Adrian Younge – YOUNGE: Die orchestrale Architektur des Jazz-Noir

Der Komponist aus Los Angeles gießt seine Vision in ein programmatisches Werk. Adrian Younge ist zweifellos ein Getriebener. Allein im vergangenen Jahr veröffentlichte er drei Alben. Seine Diskografie wirkt mittlerweile fast unüberschaubar. Die Kooperationen und Projekte, wie die großartige „Jazz is Dead“-Reihe, sind ungezählt. Ein Solo-Werk von Adrian Younge mit dem schlichten Titel YOUNGE darf man daher als echtes Statement betrachten.
Das Album beginnt mit dem Stück „Portschute“. Streicher und Bläser umarmen sich hier förmlich. Ein cool klackendes Schlagzeug gibt den Herzschlag vor. Ehe man sich versieht, verwandelt sich die zurückhaltende Stimmung in eine klassisch-elegante Szenerie. Man fühlt sich sofort an eine James-Bond-Titelmelodie erinnert. Es ist unüberhörbar, dass der 47-Jährige seine Karriere als Soundtrack-Komponist begann. Erst 2024 gestaltete er zusammen mit seinem Dauerpartner Ali Shaheed Muhammad den Score für die TV-Serie „Cross“.
Adrian Younge x YOUNGE – Die Schule der vergessenen Meister
Mit seinem neuen Werk stellt er nun eine essenzielle Frage. Was kann ein klassisches Orchester vom R&B, Soul, Jazz und HipHop lernen? Die Antwort lautet schlicht: sehr viel. Younges Kompositionen sind ausdrücklich vom Orchester her gedacht. Damit unterscheidet er sich von Kamasi Washington. Washington ist die andere zentrale Figur der südkalifornischen Szene. Beide betreiben erfolgreich den Schulterschluss zwischen Jazz und Klassik. Seltsamerweise haben sie jedoch nie kooperiert. Erst 2024 erschien Washingtons Werk auf Younges Label.
YOUNGE wirkt fast wie eine Klarstellung der eigenen Identität. Auf diesem Album wird nicht improvisiert. Jedes der neun Stücke ist bis ins letzte Detail auskomponiert. Trotz der Kürze von selten mehr als drei Minuten wirken die Songs gewaltig. Sie sind verschwenderisch, üppig, dramatisch und episch. Younge zeigt sich hier als Architekt einer neuen musikalischen Sprache. Diese blickt gleichzeitig zurück und nach vorne.
Die DNA des HipHop im Orchestergraben
Das Fundament bilden Komponisten wie Lalo Schifrin oder David Axelrod. Auch Ennio Morricone und Galt MacDermot spielten eine entscheidende Rolle. Sie legten unwissentlich den Grundstein für den HipHop. Spätere Visionäre wie Geoff Barrow von Portishead griffen diese cineastische Stimmung auf. Diese Musik war oft ihrer Zeit voraus und wurde erst durch Crate Digging wiederentdeckt. Produzenten suchten nach Klängen, die sich zeitlos und gefährlich anfühlten.
HipHop erweiterte sich durch das Erbe dieser vergessenen Sprache. Durch Sampling absorbierten Produzenten Orchestrierung, Stimmung und Spannung. Younge komponiert nun mit diesem vollen historischen Bewusstsein. Es ist orchestrale Musik aus der Perspektive heutiger Produzenten. Man kann es sich wie ein Soundtrack-Album der 1970er vorstellen. Es wurde jedoch durch moderne Ohren gefiltert. Die Arrangements bauen auf Raum und Textur. Die Kompositionen laden zum Dialog ein, sie fordern keine endgültige Auflösung.
Ein programmatisches Statement
Adrian Younge bleibt seiner Linie treu und geht dennoch einen Schritt weiter. Er definiert neu, was orchestrale Komposition heute bedeuten kann. Es ist ein mutiges, instrumentales Statement. Die Musik wirkt modular und cineastisch zugleich. Man merkt jedem Takt an, dass hier ein Meister am Werk ist. Er versteht die Verbindung zwischen Tradition und Moderne perfekt. Möge Adrian Younge also weiterhin so gut beschäftigt bleiben wie bisher.


