GENA: Liv.e und Karriem Riggins zelebrieren auf „The Pleasure Is Yours“ die Kunst der Abgrenzung

GENA The Pleasure Is Yours

Die meisten Menschen lernen in ihrem Leben zuerst, wie man nett ist, bevor sie lernen, gütig zu sein. Nett zu sein bedeutet oft, Unbehagen wegzulächeln, zuzustimmen, obwohl man innerlich den Kopf schüttelt und Dinge laufen zu lassen, weil die Alternative unhöflich wirken könnte. Gütig zu sein ist dagegen deutlich schwerer. Es erfordert, dass man meint, was man sagt, und sagt, was man meint – selbst wenn die Stimmung im Raum dadurch erst einmal frostig wird. Liv.e, die Sängerin aus Dallas, deren Solo-Veröffentlichungen schon immer eine schwer fassbare Qualität hatten, umkreist diese Spannung seit Jahren. Für ihr neues Projekt GENA hat sie sich mit dem Detroiter Drummer-Urgestein Karriem Riggins zusammengetan. Riggins, der bereits für Common und Erykah Badu trommelte und an der Seite von J Dilla groß wurde, ist der perfekte Gegenpart für diese Reise.


GENA x The Pleasure Is Yours – God Energy, Naturally Amazing

Der Name GENA steht für „God Energy, Naturally Amazing“ und ist gleichzeitig eine liebevolle Anspielung auf den Charakter aus der Serie Martin. Auf dem Track „Theybetterbegladihavetherapy“ bringt Liv.e es direkt auf den Punkt. Sie singt darüber, dass sie dachte, ihr sei Güte beigebracht worden, während es in Wahrheit nur Nettigkeit war. Diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch die 16 Songs des Albums. Es geht um den Prozess, sich selbst zu vertrauen und klare Grenzen zu ziehen. Karriem Riggins liefert dafür ein rhythmisches Fundament, das niemals starr wirkt. Seine Drums sitzen oft einen Bruchteil hinter dem Beat oder schweben förmlich über den Melodien. Diese rhythmische Freiheit nutzt Liv.e voll aus, indem sie mühelos zwischen Spott, Gebet und Schlafzimmer-Anweisungen wechselt.


Zwischen Begehren und Selbstbehauptung

Besonders intensiv wird das Songwriting auf „Unspokern“. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen dem Ich und dem Du, während das Verlangen einen Punkt erreicht, an dem niemand mehr Buch führt. Auf „Lead It Up“ zeigt sich Liv.e hingegen absolut souverän und trägt ihre Krone mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Erlaubnis erfordert. In „Douwannabwithastar“ schärft sie dieses Selbstbild weiter und stellt klar, dass sie weder ein Aufkleber noch eine Superfrau für jemanden sein wird. Ein Käfig passt schlichtweg nicht zu ihrer Persönlichkeit, egal wie golden er sein mag. Diese Songs sind keine süßliche Kost; sie handeln von der Reibung, die entsteht, wenn man aufhört, es allen recht machen zu wollen.


Maßgeschneiderte Liebe statt Stangenware

In „readymade“ formuliert Liv.e ihre Bedingungen für die Liebe sehr deutlich. Sie möchte etwas Maßgeschneidertes, das speziell für sie angefertigt wurde, statt Liebe von der Stange zu konsumieren. Die Produktion von Karriem Riggins lässt diesen Aussagen den nötigen Raum zum Atmen. Wenn die Stimmung konfrontativer wird, füllen sich die Drums, doch in den sanfteren Momenten dehnt sich das Tempo fast unmerklich aus. Liv.e nutzt diesen Platz für Flüstern oder lang gehaltene Noten, was die Dynamik des Albums extrem lebendig hält. Das Album endet schließlich mit „Circlesz“, einer runden, fast liedhaften Nummer, die sich wie ein tiefes Ausatmen anfühlt. Riggins liefert dazu einen warmen, kreisenden Groove, auf dem Liv.e so etwas wie Zufriedenheit findet – oder zumindest so nah daran ist, wie es auf diesem komplexen Werk möglich ist.

GENA – „The Pleasure Is Yours“ // Spotify:

GENA – „The Pleasure Is Yours“ // Spotify:

Kommentare

Die Kommentare sind geschlossen.