Über Fluoridzahnpasta und Zwangsmeditation


„Ich bin nicht hier, um mir Freunde zu machen!“. Menschen, die mich so begrüßen, sind mir erstmal unsympathisch. Nicht, weil ich dann Angst bekomme; vielmehr weil ich dann weiss, dass da jemand kommt, der bevorzugt Unruhe stiften wird. Weil er es soll, nicht weil er es will. Straffe Strukturen, Zucht und Ordnung, Disziplin, Optimierung – Ihr wisst schon, dieser ganze amerikanisierte New Economy-Bullshit, dieser flexibilitätsraubende, einschränkende DIN-Iso-Zertifizierungsblödsinn. Und wenn der Geschäftsführer Kaviareier, eine Autorität und Charisma wie Marty Feldman hat, dann ist man mit jemanden wie Schrumpff als Antreiber gut bedient.

Schrumpff kam 1998 als Betriebsleiter in die Firma, für die ich ich damals arbeitete. All das, was uns der Chef damals nicht zu sagen traute, sagte uns von nun an der dicke Schrumpff. Mein Problem ist, dass ich solche Leute nicht richtig ernst nehmen kann. Kommt rein mit seinen 1000 Zetteln, verkompliziert die Welt und schreit cholerisch herum. Eines Tages stand ich wieder an seinem Schreibtisch. Ich hatte es seinerzeit als Einkaufsleiter nicht geschafft, bestimmte Lieferungen rechtzeitig zu bekommen. Schrumpff löffelte einen Schokopudding und schrie mich an. Er zitterte dabei, was in Zusammenhang mit der Erdanziehungskraft für den Schritt seiner Hose zu einem Faux-pas führte: Ein schmieriger Puddingfleck platzierte sich genau dorthin, von wo sich die Marketingabteilung der Meica-Mini-Wini-Würstchen hat inspirieren lassen. Ich konnte nicht anders als mit dem Finger auf seinen verdreckten Schritt zu zeigen und Ihn auszulachen. Ich glaube, von dem Moment an mochte er mich noch weniger.

Schrumpff war die fleischgewordene Antipathie. Er stank, schrie, log und war doof. Nachdem es in der Firma irgendwann für die meisten Arbeitnehmer unzumutbar war, mit der Geschäftsführung/Betriebsleitung zusammenzuarbeiten, wurde eine Gewerkschaft nach Maßnahmen gefragt. Keine gute Idee, denn am Tage nach der Betriebsversammlung im Hause der Gewerkschaft durften sämtliche, damalige Probezeitler sofort Ihren Hut nehmen. Auch mich wollte man loswerden, indem man mir unwahre Missetaten vorwarf. Ich klagte damals und bekam nach einem langen Prozess eine anständige Abfindung. Inzwischen in neuem Job freute ich mich doppelt über den für mich positiven Ausgang der Geschichte, richtete meine Wohnung neu ein, kaufte mir endlich das Kingsize-Wasserbett (80%ige Beruhigungsstufe) mit Thermostat und flog erstmal in den Urlaub. Dass Schrumpff immer noch sein Unwesen in dem Unternehmen führte, ärgerte mich periphär. Doch ich glaubte damals schon an ausgleichende Gerechtigkeit; what goes up, must come down!

Dieses Jahr war es dann endlich soweit. Schrumpff wurde unehrenhaft aus dem Unternehmen entfernt. Wie ich hörte, war er zuletzt ohnehin nur noch körperlich anwesend. Keiner nahm Ihn noch ernst, keiner respektierte Ihn mehr und er schrie unter starkem Verfolgungswahn leidend nur noch sich selbst und einen Bildschirm in der Caféteria des Unternehmens an. Nach seinem Verlassen fand man nun u.a. einen Terminplaner, dessen Wochenübersicht sich einige Mitarbeiter auf T-Shirts drucken werden. Auch ich habe mich herzlich über verschiedene, private Einträge von Schrumpff amüsiert, welche ich Euch auf keinen Fall vorenthalten möchte:

[Auszüge]
Montag:
06.30h Aufstehen, 15 Min. Rad fahren
18.00h Arbeitsende
19.00h Kleines Workout 45 Min.
20.00h Essen (überschneidet sich da nicht etwas?)
Lesen: Kapital / WiWoche

Dienstag:
06.30h Aufstehen, 15 Min. dehnen
17.00h Arbeitsende
Tai Chi 30 Min.
Rad 20 Min.
Sauna 60 Min.
19.30 Essen
Hören: Meditationscassette (!!!)

Mittwoch:
(…)
19.00h Workout 45 Min.
19.30h Essen (?)
Lesen: Roman

Donnerstag:
(…)
Wochenplan erstellen
Einkaufsplan
17.00h Arbeitsende
Rad 20 Min.
Joggen
Sauna 60 Min.
19.00h kleines Workout 45 Min.
19.30h Essen (wie zur Hölle macht der das?)
Lesen: Fortbildungsbuch (Klar. Diese hier.)

Freitag:
(…)
großes Workout / Fechten 90 Minuten
14-tägiges Essen mit Freunden (wer das wohl war?)
20.00h Meditationscassette

Sonnabend
09.00h Motorradtour
10.00h Tai Chi 60 Min.
11.00h Einkaufen
13.00h Pause
15.00h Fensterputzen
19.00h Kochbeginn
20.00h Zähneputzen mit Fluoridaufbauer
20.20h Meditationscassette
Lesen: Roman

Sonntag:
09.00h Bootstour
10.00h Frühstück
12.00h Arbeiten
14.00h gr. Workout 90 Minuten
Sauna 60 Minuten
Lesen: Fortbildungsbuch

Dafür gibt es also Organizer. Und am Wochenende war so richtig Action im Hause Schrumpff. Dass dieser Typ dringend fachmännische Hilfe braucht, war mir schon damals klar. Nach dem Lesen seines Wochenplanes empfinde ich nun doch tatsächlich so etwas wie Mitleid. Aber vielleicht haben Fluoridzahnpasta, Meditationscassetten und Tai Chi ja geholfen und Schrumpff ist jetzt ein besserer Mensch. Vielleicht aber auch nicht.

Kommentare

28 Antworten zu “Über Fluoridzahnpasta und Zwangsmeditation”

  1. eric sagt:

    aber erstaunlich viel sport (wenn man mal davon absieht, dass das vermutlich eher das vorspiel zum essen war, also vermutlich der gang zum supermarkt oder den kühlschrank) für so was stämmiges ;) und als ex-new-economist würde mich ja zu sehr interessieren, wer die firma war und wessen wertlose stockoptions du heute noch zur abschreckung im depot dümpeln hast!

  2. Stefko sagt:

    Der Mann scheint ein Zeitplanungs-Genie zu sein, nicht nur, daß sich sein Workout mit dem Essen um 15 min überschneidet, das frisst er vielleicht auf dem Ergometer, der Hammer ist wirklich, wie er es hinbekommt, Freitags für ganze 14 Tage mit Freunden zu spachteln …
    Chapeau!
    – oder meinte er am Ende ganz schnöde „14-tägig, Essen mit Freunden“? ;-)

  3. gb sagt:

    Schön auch der Auftakt am Samstag mit seiner einstündigen Motorradtour und anschließendem TaiChi, um wieder runterzukommen. Nach dem Einkaufen ist bei dem Stress eine zweistündige Pause schon angebracht, die Frage ist, was er da macht. Denn alle anderen Alltäglichkeiten listet er ja auf. Eigentlich müßte da
    13:00 Zum dreckigen Fenster rausgucken
    oder
    13:00 Onanieversuch nach drei Anläufen erfolglos abbrechen und 1 Stunde schwitzen wie ein Schwein
    stehen. Ach nein, zweiteres macht er ja schon Donnerstag…

  4. Franziska sagt:

    Wow, selten so gelacht. Das nenne ich die totale Kontrolle. Wenn man sich sogar seine Freizeit eine Woche lang (mindestens?) vorplanen kann.
    Übertroffen vielleicht noch von den Notizen einer Referandarin, die bei uns Russischunterricht gab. Sie hatte MINUTIÖS aufgeschrieben, was zu tun war. Zu bestimmten Zeiten stand da auch: „RUHE!“. Was das bedeutete, fanden wir bald heraus: um punkt 5 nach 9 sagte sie mitten in unsere unruhige Klasse „RUHE!“. Woraufhin wir für fünf Minuten die Klappe hielten. Traurig war nur, dass sie selbst dann „RUHE!“ sagte, wenn es mucksmäuschenstill, die Zeit aber ran war…

  5. e!genart sagt:

    Also bei so ner Wochenplanung wäre ich nicht nur topfit und muskulös, sondern hätte auch noch blinkende, Fluorid gehärtete Zähne…

    Kaufe mir morgen ein Motorrad und eine Tai Chi-Maschine.

  6. Sillium sagt:

    Ich bin begeistert! Gut finde ich „06.30h Aufstehen, 15 Min. dehnen“. Ob er um 6.15h aufwacht, in seinen Planer guckt und dann denkt „Scheisse, noch 15 Min. warten“? An Wochenenden wird gar nicht erst aufgestanden…

  7. mikel sagt:

    Schön ist, daß er trotz Meditationskassette ausschließlich agressiv herumlief und trotz des ominösen Sportprogrammes sich praktisch wöchentlich darüber beschwerte, runder zu werden…
    Die Realität sah derart aus, daß er die Termine zur Auffüllung der Snack-Box auswendig kannte und sofort nach Befüllung ALLE Chips-Tüten auf Vorrat leerkaufte… Ihm dabei zuvorzukommen war erheiternd, da er daraufhin tagelang schlechte Laune hatte :-)
    Schließlich gibt es nichts wichtigeres im Leben eines Managers als den „Snack-Bären“!

  8. rieth sagt:

    Tatsächlicher ein interessanter Wochenplaner – ganz großes Tennis!

    Was mich aber fasziniert sind die Touren mit dem Motorrad und dem Boot – sicherlich mit dem Motorrad kann man mal eine Stunde einplanen, zumal das Bike in der Regel vorm Haus steht(Ok, fraglich ob er das bis zum Bike innerhalb einer Stunde schafft???) – aber verdammt nochmal wie macht der das mit der Boottour? Allein die Fahrt und das evtl Verstauen des Bootes benötigt doch mehr als die Zeit, die er überhaupt eingeplant hat! Ich weiß ja nicht…!

    Also wenn seine Termine in der Fa genauso waren, kann die Fa froh sein, wenn sie noch existiert!

    In diesem Sinne

  9. mai sagt:

    ähm…. war das der freizeitplaner?

    und nu….. gab es da noch einen für die arbeit?

  10. Burnsterchen sagt:

    oooohhhhh MC, es juckt mich so über meinen chef zu schreiben wenn ich ihre hochgradig amüsante abhandlung so lese. mein chef ist ein perpetuum mobile an peinlichkeiten. bald ist der vertrag ausgelaufen, dann darf ich auch. ich feigling. was ihren schrumpffgermanen betrifft: nomen est wie immer omen.

  11. Herr W**ter sagt:

    Hehehe, so´n Chef hatte ich auch mal :-)

  12. Ole sagt:

    Der erste Mensch, der mir untergekommen ist und jeden Samstag abend zwanzig Minuten Zähne putzt! Ich bin beeindruckt!

  13. ich mag keine plaene. typen mit plan auch nicht, aber Kingsize-Wasserbett (80%ige Beruhigungsstufe) mit Thermostat finde ich prima :) ich habe einen feuerwehrmann, der hat auch so eins.

  14. Karsten sagt:

    Der sollte sich auch nen Blog zulegen – so viel Aufregung im Leben sollte er mit seinen Mitmensch teilen.

  15. 7an sagt:

    Scheiße, bei so einem Leben, wär ich doch lieber Reisbauer in Vietnam und würd mich abends mit dem Dorf üblichen Fusel zukippen. Apropos zukippen. Argh ich vertrage gar nichts mehr, und das schon mit 25. Wie soll das erst in zehn Jahren werden? Muss ich mehr trainieren? Scheiße, ich geh wieder ins Bett. Die mündlichen Prüfungen sind ja erst um halb elf.

  16. M.Proust sagt:

    Herr MC, was ist denn aus der Geschichte mit Oliver geworden? Verstehen Sie mich nicht falsch, aber dieses Preosgeblogge reicht mE nicht an Ihre früheren Einträge heran.
    Gott zum Gruße,
    M.Proust

  17. Sandra sagt:

    Ha ha ha !

    Hab selten so gelacht :)Dein Blog suckt ! Bist mein Frühstücks-, Mittags und Abends Blog. MC Winkel for Präsident!

  18. Burnster sagt:

    sandra, du widersprichst dir. oder ist sucken neu-neu-neudeutsch und neuerdings positiv besetzt.

  19. Unter Null sagt:

    Dann muss ich mal prüfen, ob das morgendliche Workout mit den Zeiten ihrer Beiträge passt. Was ist mit der Houseputzparty?

  20. brittbee sagt:

    @Burn-Sternchen, seit wann bist Du denn so kleinlich? Frauen muss man eigentlich nicht darauf hinweisen, dass sie sich widersprechen, weil sie´s ohnehin immer machen.
    @ Unter Null
    Abgeblasen, weil MC humpelig und überhaupt. Macht jetzt die klauende Putz (Namen vergessen.Carola?)in de Hoffnung, dass sie die Fußmatten der Rotzer klaut.

  21. Burnster sagt:

    der war gut, britz:))

  22. fraufrank sagt:

    lieber mc, was ist das für eine geschichte mit dem wasserbett?
    grandios, ich dachte die wasserbettler gäbs nicht mehr.
    respekt, und sie schreiben das einfach so.

  23. KleinesF sagt:

    Ich denke mal, seine Mutter war Schuld daran, dass er so scheisse war. Meditationskassetten sind die Krücken für die, die Religion nicht verstehen. Wenn man auf PC-Open guckt, dann ist er allerdings arbeitssuchend. Was einerseits beruhigt, da es richtig ist, andererseits aber beunruhigt, da er was finden wird, und: Was macht er jetzt den ganzen Tag?

    Sport macht Hunger!

  24. burnston sagt:

    langsam bekomme ich den eindruck, sie wollen wirklich dringend auf ihre mutter geschichte bzw. ihren blog hinweisen, kleinesf.

  25. MC Winkel sagt:

    Damn, ich bin wieder zu faul&spät, hier auf alles einzugehen… sorry. :)

    fraufrank, ich komme bei Ihnen einfach nicht durch. An der Wortwahl kann´s nicht liegen, ich benehme mich doch… Am besten, Sie schalten den Spamschutz aus. Was ich noch bzgl. des WB´s sagen wollte: Ich wollte es immer haben. Habe mir 1990 vom ersten Lehrlingsgehalt bereits ein Einsteigermodell gekauft. 450DM. Entsprechend die Qualität. Dann lange ohne, und seit 1999 wieder mit! Was spricht gegen Wasserbettler? Bei mir sind´s ausschließlich faul&spät-Gründe. Das, was Sie denken, geht auf Futon besser. :)

    McBurmitt: Ich habe Dir heute bestimmt 20 verschiedene AlterEgos verpasst; ich hoffe, sie gefallen Ihnen… :)

    @ brittbee: eigentlich fällt´s aus, weil die Hausverwaltung mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Ist wohl aber auch besser so. Pocher hat eh nicht zugesagt, Holsten enttäuschte und ich habe eine Schwäche für Dach-über-dem-Kopf. Mehr dazu ein anderes mal.

    Ich muss weg.

  26. alice sagt:

    vor allem:

    VIERZEHNTÄGIGES ESSEN!
    weisst du jetzt, wo der die verlorene zeit der anderen 6malknappe5minuten zum essen nachholt????

  27. KleinesF sagt:

    Burnster, ja, Egosau: Ich. Bin da ganz ehrlich. Wollte mehr Leser. Tut mir nicht leid. Werde ich in dieser Krassheit aber nicht wiederholen. Okay.

  28. KleinesF sagt:

    Nein, es hat mich ehrlich betroffen. Eitelkeit ist meine Lieblingssünde. ;-)

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