Jordan Ward – „Backward“: Leben im Rückwärtsgang

„Backward“ von Jordan Ward beginnt in einem Moment der Ernüchterung, nicht im Aufbruch. Jordan Ward steht in einem Leben, um das er gebetet hat, und erkennt es trotzdem kaum wieder. Die Ziele sind klar formuliert, doch die Wege dahin verlieren sich im Halbdunkel. Land in Georgia, ein zukünftiger Sohn, das Ende eines väterlichen Zyklus – all das bleibt als Sehnsuchtsinventar im Raum stehen. Entscheidend ist der Abstand zwischen diesen Wünschen und dem faktischen Alltag, in dem jede vermeintliche Abkürzung neue Schieflagen produziert.
Backward x Jordan Ward – Zwischen Gebet und Realität
Mehrfach verhandelt „Backward“ die Frage, wie sich ein erfüllter Wunsch anfühlt, wenn er mit innerer Leere kollidiert. In „Stranger“ beschreibt Ward die Jagd nach Geld, die ihn an einen Ort geführt hat, den er nicht mehr kennt. Er spricht von einem verlorenen Feuer und davon, dass er diese Realität einst erbeten hat. Die Diskrepanz zwischen Dankbarkeit und Überforderung zieht sich anschließend durch das Album. Weed taucht als wiederkehrendes Mittel auf, das Distanz schaffen soll, aber gleichzeitig als Kitt für Intimität dient. Das Leben wirkt erfolgreich, doch emotional bleibt es in einer Warteschleife hängen.
Cannabis als Ritual und Krücke
Die Beziehungsebene verknüpft Ward eng mit seinem Umgang mit Rausch. „Smokin Potna“ inszeniert die Beziehung als geteiltes Atemritual, in dem der Joint Nähe stiftet, während er zugleich eine Flucht markiert. Wenn sie ohne ihn nicht raucht, wirkt das auf den ersten Blick romantisch, doch im Hintergrund steht die Frage nach Abhängigkeit – voneinander und vom Stoff. In „High Functioning“ stilisiert sich Ward als jemand, der trotz Konsum leistungsfähig bleibt. Die Pose wirkt selbstbewusst, trägt aber feine Risse, weil die Umgebung deutliche Zeichen von Erschöpfung und Stillstand sendet. Der eigene Rat, sich vor dem Absturz zu kennen, bleibt im Raum, ohne überprüfbare Konsequenz.
Backward x Jordan Ward – Apartmentwände und Außenwelt
Die Songs, die im Apartment verortet sind, zeichnen ein präzises Bild von Enge, Lärm und innerer Unruhe. „Noisy Neighbors“ listet Schicksale durch die Wand, Menschen mit Süchten, Einsamkeit, Verdrängung und Heißhunger auf Nähe. Im Verlauf stellt Ward in den Raum, dass diese Figuren vielleicht eher sein innerer Chor sind. Die HOA-Gebühr, der neue Target im Viertel, der Wert der Wohnung, der nicht steigt und der kreative Block bilden ein Geflecht aus ökonomischem Druck und mentaler Überlastung. In „Change of Scenery“ wechselt er das Setting, schläft auf einer anderen Matratze, nutzt die U-Bahn als Tunnel, der Transformation verspricht. Dennoch bleibt die Frage offen, ob sich mehr als die Kulisse verändert.
Familie, Schuld und Leerstelle
Im zweiten Teil des Albums verschiebt sich der Fokus deutlicher auf Familiengeschichte. „Take-Out“ zeigt Feiertage allein auf dem Balkon, mit Essen aus der Papiertüte und dem Wunsch, wenigstens in der Meditation anderer vorzukommen. „Til Then“ adressiert einen zukünftigen Sohn, dem Ward Dinge beibringen will, die er selbst nie gelernt hat. Die Szene der Begegnung mit dem eigenen Vater, der fragt, warum der Sohn überhaupt erschienen ist, brennt sich als Kernmoment ein. „Champion Sound“ nimmt die Mutter in den Blick, verknüpft verpasste finanzielle Chancen mit persönlicher Reue. Das Bild eines Erfolgs, der zu spät oder falsch verteilt wird, bleibt hängen.
Flucht in Flex und Unverbindlichkeit
Wenn das Album gegen Ende mit Songs wie „Y“, „Cutti“ und „Carsex“ den Ton verschiebt, wirkt das nicht wie eine gelöste Auflösung. Die Beziehungsdynamik in „Y“ pendelt zwischen Einsicht und Unschärfe, zwischen Anerkennung von Streit und dem Gefühl, der eigenen Bestimmung näherzukommen. Ob diese Bestimmung Platz für die Partnerin lässt, bleibt uneindeutig. Die späteren Flex-Tracks stapeln Bilder von schnellen Reisen, Autos und Körpern, die eher wie Ablenkungsmanöver klingen. Die präzisen Details – die drei Tausend Dollar vom Vater, die verschwiegenen Gefängnismomente, die Nachbarn, die man nur hört – legen eine Tiefe frei, die Ward bewusst nicht zu einer klaren Moral verdichtet. Der versprochene Bruch mit alten Mustern bleibt in „Backward“ mehr Behauptung als belegte Entwicklung.
Fazit | tl;dr
„Backward“ ist ein Album über das Leben im Zwischenraum, in dem Wünsche konkret sind, der Weg dorthin aber diffus bleibt. Jordan Ward (Youtube) dokumentiert Drift, statt sie aufzulösen, und macht die Unentschiedenheit selbst zum Thema. Gerade weil er die eigenen Geständnisse nicht zu einem Triumphbogen formt, entfaltet die Platte eine leise, nachhaltige Spannung.


