoch ist er unverzichtbar, wenn Entwicklung wieder möglich werden soll.
Ein Fallbeispiel aus der Praxis
Alfred Adler beschrieb den Fall eines intelligenten Mannes, der Alkohol als bevorzugte Selbstbehinderung nutzte. Seine Trinkexzesse dienten weniger der Flucht vor Stress, sondern als psychologisches Alibi. Alkohol entband ihn von gesellschaftlichen Erwartungen und beruflicher Verantwortung. Subjektiv fühlte er sich überlegen, weil er sich dem Wettbewerb entzog. Objektiv jedoch lebte er weit unter seinen Möglichkeiten und zahlte dafür einen hohen Preis.
Fazit | tl;dr
Self-Handicapping schützt kurzfristig vor Selbstzweifeln, verhindert jedoch echte Entwicklung. Es bewahrt ein erträgliches Selbstbild, während Potenzial ungenutzt bleibt. Erst die bewusste Abkehr von selbst errichteten Barrieren eröffnet den Weg zu tragfähigem Selbstwert. Dieser Weg ist riskant, aber er ist der einzige, der langfristig Sinn, Wachstum und innere Stabilität ermöglicht.


