Plastik


Bargeld stinkt. Auf jedem Schein sind Koksreste, Popel, Hautschuppen, Schweiß – insgesamt mehr Bakterien als im Durchschnittsgenitalbereich auf dem Berliner Drogenstrich. Ich vermeide es so gut es geht, Bargeld bei mir zu tragen. 2004 – die Kreditkarte ruled. Neben Amex und Eurocard hat wohl jeder die klassische EC-Karte (heißt jetzt anders), die wird auch überall* akzeptiert (*=wo nicht, sollte man sich a.s.a.p. verpissen). Außerdem dauert das unbare Zahlen nicht länger als das Bare. Vor allem Rentner würden sich an Supermarktkassen mit unbarem Zahlen nicht mehr so unbeliebt machen, wie nowadays; tagtäglich zur Feierabendzeit.
Worauf ich hinaus will: Gestern im Werbebreak, viertel vor Acht, verspüre ich einen sehnlichen Bierdurst. Kein Holsten mehr im Kühlschrank. Schnell in den Supermarkt um die Ecke. Holsten, Joghurt, Tee: 4,14€! Kurzer Blick in die Börse: Keine Kokalappen mehr da. MC zahlt plastisch! Hinter mir ein Stöhnen, welches ich seit dem letzten Bundesligaspieltag (Saison 03/04) im Müngersdorfer Stadion (Köln) in solch einer Hoffnungslosigkeit nicht mehr erfuhr. Schulterblick: Ein Mittdreißiger, scheinbar frustrierter Ehemann lächelt doof. In seinem in der Pubertät durch Akne verunstaltetem Gesicht erkenne ich etwas wie „Muss das denn jetzt sein, kurz vor Acht?“ oder „Keine 4 Euro 14 mehr als Bargeld dabei, Du Pfeife?“. Weisst Du was: Das ist mir so egal wie ´nem Soldaten Lifestyle. In einer Plastikwelt zahle ich ‚plastique‘, Du Hurensohn! Schau Dich um, alles Plastique! Die Fleischereifachverkäuferin, der der geschulte Marktleiter ewig freundliches Lächeln befohlen hat: Plastik! Denkst Du, die ist wirklich so gut gelaunt und mag Dich? Vater hat Hodenkrebs, Ehemann bescheisst sie mit ner 17jährigen, Sohn fliegt von der Hauptschule und Chlamydien, die Juckreiz verursachen – trotzdem ein Lächeln? Plastik!
Der Grieche in Deinem Lieblingsrestaurant: „Hier, Honigbällchen und Raki – kostenlos für Sie als SUPERGAST! Jám? s!“. Sein Laden läuft nicht. Weniger Gäste, die weniger trinken und größere Portionen fordern. Dazu höhere Mieten. Höhere Fixkosten. 2 seiner Söhne mussten bereits zurück nach Griechenland. Er lächelt? PLASTIK!
Dein Monteur in der Werksatt. Du hast mal wieder kein Öl nachgefüllt, alles rattert, sämtliche Dioden blinken. „Ach, das mache ich für Sie! Denken Sie das nächste mal aber bitte selbst dran. Kostet nichts – ist Service!“. Service? Der Penner macht das nur, damit Du immer und immer wieder kommst und Ihm, statt den günstigen Polen am Stadtrand das Geld in den Rachen schmeisst. P-L-A-S-T-I-K!
Deine Stammnutte, das Personal im Fitnesscenter, der Kioskmacker, der Tankwart, die Kantinendamen – ALLES PLASTIK! Also lass mich mit Kreditkarte zahlen, Arschloch.

Kommentare

6 Antworten zu “Plastik”

  1. Ben-Chi sagt:

    Sehr rührend formuliert. Ganz langsam kullert mir eine Träne übers Gesicht. Es entspricht alles der Wahrheit.

  2. madtmex sagt:

    Netter Entry du Blogger. Diese Leute, die aus der Jugend noch Narben im Gesicht haben, weil sie genetisch benachteiligt sind, die Eltern das Wohnzimmer immer gepafft haben und die Discout-Gesichtscreme toxischerweise mal wieder am Kunden getestet wurde, sind psychisch latent fragil.

    Ich möchte den erhöhten Serviceanteil in diesem Diary lobend herausstellen. Du solltest es erwägen Birgit Schrowange abzulösen.

  3. Sachar sagt:

    Interessanter Beitrag. Was ich mich frage: Welche Blogs sind eigentlich Plastik?

  4. Wir Ossis sagen ja auch gerne P-L-A-S-T-E. *g*

  5. Christian sagt:

    @nelly: „plaste und elaste aus Schopau“ … um genau zu sein

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