James Blake – „Trying Times“ // Die furchtlose Rückkehr zur Intimität

James Blake hat in den letzten fünfzehn Jahren eine bemerkenswerte Rolle in der Musikwelt eingenommen. Er produzierte für Größen wie Beyoncé, Kendrick Lamar oder Rosalía und prägte den Sound einer ganzen Ära. Während seine Kollaborationen die Charts stürmten, wurden seine Soloalben oft zwar geschätzt, aber kommerziell eher zurückhaltend aufgenommen. Nach seinem Ausflug in cluborientierte Strukturen mit Playing Robots Into Heaven markiert sein siebtes Album Trying Times nun eine radikale Zäsur. Es ist sein erstes Independent-Release und wirkt wie das Werk eines Künstlers, der sich allein hingesetzt hat, um über das zu schreiben, was wirklich schmerzt.
Zwischenmenschliche Abgründe und biblische Metaphern
Der Großteil des Albums widmet sich dem Zerfall einer Liebe. In „Death of Love“ nutzt James Blake das hebräische Wort „Hineni“ – „Hier bin ich“. Es ist eine biblische Antwort auf einen Ruf, die hier jedoch in eine schmerzhafte Ungewissheit führt. Die Texte sind spezifischer als je zuvor. Wenn er in dem Song davon singt, dass man manchmal wie Bienen von Plastikblumen mit leeren Händen zurückkehrt, erzeugt er ein bleibendes Bild. Es beschreibt das Gefühl, immense Energie in eine Beziehung investiert zu haben, nur um festzustellen, dass das Fundament künstlich war.
In „Didn’t Come to Argue“ teilt sich die Erzählperspektive auf. Blake gibt offen zu, keine Freunde zu haben und die Orientierung zu verlieren. Er beschreibt sich selbst als Schmetterling hinter Glas. Monica Martin übernimmt die zweite Hälfte des Tracks mit einem Refrain, der Herzschmerz fast schon achselzuckend abtut. Es ist ein faszinierendes Duett zweier Menschen, die sich in entgegengesetzte Richtungen bewegen, während sie versuchen, eine Diskussion zu vermeiden, die sie ohnehin nicht gewinnen können.
James Blake x Trying Times – Die Sprache für das Unaussprechliche finden
Der emotional schwerste Moment des Albums ist zweifellos „Make Something Up“. Blake thematisiert hier sehr direkt seine langjährigen Erfahrungen mit Depressionen und suizidalen Gedanken. Er beschreibt eine konkrete Situation auf einer Brücke und stellt die alles entscheidende Frage: „Was ist das Wort dafür?“. Es ist der Versuch, für einen Zustand zwischen innerem Zwang und dem eigentlichen Überlebenswillen eine sprachliche Form zu finden. Die Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen, was dieses Stück zu einem der mutigsten Momente der aktuellen Musiklandschaft macht.
Gesellschaftliche Risse und pointierte Features
Auch die Gastbeiträge fügen sich nahtlos in die dichte Atmosphäre ein. Der Rapper Dave liefert auf „Doesn’t Just Happen“ einen Part ab, der vor Ehrlichkeit nur so strotzt. Er zieht Linien von Straßengewalt über toxische Beziehungen bis hin zu spirituellen Ambitionen. Dave nutzt Blakes Refrain über den Himmel und verkehrt ihn in eine düstere Feststellung über die Realität. Während das Album sonst eher auf Reduktion setzt, ist dieser Moment lyrisch fast schon überladen und bricht die Wände des Intimen weit auf.
Gegen Ende des Albums blickt Blake über das Private hinaus. In „Just a Little Higher“ spricht er so direkt wie nie zuvor über die Spaltung in seinem Geburtsland und die Unfähigkeit der Menschen, sich auf eine gemeinsame Wahrheit zu einigen. Er bietet keine politischen Lösungen an, stellt jedoch fest, dass die Brüche zwischen Individuen oft ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Zerrissenheit sind. Trying Times ist ein Album ohne Maske. Es ist sparsam instrumentiert, aber emotional maximal gefüllt – ein beeindruckendes Zeugnis künstlerischer Freiheit.


