Arte TRACKS: Die (R)evolution des Jazz – wie ein totgesagtes Genre die Gegenwart erobert

Arte Tracks Jazz

Modeshows, Rooftop-Sessions, Clubnächte oder internationale Festivalbühnen – Jazz ist wieder sichtbar. Und zwar dort, wo kulturelle Gegenwart verhandelt wird. Was jahrzehntelang mit verrauchten Kellern, alten Sesseln und nostalgischer Ehrfurcht verbunden war, hat sich neu aufgeladen. Die ARTE-Dokumentation Tracks zeichnet diese Bewegung nach und zeigt, warum Jazz heute wieder relevant ist. Nicht als Museumsmusik, sondern als offenes System, das sich ständig verändert.

Die Ausgangsfrage ist dabei simpel und gleichzeitig existenziell. Wenn ein Genre kein junges Publikum mehr erreicht, stirbt es. Jazz hat diese Schwelle längst überschritten, denn die Zuschauerzahlen steigen deutlich, Konzerte sind ausverkauft und das Publikum wird spürbar jünger. Die Musik von Miles Davis, Thelonious Monk, Duke Ellington oder Jaco Pastorius wirkt dabei nicht wie Vergangenheit, sondern wie Fundament. Gerade im Kontrast zu einer oft sterilen, glatt produzierten Poplandschaft gewinnt diese Musik neue Bedeutung.

Arte TRACKS: Jazz als Haltung, nicht als Stil

Ein zentrales Motiv der Dokumentation ist die Unmöglichkeit, Jazz eindeutig zu definieren. Das berühmte Zitat von Louis Armstrong – „Wenn du fragen musst, was Jazz ist, wirst du es nie wissen“ – zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Jazz wird weniger als Stil verstanden, sondern als Haltung. Als Bereitschaft zur Improvisation, zum Risiko und zur Offenheit.

Viele der porträtierten Musikerinnen und Musiker lehnen das Label Jazz sogar ab. Sie nutzen es pragmatisch, wissen aber um seine historische Schieflage. Jazz ist, historisch betrachtet, ein Marketingbegriff für schwarze amerikanische Musik. Musiker wie Miles Davis oder Monk haben ihn selbst nie verwendet. Dennoch dient er heute als lose Klammer für eine Szene, die sich bewusst nicht einengen lässt.

London: Das Epizentrum des neuen Jazz

Besonders intensiv blickt „Tracks“ nach London. Die britische Hauptstadt hat sich in den letzten Jahren zu einem Schmelztiegel entwickelt, in dem unterschiedlichste kulturelle Hintergründe aufeinandertreffen. Migration, Diaspora und musikalische Offenheit prägen eine Szene, die Jazz mit Grime, Soul, HipHop, elektronischer Musik und Pop verschränkt. Das Ergebnis ist keine Fusion im klassischen Sinne, sondern eine neue Selbstverständlichkeit.

Eine zentrale Figur dieser Bewegung ist Emma-Jean Thackray. Sie komponiert, produziert und performt Musik, deren Wurzeln klar im Jazz liegen, deren Sprache jedoch weit darüber hinausgeht. Trompete, Gesang, Synthesizer und Songwriting verschmelzen zu einem Sound, der sich jeder Schublade entzieht. Ihr Ziel ist nicht Genrezugehörigkeit, sondern Eigenständigkeit. Im besten Fall, so sagt sie, wird sie selbst zum Genre.

Arte Tracks x Jazz – Ronnie Scott’s und der Brückenschlag nach Los Angeles

Ein weiterer Schauplatz ist der legendäre Ronnie Scott’s Jazz Club, ein Ort, an dem Geschichte und Gegenwart aufeinandertreffen. Hier begegnet „Tracks“ dem Pianisten Kiefer, der exemplarisch für den transatlantischen Dialog steht. Seine Musik verbindet Jazz mit HipHop, Soul und Beatkultur, ohne sich anzubiedern.

Kiefers Weg führt von klassischem Jazzunterricht über Studien bei Kenny Burrell bis hin zu Produktionen für zeitgenössische Künstler. Besonders prägend ist seine Verbindung zum Stones Throw Records-Umfeld, in dem Jazz, HipHop und Beatmaking seit Jahrzehnten selbstverständlich ineinandergreifen. Seine Mitarbeit an Anderson .Paaks Grammy-prämiertem Album „Ventura“ zeigt, wie durchlässig diese Welten geworden sind.

Berlin, Hamburg und die Kraft des Kollektivs

Auch Deutschland spielt eine wichtige Rolle in dieser Erzählung. In Hamburg begleitet „Tracks“ das Moses Yoofee Trio einen Tag lang. Die drei Musiker stehen für einen Jazz, der bewusst roh bleibt, instrumental gedacht ist und trotzdem große Räume füllt. Ihre Geschichte beginnt mit spontanen Jams, viel Zeit im Proberaum und dem Mut, sich nicht zu verstellen.

Ihr Erfolg zeigt, dass Instrumentalmusik kein Nischenprodukt sein muss, wenn sie ehrlich bleibt. Die Band verzichtet auf große Showeffekte und setzt stattdessen auf Dynamik, Zusammenspiel und Emotion. Genau darin liegt ihre Anziehungskraft. Jazz wird hier nicht erklärt, sondern erlebt.

Jazz, HipHop und die Rückkehr des Organischen

Ein wiederkehrendes Thema der Dokumentation ist die Ermüdung an perfekt produzierter Musik. Viele Stimmen sprechen von einer Sehnsucht nach Organik, nach hörbarer Dynamik und nach menschlichen Fehlern. Jazz erfüllt dieses Bedürfnis, weil er Raum lässt. Für Improvisation, für Interaktion und für Unvorhersehbares.

Die Verbindung zwischen Jazz und HipHop ist dabei kein Trend, sondern historisch gewachsen. Produzenten wie J Dilla, Pete Rock oder Dr. Dre griffen früh auf Jazz-Samples zurück, weil sie dort emotionale Tiefe fanden. Heute kehrt dieser Austausch zurück, nur offener, direkter und selbstbewusster.

Ein Genre ohne Grenzen

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Jazz weniger ein abgeschlossenes Genre ist als ein Prozess. Je mehr sich Musik weiterentwickelt und Genres ineinander greifen, desto weniger sinnvoll werden feste Kategorien. Genau darin liegt die Stärke des aktuellen Jazz. Er erreicht Menschen, die dachten, sie mögen keinen Jazz. Und er spricht Jazz-Puristen ebenso an, weil er die Essenz bewahrt.

„Die (R)evolution des Jazz“ zeigt keinen Hype, sondern eine Bewegung. Eine Szene, die keine Angst hat, sich zu verändern. Und eine Musik, die gerade deshalb wieder so lebendig wirkt.

Arte TRACKS: Die (R)evolution des Jazz – wie ein totgesagtes Genre die Gegenwart erobert

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