Kein Freund, kein Helfer – Lorenz & die Einzelfälle // Hubertus Koch über tödliche Polizeigewalt in Deutschland

Kein Freund kein Helfer

In der Doku „POLIZEIGEWALT: Kein Freund, kein Helfer – Lorenz & die Einzelfälle“ seziert Journalist Hubertus Koch ein Thema, das in Deutschland kaum öffentlich verhandelt wird: tödliche Polizeigewalt. Der Fall des in Oldenburg erschossenen Lorenz A. ist Ausgangspunkt einer Reise durch sechs Todesfälle – verbunden durch ein Muster aus Verschleppung, Vertuschung und strukturellem Rassismus. Kochs Doku, komplett unabhängig und crowdfinanziert, ist kein klassischer True-Crime-Film, sondern eine schonungslose Anklage gegen ein System, das sich selbst kontrolliert – und dabei versagt.

Kein Freund, kein Helfer: Vier Schüsse von hinten

Lorenz A. stirbt in der Nacht zu Ostersonntag durch vier Schüsse, einer davon in den Kopf. Er war unbewaffnet, lief weg, hatte Angst. Die Staatsanwaltschaft erklärte den Fall schnell für „geklärt“. Koch besucht Freunde, die trauern und fordern, dass Lorenz nicht zur Statistik wird. Zwischen Schmerz und Wut erzählen sie von Polizeikontrollen, Alltagsrassismus und der Gewissheit, dass man als Schwarzer in Deutschland anders behandelt wird.

„Er war kein Problem. Er war Familie“, sagt sein Freund Isan.

Die Bodycams der Beamten waren ausgeschaltet. Ein Muster, das sich durch alle Fälle zieht: Wenn die Polizei tötet, gibt es fast nie Beweise – nur Berichte, die sie selbst schreibt.

Die Whistleblower aus dem Inneren

Koch findet Polizistinnen, die anonym über das sprechen, was intern tabu ist. Sie berichten von bewusst beschönigten Einsatzprotokollen, von sprachlichen Tricks, um juristisch unangreifbar zu bleiben. Wahrheit? Optional. Kontrolle? Fehlanzeige. „Man schreibt so, dass die Staatsanwaltschaft nichts mehr hinterfragt.“ Diese Aussagen treffen ins Mark, denn sie offenbaren: Das Vertrauen in die Polizei basiert auf dem Glauben an Integrität – nicht auf unabhängiger Kontrolle.

Kein Freund, kein Helfer: Tote, die keine Schlagzeilen wert sind

Der Film weitet sich aus. Aus Lorenz’ Tod wird ein Muster. In Delmenhorst stirbt der 19-jährige Rossai Kalaf in Polizeigewahrsam. Angeblich ohne Fremdeinwirkung. Der junge Kurde floh vor dem IS, überlebt Krieg, aber nicht eine deutsche Zelle. Die Obduktion ergibt: „Sauerstoffbedingtes Herzversagen“. Die Eltern sprechen von Mord. Kein Verfahren. Keine Verantwortung.

In Stade wird der 19-jährige Aman Alisada erschossen, nachdem die Polizei seine Tür eintritt – obwohl klar war, dass er in einer Psychose war. Auch hier: kein Prozess. Und in Bremen stirbt der schizophrene Mohammed Idrissi, nachdem Beamte ihn vor seiner Wohnung stellen. Wieder heißt es „Notwehr“. Wieder kein Verfahren. Koch zeigt die strukturelle Konstante: psychisch Erkrankte, Migranten, sozial Schwache – sie sterben am häufigsten durch Polizeischüsse.

Fehlende Ausbildung, fehlende Empathie

Eine Ex-Polizistin erzählt, wie wenig Schulung es im Umgang mit psychisch Kranken gibt: drei Tage, 26 Stunden auf ein komplettes Studium. Koch kommentiert trocken: „Menschen, die mit scharfen Waffen rumlaufen, sollten wissen, wie man mit Leid umgeht.“ Statt Deeskalation dominiert der Reflex: Gewalt. In Kombination mit Angst, Vorurteilen und mangelnder Kontrolle entsteht ein tödlicher Cocktail.

Wenn Rassismus zur Routine wird

Besonders eindringlich wird die Doku, wenn Beamte offen über den Alltagsrassismus in ihren Reihen sprechen. Beleidigungen wie das N-Wort oder Begriffe wie „Ölaugen“ seien intern „normal“. Wer dagegen etwas sagt, gilt als Nestbeschmutzer. Koch zeigt, wie rechtsextreme Tendenzen, Chatgruppen und ideologisch gefärbte Einsatzentscheidungen längst keine Randphänomene mehr sind.

Der Fall Lamin Touré in Nienburg bündelt alles: ein psychisch kranker Schwarzer, ein überforderter Einsatz, acht Schüsse, ein Hund, ein rechtsextremer Hundeführer. Der Täter wird frühpensioniert, aber nicht verurteilt.

Ein strukturelles Problem

„Einzelfälle“ – das Lieblingswort deutscher Behörden. Koch demontiert es akribisch. Er listet die wiederkehrenden Muster:

  • Zögerliche Ermittlungen, oft von benachbarten Polizeidienststellen.
  • Bodycams ausgeschaltet, Zeugen eingeschüchtert.
  • Rassistische Narrative in Presseberichten.
  • Staatsanwaltschaften, die Verfahren schließen, bevor Gutachten vorliegen.

Seine Forderungen am Ende sind konkret: Unabhängige Ermittlungsstellen. Verpflichtende Bodycams. Reform der Ausbildung. Null Toleranz gegenüber rechtsextremen Polizisten. Und Kontrollquittungen, um Racial Profiling zu dokumentieren.

Wenn Trauer zu Aktivismus wird

Trotz allem ist der Film kein reines Abrechnungsstück. Er zeigt, wie Trauer in politisches Bewusstsein umschlägt. Lorenz’ Freunde gründen eine Initiative, organisieren Demos, fordern Aufklärung. „Wir sind nicht stärker als der Staat – aber wir sind viele“, sagt Jomo leise. Koch beendet seinen Film mit einem Gefühl, das bleibt: Wut, hinter der Trauer steckt. Eine Wut über ein System, das lieber sich selbst schützt, als Menschen zu schützen.

Fazit | tl;dr

„Kein Freund, kein Helfer“ ist ein Schlag in die Magengrube der deutschen Komfortzone. Hubertus Koch schafft es, das abstrakte Wort Polizeigewalt mit Gesichtern, Namen und gebrochenen Familien zu füllen. Seine Doku ist unbequem, emotional, investigativ – und notwendig. Sie zeigt, dass Vertrauen nur dort verdient ist, wo Kontrolle existiert.

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