Der unsichtbare Preis der Schlachten: Die Klimabilanz der Kriege (Ukraine, Gaza, Iran)

Klimabilanz der Kriege

Krieg hinterlässt eine Spur der sichtbaren Zerstörung. Wir sehen Bilder von zerbombten Häusern, in Schutt und Asche gelegten Städten und das unermessliche Leid der Zivilbevölkerung. Doch jenseits der humanitären Katastrophe verbirgt sich eine weitere, oft ignorierte Konsequenz: der massive ökologische Fußabdruck des Militärs. In der aktuellen Ausgabe des BBC-Formats „The Climate Question“ beleuchtet Host Graihagh Jackson gemeinsam mit Experten die verheerenden Auswirkungen bewaffneter Konflikte auf unser Weltklima.

Klimabilanz der Kriege: Die explodierenden Zahlen von Gaza bis zur Ukraine

Wenn wir über den Klimawandel sprechen, denken wir meist an den Individualverkehr oder die Industrie. Dass militärische Aktivitäten jedoch eine eigene, gewaltige Emissionsklasse bilden, zeigt Dr. Benjamin Neimark von der Queen Mary University. Allein für den Konflikt in Gaza schätzen Forscher den Ausstoß auf etwa 33,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Um diese Menge zu kompensieren, bräuchte es jährlich die Filterleistung von rund 33 Millionen Morgen Wald. Das entspricht in etwa dem gesamten Jahresausstoß eines Landes wie Jordanien.

Noch massiver zeigt sich das Ausmaß beim Blick auf den Krieg in der Ukraine, der nun bereits in sein viertes Jahr geht. Hier liegen die Schätzungen bei rund 237 Millionen Tonnen CO2. Dabei spielt nicht nur der direkte Einsatz von Waffen eine Rolle. Ein signifikanter Anteil der Emissionen – etwa 22 % – resultiert aus großflächigen Landschaftsbränden, die durch den Beschuss ausgelöst werden. Diese Feuer setzen gespeicherten Kohlenstoff aus Wäldern und Böden frei, der über Jahrzehnte gebunden war.

Beton und Stahl: Die graue Hypothek des Wiederaufbaus

Ein oft übersehener Faktor in der Klimabilanz des Krieges ist die Materialschlacht. Dr. Neimark betont, dass es nicht nur die Bomben sind, die zählen. Bereits im Vorfeld verbraucht der Bau von massiven Verteidigungsanlagen, wie dem Grenzzaun um Gaza oder den riesigen Tunnelnetzwerken, enorme Mengen an Beton. Die Zementproduktion allein ist weltweit für etwa 7 % der CO2-Emissionen verantwortlich.

Die eigentliche Klimakatastrophe folgt jedoch oft erst nach den Kampfhandlungen: der Wiederaufbau. Um zerstörte Städte wie Mariupol oder Gaza-Stadt wieder bewohnbar zu machen, müssen Millionen Tonnen Stahl und Beton produziert und bewegt werden. Diese „grauen Emissionen“ binden die Klimabilanz der betroffenen Regionen für Jahrzehnte an einen extrem hohen Ausstoß. Krieg ist somit nicht nur ein Zerstörer der Gegenwart, sondern auch ein massiver Belastungsfaktor für die ökologische Zukunft.

Klimabilanz der Kriege: Die Sonderrolle des US-Militärs

Professorin Neta Crawford von der University of St. Andrews macht deutlich, dass das US-Militär in einer eigenen Liga spielt. Mit über 700 internationalen Stützpunkten und einer Flotte von 12 Flugzeugträgern ist der logistische Aufwand beispiellos. Ein B-2 Bomber, der für einen Einsatz 17 Stunden in der Luft ist, verbraucht Unmengen an Kerosin. Ein F-35 Kampfjet schluckt pro Meile etwa 2,3 Gallonen Treibstoff – ein Wert, der weit jenseits jeder zivilen Vorstellungskraft liegt.

Interessant ist dabei Crawford’s Analyse zur „Militarisierung der Wirtschaft“. Die hohen Anforderungen des Militärs an Materialien und Technologien prägen oft langfristig auch den zivilen Sektor. Ein historisches Beispiel ist das US-Interstate-Highwaysystem, das ursprünglich für den Transport von Militärgütern konzipiert wurde. Es legte den Grundstein für die Suburbanisierung und die extreme Abhängigkeit vom Automobil, was die US-Emissionswerte bis heute massiv beeinflusst.

Das Schweigen der Armeen: Die Datenlücke

Ein großes Problem für Klimaforscher bleibt die Transparenz. Militärs sind bisher nicht verpflichtet, ihren exakten CO2-Fußabdruck detailliert zu melden. Historisch geht dies auf intensives Lobbying der USA beim Kyoto-Protokoll in den späten 90er Jahren zurück. Auch im Pariser Abkommen blieb die Berichterstattung für Streitkräfte weitestgehend freiwillig.

Oft wird das Argument der nationalen Sicherheit angeführt: Man wolle dem Feind keine Rückschlüsse auf Truppenstärken oder Einsatzbereitschaften geben. Experten wie Dr. Neimark halten dies jedoch für fadenscheinig. In einer Welt der Satellitenüberwachung ließen sich Inventare ohnehin leicht schätzen. Die fehlende Datenlage erschwert es jedoch ungemein, das wahre Ausmaß der militärischen Klimabelastung in globale Reduktionspläne zu integrieren.

Klimawandel als strategische Bedrohung

Trotz der zögerlichen Berichterstattung beginnen Militärs weltweit umzudenken – wenn auch aus strategischen Gründen. Extremwetterereignisse werden zunehmend als Bedrohung für den operativen Betrieb wahrgenommen. Geschmolzener Asphalt behindert den Start von Kampfjets, Fluten bedrohen Küstenstützpunkte. Zudem wird die Dekarbonisierung als taktischer Vorteil entdeckt: Elektrifizierte Fahrzeuge sind leiser und geben weniger Hitzesignaturen ab, was die Tarnung verbessert.

Darüber hinaus sehen Strategen den Klimawandel als „Instabilitätsbeschleuniger“. Ressourcenknappheit, etwa bei Wasser oder seltenen Erden für Batterien, sowie klimabedingte Massenmigration könnten neue Konflikte befeuern. Das Militär rüstet sich für eine Welt, die durch die eigenen Emissionen immer instabiler wird. Experten plädieren hier für einen radikalen Kurswechsel: Statt Milliarden in die Sicherung von Ressourcen durch Waffen zu investieren, wäre das Geld in der Unterstützung vulnerabler Regionen zur Klimaanpassung besser angelegt. Denn Prävention ist am Ende nicht nur menschlicher, sondern auch klimafreundlicher als jeder Krieg.

Der „Carbon Bootprint“ im Vergleich

Um die abstrakten Millionen Tonnen greifbar zu machen, basieren die Berechnungen auf folgenden Referenzwerten: Ein Menschenleben (515t CO2) und ein Flug von Berlin nach Paris (ca. 0,25 t CO2). Außerdem habe ich hier einmal die CO2-Ersparnis seit Einführung des Plastikpfands in Deutschland (2003) mit reingenommen.

Konflikt / Maßnahme CO2-Ausstoß (ca.) Entspricht … Menschenleben Entspricht … Flügen (BE-PA)
Krieg im Iran (nach 34 Tagen) 12,5 Mio. t ~ 24.270 ~ 50 Millionen
Gaza-Konflikt (seit Okt. 2023) 33,0 Mio. t ~ 64.000 ~ 132 Millionen
Ukraine-Krieg (seit Feb. 2022) 311,0 Mio. t ~ 604.000 ~ 1,24 Milliarden
US-Militär (pro Jahr, Frieden) 47,0 Mio. t ~ 91.260 ~ 188 Millionen
DE-Plastikpfand (Ersparnis seit 2003) – 8,0 Mio. t – 15.530 – 32 Millionen
Einordnung: Diese Zahlen basieren auf einem Durchschnittsverbrauch von 515 t CO2 pro Menschenleben und ca. 0,25 t CO2 pro Einzelflug Berlin-Paris. Deutlich wird: Die mühsame Ersparnis von 23 Jahren Plastikpfand wird durch nur einen Monat Krieg im Iran bereits komplett neutralisiert.

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