Das breite Fliesenkreuz des Baulöwen Karl S.

Ich habe nach meinem Zivildienst mal eine Zeit lang in einem Baumarkt gearbeitet. Angefangen in der Eisenwaren & Elektrowerkzeug-Abteilung, wo es mir ob des faschistoid angehauchten Abteilungsleiters („Mit so einem Bart wärest Du unter Archie ins KZ gekommen, Winkelsen!“) und der komplizierten Anfragen der Kunden („Ich baue ein vierstöckiges Halbrundetagenbett aus Rattan und möchte dem verzinkten Holzschuh ein paar Sparrenpfettenanker zwischendrechseln. Haben sie da die passenden Sechskantverbinder und Ringmutterpfostenträger?“. „Äh, nein!“.) schnell zu blöd wurde. Da ich wusste, dass der Leiter der Fliesenabteilung am Wochenende gerne Purple Haze in OCBs rollte und man im Gegensatz zu anderen Abteilungen hier die Option einer Provisionsauszahlung hatte, wechselte ich nach einem Viertel Jahr.

Die Kunden waren schnell segmentiert. Da gab es z.B. die beratungsintensiven Familen. Ganz schlimm, wenn diese ohne eigene Vorstellung bedient werden wollten. Im Laufe der Zeit entwickelte ich aber ein Gespür für den typischen Feinsteinzeug-Randomizer oder für die spezifische Mosaikfliesen-Esoterikerin. Und sobald jemand auch nur einen Blick auf diese knallbunten Bordürenstücke warf, wusste ich, denen hier mehr andrehen zu können als Lightjockeys. Solchen Leuten verkaufte ich schon einmal einige Quadratmeter der großformatigen, gelbgeblümten Nassraumwandfliesen aus der Resterampe – für deren Boden im Wohnzimmer. Was sollte ich tun – bevor ich die selbst entsorgen musste!? Was ich da teilweise für Schund an den Mann gebracht habe; vermutlich bin ich schuld an Kiels großflächig verhunzter Wohnraumkultur. Aber mein Gott, alle 100qm verkaufter Fliesen waren am Monatsende umgerechnet ein Sixpack Holsten mehr.

Besser gefallen haben mir natürlich reine Herrengruppen, optimaler Weise in Arbeitskleidung. Die überlegten nicht lange, wuchteten die Scheiße Fliesen selbst aus den Regalen auf den Transportwagen und ich musste nur noch den Kassenzettel ausfüllen. Das Allerschönste waren jedoch die Bautrupps. War eine Standardfliese zum Wochenende massivst reduziert, kamen die Arbeiter direkt mit dem LKW zum Warenausgang gefahren und ich konnte den Krempel palettenweise mit dem Gabelstapler auf den Tieflader verfrachten. Da wurde nicht viel diskutiert, das ging schnell, ich machte mich nicht dreckig und am Monatsende war dann bisweilen auch mal eine Lokalrunde drin. Bevor ihr fragt: Nein, natürlich hatte ich keinen Gabelstapler-Führerschein, bin aber auch nur sehr selten gegen die Regale gefahren. Verletzt habe ich auch nur diese eine ältere Dame auf Achselstützen, die natürlich direkt unter den Staplergabeln stand, als ich versehentlich die Marmorfensterbänke niemals jemanden.

Eines Samstags kam kurz vor Feierabend der Baulöwe des Kieler Ostufers zu uns: Karl S., dessen Zwillingstöcher ich einst bumste. Na gut, nur eine von ihnen. Aber ich konnte die eh nie auseinanderhalte und machte somit gleich zwei Kerben ins Schnitzbrett. Er guckte mich schon die ganze Zeit so an, als würde er mich irgendwoher kennen. Ich fuhr ihm eine Palette Terrakottafliesen in seinen Transporter und half anschließend noch, die restlichen Pakete händisch einzuladen. „Sag‘ mal, ich kenn Dich doch irgendwoher!?“. „Jaja, Herr S., wir haben uns mal kurz gesehen. Ich bin ein Freund von Julia! Schönen Gruß!“. Er machte einen Gesichtsausdruck wie nach 80 Runden Walzerbahn, ich stieg schnell auf den Stapler und floh wie Andrea Kiewels Kinn. Seine Fliesen kaufte Karl S. ab sofort bei der Konkurrenz.
Und ich wechselte sicherheitshalber in die Gartenabteilung.

Kommentare

30 Antworten zu “Das breite Fliesenkreuz des Baulöwen Karl S.”

  1. Andre sagt:

    War es nicht Baulöwe Jens S., der 1992 Maradona für den HSV kaufen wollte von dem hier die Rede ist? :-)

  2. Luca sagt:

    Was ist denn das für ein Zivildienst? Kochen und Gabelstablr© fahren. Mir wurde gesagt, da müsse man etwas mit Menschen machen. Sozial sein und nicht mit den Töchtern seiner Kunden, aber das ist ja auch schon wieder eine andere Geschichte. Wobei auch nicht. Die Memoiren des Herren M to the Zeeee Winkel.

    Mein Weg des weder nochs ist nicht der beste, aber der sauberste und Alkohol habe ich auch keinen gebraucht.

  3. der.grob sagt:

    könnten sie bei gelegenheit vielleicht mal das gesicht, das karl s. machte, nachmachen, werter herr winkelsen? ich kann mir darunter leider nichts vorstellen, würde es aber gerne.

  4. Jerry sagt:

    MC, du sun. du hast auch echt schon alles klargemacht. Küche, Baumarkt, Kontilinsen…..aber jetzt bist du ja am right place. Ach ja. Da waren doch mal 2 Zwillingsgirls auf der eastside? Entweder du hast es mir mal erzählt und ich war mal mit zum present:-)

  5. Aquii sagt:

    Was wuerde ich fuer die Ansicht des Schnitzbrettes geben…..

  6. steuertusse sagt:

    ich liebe baumärkte!

    find ich teilweise noch besser als nach Klamotten shoppen zu gehen.

  7. juf sagt:

    ich habe mich immer gefragt, wer für die geschmacksverirrungen in deutsche wohnzimmern verantwortlich ist. es sind so gewissenlose verkäuferseelen wie sie, herr mcwinkel

  8. soso, zwillingsschwestern. die theorie, daß man da automatisch beide gebumst hat, find ich gut. die zwei kerben auch. heißt ja nicht umsonst „nimm zwei und lachen iss gesund“. wie machten sie sich denn in der gartenabteilung? haben die bonsais überlebt?

  9. Warts ab MC, irgendwann landest Du mal nach ner durchzechten Nacht in einem Rattan-Halbrundetagenbett das auf gelbgeblümten Nassraumwandfliesen im Wohnzimmer Deiner Eroberung steht :-)

  10. Johanna sagt:

    @Aquii: Ich habe langsam den Eindruck, dass es sich um mehr als nur EIN Schnitzbrett handeln muss.

  11. Sie habe sich im Laufe ihrer „Karriere“ ja ausschließlich Freunde gemacht, Herr W.!

  12. danimateur sagt:

    also, wer töchter in die welt setzt muss doch damit rechnen, dass….. und nicht direkt so aus der haut fahren.
    ist in dem Schnitzbrett mittlerweile nicht EINE große Kerbe?

    greetz

  13. Die DiVa sagt:

    Ach das waren Sie Herr WInkelsen?! Meine Grossmutter hat sich jahrzehntelang unterm Tisch versteckt, jedes Mal wenn ein Gabelstapler vorbei fuhr. Und jetzt muss ich gehen, ich bin zerstört. Tokio Hotel trennen sich. Es sind dunkle dunkle Zeiten.
    weinend grüsst Ihre DiVa

  14. Gürtel sagt:

    ja, da hat Andre Recht, mein ich. Wurde liebevoll Johnny S. genannt. Hatte da so ne fette Hütte in Schönkirchen mit Blick auf die Schwentine. Und die Tochter hast Du gebürstet? RÖÖÖS-PECKT ;-)

  15. MC Winkel sagt:

    @Andre: Nee, das war wirklich ein gewisser Karl S., Hochbau. Aber ob Du’s glaubst oder nicht, der Solti kam auch mal rein und hat Fliesen gekauft. Nur: NIE BEZAHLT! kein Shice!
    @Luca: Ich schon! Und Du glaubst gar nicht, wie gern ich (am 31sten Tag nach Begonn des Projektes) wieder einen trinken würde… langsam wird’s haarig…
    @der.grob: Ginsheim, Herr grob! Warten wir bis Ginsheim! :)
    @Jerry: Jep, die waren das. Du kennst sie also!
    @Aquii: Ist unspektakulärer, als man meint. Zweistelliger Bereich. :)
    @steuertusse: Echt? Weiss nicht, mir zu staubig da. :)
    @juf: Ich entschuldige mich ja auch schojn dafür. Manno! :)
    @little-wombat: „NIMM ZWEI UZND LACHEN ISS GESUND“? *lol* hab ich ja noch nie gehört. Zumindest nicht in DEM Zusammenhang. Was die Gartenabteilung betrifft: KOMMT!
    @die annemarie: Irgendwann? Ich weiss es noch wie heute, es war eine mittelwarme Frühlingsnacht, irgendwann im Mai 1995. :)
    @Johanna: S.o., Hunde die bellen beißen nicht!
    @Lenny_und_Karl: absolut. Temporär einmal Hausverbot in 30% der Loklitäten vor Ort. Hat nach mir keiner mehr geschafft!
    @danimateur: Oder? Find‘ ich auch! :)
    @Die DiVa: Wer trennt sich wo? Die Gabeln des Stpalers trennen sich, aber doch nicht die Kaulitz-Bros?
    @ Gürtel: Die dicke Sau? Der etwas korpulentere Jens? Nenenene, der hatte keine Kinder. Glaub ich.

  16. Herr Winkelsen, Sie werden mir immer sympathischer. Ich liebe Baumärkte. Mit den Jungs aus unserem Baumarkt bin ich schon per Du.

    Sie waren aber ein böser Junge. Das schöne Badezimmer! Seien Sie bloß froh, das nicht Ihre Lippe geblutet hat und die zweite Kerbe machen Sie bitte wieder raus. Das ist gemogelt :-)

    Ihre Frau Ährenwort

  17. Herr Schmidt sagt:

    Veilchen und Sonnenblumen in rote Polos zu laden ist ja auch weniger anstrengend, nicht wahr?!? ;-)

  18. Pleitegeiger sagt:

    @Herr Schmidt: Vor allem verirren sich weeesentlich mehr Frauen in die Gartenabteilung! Bei den Fliesen gibt es in erster Linie Handwerker und Familien abzuschleppen. Beides nicht so MCs Spezialgebiet, nehm ich an…

  19. Erdge Schoss sagt:

    Schon mein Urgroßvater, werter Herr Winkelsen,

    sagte: Ein anständiger Kerl hat immer ein Messer dabei und ein Stück Holz. Jetzt weiß ich, was er meinte.

    Was ich nicht weiß, weswegen er auch eine Kordel, einen Bleistift und ein Blatt Papier mit sich herumzuschleppen hat. Aber ich hoffe, dass Sie auch dieses Geheimnis lüften werden.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  20. danimateur sagt:

    ich sehe, mc, wir sind da auf einer fliesenhöhe wellenlänge.

    greetz

  21. FrauvonWelt sagt:

    Bis gerade eben dachte ich, ich sei ein Mädel ohne jede tiefergehende Baumarkterfahrung, dann fiel mir eine, dass ich mal einen Spiegel geklaut habe und die Halterung dazu auch. Schuld war aber der Abteilungsleiter, den kannte ich, der hat gesagt: Hier, steck das ein, merkt eh keiner. Und schon war das Zeug in meiner Tasche. Kein Wunder, dass ich das verdrängt hatte. Was war jetzt mit Tokio Hotel?

    Herzlich und spiegelnd
    Ihre FrauvonWelt

  22. Hr. Schoss, Ihr Großvater war McGyver?

    MC, aber auch in diesem Zusammenhang durchaus interessant, finden Sie nicht? ;-)

  23. Westpfalz-Johnny sagt:

    Eine wirklich bunte Belegschaft: Der eine rechts, der andere Kiffer. United Colors of Baumarkt.

  24. 500beine sagt:

    mich hat man in den 80ern mal am arsch gekriegt, ich musste drei monate lang im OBI jobben: in der EISENWAREN-ABTEILUNG (in echt), da ich aber null Ahnung hatte von Bohrfutter und Breit-Paneele etc. hab ich mich unsichtbar gemacht, sobald der nächste stammkunde auf mich zu kam, was nicht so einfach war im leuchtend orangen OBI-kittel..

    hat geklappt, meistens, trotzdem.

    na ja, als gelernter VERPISSER VOM DIENST weiss man, was man seinem ruf schuldig ist, oder nich!?

  25. Uberego sagt:

    Baumarkt, das is son Job wie mein früherer: 4 Jahre Dönerverkäufer(in). Klasse, damit kann man auch beim letzten Volltrottel nicht angeben. (Aber zu dem Zwecke hab ich ja später eh in ner Werbeagentur gearbeitet, das klingt immer gut)

  26. Johanna sagt:

    Jetzt bin ich ein bißchen enttäuscht. Ich hatte auf noch sooo viele lustige Geschichten (Anzahl im 3stelligen Bereich) gehofft…

  27. Aquii sagt:

    @ Johanna

    bin mir sicher, das Herr Winkel daran uebt, etwas zaghaft im Moment, aber durch unseren Ansporn und das Wegfallen des Alkverbotes bestimmt intensiv, ab Neujahr, ich bin mir sicher. ;)

  28. Bautechniker sagt:

    Warum haben Sie eigentlich nicht zu „Farben und Lacke“ gewechselt, werter Herr Winkelsen? Dann hätten Sie all den Leuten für ihre knallbunten, undichten Wandfliesen auf dem Wohnzimmerboden erstklassige, hochwasserfeste (und teure) Latexfarbe in unauffälligen Farben verkaufen können. Sie hätten die kleinen Sünden Ihrer Vergangenheit wiedergutmachen können und es hätte immerhin zweimal Provision gebracht.

  29. schaezle sagt:

    Hauptsache das Wort Bumsen kommt vor. Weiter so!

  30. Pro-Feiler sagt:

    […] das – er war stellvertretender Filialleiter, als ich vor 15 Jahren in einem anderen Bauh*us jobbte. Hätte er das gleich gesagt – ich hätte es für mich behalten, aber: der Schlüssel […]

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