Ali Shaheed Muhammad bei „What’s In My Bag?“: Eine Reise durch Bassläufe und spirituelle Wurzeln

Ali Shaheed Muhammad

Wenn eine Legende wie Ali Shaheed Muhammad den berühmten Amoeba Music Store in Hollywood betritt, geht es nicht einfach nur um das Kaufen von Schallplatten. Es ist eine archäologische Grabung in der DNA des Hip-Hop, des Jazz und der Soul-Musik. Der Mitbegründer von A Tribe Called Quest und treibende Kraft hinter dem Projekt Jazz Is Dead gewährt in der neuesten Folge von „What’s In My Bag?“ tiefe Einblicke in seine Tasche. Und damit direkt in seine musikalische Seele.

Dabei wird schnell klar, dass Ali Shaheed Muhammad Musik nicht nur als Produzent konsumiert, sondern als Suchender, der die Verbindung zwischen den Generationen spüren möchte. Von den tiefen Frequenzen seines Onkels bis hin zu den transzendenten Klängen von Can. Diese Auswahl ist ein Lehrstück über Inspiration und das Handwerk des Sampling.

Die Magie der tiefen Frequenzen: Ali Loves Bass

Ein roter Faden zieht sich durch fast alle Picks des Künstlers: die Liebe zum Bass. Ali Shaheed Muhammad erklärt, dass er bereits im Alter von drei oder vier Jahren von seinem Onkel Mike, einem Bassisten in Jazz-Fusion-Bands, ein Instrument in den Schoß gelegt bekam. Obwohl es damals zu schwer war, blieb die Faszination für das „Low End“ bestehen. Später, während der Arbeit am legendären Tribe-Album Midnight Marauders, begann er selbst intensiv Bass zu spielen, um eine Stimme zu finden, die über das reine Sampling hinausgeht.

Diese Leidenschaft spiegelt sich in seiner Wahl von Deon Estus wider. Estus, bekannt als Bassist von Wham!, beeindruckte Muhammad schon als Kind durch sein filigranes „Finger Plucking“ auf dem Brainstorm-Album Journey to the Light. Auch die Auswahl von Meshell Ndegeocello mit ihrem aktuellen Werk No More Water: The Gospel Of James Baldwin unterstreicht diesen Fokus. Für Ali ist sie eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit, eine „massive Seele“, die sich jedem Schema entzieht und Musik als reine Energieübertragung begreift.

Ali Shaheed Muhammad – Deutsche Avantgarde und die Kunst des Wartens

Einer der überraschendsten Momente des Digging-Trips ist der Griff zu Can und ihrem Album Soon Over Babaluma. Muhammad nutzt diese Wahl für eine wunderschöne Metapher über den kreativen Prozess. Er vergleicht das Hören dieser Musik mit einem Experiment aus seiner Schulzeit in Brooklyn, bei dem man Samen in einem Milchkarton beim Keimen beobachtete.

In einer Welt, die auf sofortige Befriedigung setzt, plädiert er für Geduld. Man müsse der Musik von Can Zeit geben, zu keimen und im Geist aufzublühen. Erst wer den gesamten Prozess von der Wurzel bis zur Blüte verfolgt, versteht die wahre Schönheit dieser Klänge. Es ist eine Lektion in Achtsamkeit, die er direkt auf seine Arbeit als Produzent überträgt.

Von Weather Report zu D’Angelo: Die Brücke zum Hip-Hop

Natürlich kommt der Hip-Hop-Kontext nicht zu kurz. Bei Weather Report und ihrem Klassiker Mysterious Traveller weist er direkt auf die Bedeutung für Digging-Kultur und Sampling hin. Er beschreibt die Band als das ultimative Beispiel dafür, was passiert, wenn hochkarätige Individuen ihre Lebenserfahrung in ein gemeinsames Werk fließen lassen. Besonders der Bassist Alfonso Johnson hat es ihm hier angetan, dessen Spiel er als schlichtweg unbeschreiblich bezeichnet.

Eine besonders kuriose Anekdote verknüpft die polnische Sängerin Urszula Dudziak mit der Entstehung eines modernen Klassikers. Muhammad erzählt, wie er ein Sample von Dudziak vorbereitet hatte, als er sich mit einem jungen Künstler namens D’Angelo im Studio traf. Aufgrund technischer Probleme synchronisierten sich die Computer nicht mit der Bandmaschine. Während Ali versuchte, das Problem zu lösen, improvisierte D’Angelo auf den Keys – und innerhalb von 15 Minuten war der Song Brown Sugar geboren. Ein Moment der Serendipität, der ohne die Inspiration durch Dudziaks experimentelle Klänge vielleicht nie stattgefunden hätte.

Jazz Is Dead: Die Fackel weitertragen

Den Abschluss bildet ein Blick auf seine eigene Arbeit. Ali zieht das Album Ebo Taylor – JID022 aus dem Regal, eine Kollaboration mit seinem Partner Adrian Younge und der ghanaischen Legende Ebo Taylor. Es ist ein emotionaler Moment, wenn er darüber spricht, wie diese Pioniere, die oft über 80 Jahre alt sind, immer noch die gleiche Frische und Energie besitzen wie mit 19.

Für Muhammad ist das Label Jazz Is Dead kein Statement über das Ende einer Ära. Sondern vielmehr eine Fortführung des Gesprächs, das vor Jahrzehnten begonnen wurde. Es geht darum, die Legenden zu ehren, solange sie unter uns weilen. Und ihre Geschichten für die nächste Generation festzuhalten. Ob durch den Blues eines B.B. King, den Soul von Erykah Badu. Oder den spirituellen Songwriting-Ansatz eines jungen Talents wie Mustafa. Ali Shaheed Muhammad bleibt der ewige Schüler, der uns mit seiner Tasche voller Schätze zeigt, dass gute Musik niemals stirbt.

Ali Shaheed Muhammad bei „What’s In My Bag?“

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