Flea – „Honora“ // Review – Zwischen Post-Bop und Miles Davis
Der legendäre Bassist der Red Hot Chili Peppers hat ein Versprechen an sich selbst eingelöst. Zu seinem 60. Geburtstag entschied Flea, seine alte Jugendliebe, die Trompete, wieder aufleben zu lassen. Während der zweijährigen Stadiontournee seiner Hauptband übte er täglich diszipliniert. Das Resultat dieser Reise liegt nun vor. Mit „Honora“ veröffentlicht Flea nun sein erstes echtes Soloalbum, es ist eine reife Sammlung von Kompositionen geworden. Dabei unterstützt ihn die Speerspitze der Jazz-Szene aus Los Angeles.
Ein tiefer Griff in die eigene Biografie
Wer bei diesem Projekt an ein bloßes Hobby denkt, irrt gewaltig. Flea verbindet sich auf diesem Album mit seinen frühesten musikalischen Wurzeln. In seinen Memoiren beschrieb er einst den magischen Moment, als er als Achtjähriger Jazzmusiker beobachtete, dieses Erlebnis prägte ihn stärker als jedes religiöse Wunder. Honora ist somit kein flüchtiger Ausflug in fremde Gefilde. Es ist vielmehr die konsequente Rückkehr zu dem Instrument, das er als Kind zwar lernte, aber nie vollendete. Das Album klingt dabei in keiner Weise nach dem Funk-Rock, der ihn weltberühmt machte.
Statt der hyperaktiven Energie früherer Tage regiert hier kompositorische Raffinesse. Fans, die Slap-Bass-Einlagen erwarten, könnten zunächst überrascht sein. Wer jedoch Fleas melodische Eigenwilligkeit schon immer schätzte, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Das Album lässt sich am ehesten als Jazz klassifizieren. Doch eigentlich ist es schlicht die Platte, die Flea schon immer machen musste. Man spürt förmlich die Freiheit, mit der er durch die Arrangements gleitet.
https://youtu.be/empty_video
Zwischen Post-Bop und atmosphärischer Stille
Der Opener „Morning Cry“ setzt direkt ein deutliches Zeichen. Mit post-bop-artigen Akzenten erinnert das Stück an die Diskografie von Thelonious Monk. Flea bewegt sich hier mutig auf dem schmalen Grat zwischen Tonalität und Atonalität. Unterstützt wird er dabei von Jeff Parkers markanter Gitarre. Fleas Spielweise auf der Trompete spiegelt seine Philosophie am Bass wider. Es herrscht eine präzise Kontrolle, auch wenn das Klangbild oft nach kontrolliertem Chaos anmutet.
Der Einfluss von Miles Davis ist auf dem gesamten Werk spürbar. Besonders die Stücke „Traffic Lights“ und „Frailed“ atmen den Geist von In a Silent Way. Die Musik wirkt wie ein Gyroskop, das sich schnell dreht und dennoch Ruhe ausstrahlt. Nathaniel Walcotts sphärische Keyboards tragen wesentlich zu dieser Stimmung bei. In „Free As I Want to Be“ zeigt Flea wiederum eine rauere Seite. Sein verzerrtes Horn schneidet förmlich durch den Groove und erinnert an die experimentelle Phase von On the Corner.
Hochkarätige Gäste und kleine Schönheitsfehler
Die Begleitband besteht aus Musikern, die das moderne Jazz-Verständnis von L.A. prägen. Anna Butterss am Bass erweist sich als hervorragende Wahl für dieses Projekt. Sie spielt mit einer Elastizität, die den Kompositionen den nötigen Raum gibt. Auch Jeff Parker glänzt durch seine Wandlungsfähigkeit zwischen klaren Linien und experimentellen Klängen. Trotz der hohen Qualität gibt es kleine Momente, in denen der Zauber kurzzeitig nachlässt.
In „Traffic Lights“ liefert Thom Yorke zwar einen warmen Gesangspart ab. Die textlichen Anspielungen auf moderne Popkultur wirken jedoch etwas deplatziert im Vergleich zum restlichen Album. Auch die Cover-Version von Frank Oceans „Thinkin Bout You“ bleibt recht nah am Original. Hier verpasst Flea die Chance, dem Song einen wirklich eigenen, transformativen Stempel aufzudrücken. Diese Momente sind jedoch selten und schmälern das Gesamtergebnis nur minimal.
Ein triumphales Finale mit Funk-Wurzeln
Das Herzstück des Albums ist zweifellos die Interpretation von „Maggot Brain“. Da die Red Hot Chili Peppers tief im P-Funk verwurzelt sind, ist diese Wahl nur logisch. Flea (Youtube) meistert diese Herausforderung brillant. Er fängt die Melancholie und die tragische Noblesse des Originals ein. Sein Spiel wirkt hier besonders ausdrucksstark und emotional tiefgreifend. Es ist ein wunderschönes Stück Musik, das seine technische und künstlerische Entwicklung unterstreicht.
Vergleicht man diesen Auftritt mit seinen frühen Versuchen an der Trompete, wird der Fortschritt deutlich. Vor über dreißig Jahren wirkte er mit dem Horn oft noch unsicher und deplatziert. Auf Honora hingegen klingt er vollkommen befreit. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Flea hat seinen Frieden mit der Trompete geschlossen und dabei ein beeindruckendes Werk geschaffen.


