Abschlussprüfung

Dreizehnter Mai 1990 – der Tag vor dem ich seit drei Jahren mehr Schiss hatte als mumbaianische Klärgruben: Abschlussprüfung! Da hatte ich jetzt also knapp 150 Wochen Zeit, ein guter Groß- und Außenhandelskaufmann zu werden und was mache ich: spiele mit Mark in der Berufschule Käsekästchen. Zwischendurch malten wir allerdings auch die primären Geschlechtsteile von sämtlichen uns bekannten Landwirbeltieren in die Kästchen. Das stimmt gar nicht. Wir malten ausschließlich die Geschlechtsorgane der uns bekannten Landwirbeltiere – Ihr glaubt gar nicht, wieviele es gibt; Wahnsinn. Entsprechend abgelenkt hatten wir daher wenig Zeit für fachbezogene Themenbereiche, welche aber – und das muss man ja auch mal in aller Deutlichkeit sagen – stinkend langweilig waren. Dass allerdings exakt diese Themen am Ende in den Prüfungen abgefragt werden würden – Jesus, das hatten wir so schnell nicht herausgefunden. Ich malte vor Schreck noch schnell einen Lanzenotterpimmel.

Nun hatten wir, das waren mein alter Schulfreund Mark und ich, genau 10 Tage Zeit, 3 Jahre Lehrstoff nachzuholen. Aufgrund irgendwelcher neuen Verordnungen durften ausgerechnet in diesem Jahr die Lehrer keinerlei Ratschläge in Bezug auf mögliche Themengebiete bekanntgeben. Was genaugenommen bedeutete, dass wir nun die Schulbücher aller zu prüfenden Fächer hätten auswendig lernen müssen. Ein beabsichtigter Konjunktiv II – denn eine Sache ist klar: die Glastür bei Menschen mit Reinlichkeitszwang. Und dass 10 Tage niemals reichen würden. Wie auch, wenn die 1092 Tage zuvor schon weniger hängenblieb als an nach unten offenen Schlüsselhaken. Wir hatten ein ernsthaftes Problem. Und Mark den Lösungsansatz:

„Ich roll‘ mir erstmal einen. Ehrlich wahr, dass macht mich kreativer!“. Das Mischverhältnis Straßenbobbel/Tabak hatte sich bei Mark in den letzten Wochen erschreckend verlagert. Die paar Tabakkrümel im Joint dienten eigentlich nur als Alibi, vielleicht auch ein wenig zur Abrundung der Farbwahl, Kiffer sind ja oft sehr eigen. „Auch mal?“. „Neee, nichts für mich. Aber ich glaub‘, ich hab eine Idee!“. Mark schaute mich gespannt und mit Augen, so rot wie Charles Bronson 1974 sah, an. „Was, wenn wir unter falschem Namen bei der Handelskammer um die Herausgabe der diesjähringen Prüfungsunterlagen bitten!?“, ich hielt mich ein wenig für James Watt. „Okay… aber: wem würde man diese Unterlagen geben?“. Ein guter Punkt. „Naja, den Ausbildungsleitern vielleicht. Wie heisst nochmal dieses miese Schwein bei Eisen Hartung – der Typ, der Bernd immer so demütigt?!“. „Brändler?“. „Da haben wir’s!“.

Ich griff zum Hörer. Mark gab mir ein Handtuch von seinem Bett und gestikulierte mir eine Sprechschalenvermummung daher. Ich achtete auf einen oralen Mindestabstand von 3cm zum Handtuch – zu hoch war die Chance auf Trockensekrete unterschiedlichster Herkunft. „Ja, die Firma Eisen Hartung, Brändler – Guten Tag!“, sprach ich in einer Tonalität irgendwo zwischen Kermit und Veronica Ferres. Also so, als hätte ich die Vorsteherdrüse eines Bergzebras an beiden Mandeln. Mark schaute mich skeptisch an und wackelte leicht mit dem Kopf. Entweder, er war mit meiner Vorstellung nicht einverstanden, vielleicht erlag er aber auch gerade einfach nur einer wimbledonischen Sinnestäuschung – was bei dem Mischverhältnis kein Wunder wäre. Ich erklärte dem Ansprechpartner der Handelskammer also, ich würde doch schon gerne einmal sehen, was die Auszubildenden denn da für eine Prüfung bekommen würden. Selbstverständlich würde das alles sehr diskret ablaufen und nie_mals würde ich mit einem Prüfling darüber reden! „Herr, … ähm, wie war doch Ihr Name?“. „Brändler. Wieso?“. „Herr Brändler, ich schalte gerade mal den Lautsprecher an. So. Können Sie ihren Wunsch vielleicht noch einmal rezitieren?“.

Ich legte lieber auf.

Kommentare

26 Antworten zu “Abschlussprüfung”

  1. Markus sagt:

    Auflegen war an dieser Stelle sicherlich nicht die verkehrteste Variante, wobei der Fortlauf der Geschichte interessant gewesen wäre. Also wenn das Gespräch nicht so abrupt zu Ende gewesen wäre.

  2. wolfstar sagt:

    idee eigentlich gut bis genial!

  3. Looka sagt:

    Brändler? Hier Brändler. Sie meinen also, dass ich die Prüfungsunterlagen haben möchte? Da bin ich ganz ihrer Meinung. Ich hole sie gerade ab. Dann kann ich sie später mit ihnen, also mit mir, durchgehen. Wir wollen es diesen Kiffern ja nicht zu einfach machen. Vielleicht bauen wir noch Zusatzfragen ein.

  4. Lyric sagt:

    Nicht schlecht, Herr Winkelsen. Allerdings habe ich (teils dazu) zwei Fragen:

    1. (Wie) Haben Sie denn die Prüfung letztendlich geschafft?
    2. Warum sind sind Food and Beverage so beliebte „Twitpics“ bei Ihnen?

    Entschuldigen Sie bitte, dass ich das Frage. Aber m.E. ist das schon auffällig. Auf „gefühlten 50%“ der „Pic Tweets“ sind Nahrungsmittel abgebildet!?

    Nicht das ich das verurteile, sieht ja meistens alles sehr lecker aus und figürlich erlauben können Sie sich das ja auch.

  5. Lilo sagt:

    Vielleicht hätten Sie sich doch etwas anderes einfallen lassen sollen, um die Herren der Handelskammer zu überzeugen.. Auflegen war sicher der leichteste Weg, obwohl ich Markus zustimmen muss: Der Fortlauf der Geschichte wäre wirklich interessant gewesen. Der Herr am Telefon hielt Ihr Anliegen vermutlich für einen Witz und wollte seine Kollegen im Hintergrund daran teilhaben lassen. Möglicherweise kommen solche Anrufe kurz vor Beginn der Prüfungen aber auch häufiger vor als man denkt!

  6. Ah, Kaufmann im Groß- und Außenhandel. Kommt mir sehr bekannt vor. Besonders der Teil mit dem stinkenlangweiligen Unterrichtseinheiten. Ich musste auch dadurch und frage mich bis heute, warum ich nichts anständiges gelernt habe …

  7. Pssst! sagt:

    also der oberlacher war für mich:

    “Auch mal?”. “Neee, nichts für mich!“

    winks, sie sind ein kleiner schelm :-)

  8. GIZA sagt:

    Rechnungswesen ist ein Arschloch. Wer das mag, wählt die FDP und/oder guckt den ZDF Fernsehgarten. Das mußte mal gesagt werden.

  9. setann sagt:

    ich hatte es da etwas einfacher: mich rief der mathelehrer einen abend vor den entscheidenen prüfungen an…ich glaub, der mochte mich…und wenn ihm nicht immer die nase gelaufen wäre, hätte ich ihn zum abschied auch sicher geküsst.(hat ein rechnungswesen geschlechtsteile?)

  10. Weibsstück sagt:

    *grööööööhl* Super Text, ich hab mich wechgeschmissen hier! Ich sach Ihnen, das mit den Lanzenotterpimmeln, Westafrikanischen Elefantenpimmeln oder Blauwalpimmeln kritzeln, das hatten meine Schulkameraden auch! Meistens sahen die Dinger jedoch aus wie Kiwis neben einem Springbrunnen.

  11. danimateur sagt:

    ist aber auch ein unding der handelskammer. immer diese unangekündigten abschlussprüfungen.

    zudem haben sie aber früh ihre ausbildung beendet ^^

  12. Flo sagt:

    Wurd’s denn in selbigem Jahr noch was mit der Prüfung oder musste man nächstes Jahr nochmal ran?

  13. Simple Frage Herr W.: Liegt der Lanzenotterpimmel im europäischen Durchschnitt?

  14. Ich frage mich ja immer wieder, was aus dem Aussenhandel geworden ist :) DARIN solltest Du investieren…

  15. Erdge Schoss sagt:

    Mal was ganz anderes, werter Herr Winkelsen,

    Michael Jackson hat vorhin angerufen. Er hat gehört, was Sie in Paderborn abgezogen haben und lässt fragen, ob Sie vielleicht …

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  16. Johanna sagt:

    Aber Mr. Winkelsen, was wurde denn nun aus der Prüfung?

  17. Hog sagt:

    Verdammt, nun wird man beim Ablenken vom Lernen auf seine eigene Abschlussprüfung hingewiesen! grrrrrr
    Bitte die nächsten Tage vernünftige Ablenkung…

    werde mal versuchen, die letzten 11Jahre in den nächsten 6 Tagen aufzuarbeiten!;)

    greetz

  18. denzel sagt:

    *lol*

    super wie immer!

  19. MC Winkel sagt:

    @Markus: Naja, wir lernten dann halt, so gibgs weiter. :)
    @wolfstar: Dafür, dass der eine bekifft war und der andere ziemlich dämlich ist – muss man schon sagen, oder? :)
    @Looka: Ich dachte: Hammer? :)
    @Lyric: Zu eins: fragen Sie nicht. Zu zwei: naja, es ist halt die Mittagszeit, in der mal mal privat was twittern kann/darf. Was für Motive schwüben (oder sagt man: schwöbten?) Ihnen denn so vor?
    @Lilo: Ich merke gerade, dass meine Geschichte funktioniert hat! :) Aber stimmt: es war wieder mal der easywayout! ^^
    @TorstenLuttmann: Welche Branche denn, wenn man fragen darf?
    @Pssst!: Ist doch aber so! :)
    @GIZA: Oder wird … Steuerberater. *lol*
    @setann: Das ist jetzt nicht wahr, oder? *lol* … wieso denn imer DIR?
    @Weibsstück: Danke! :)
    @danimateur: Ja, ich war 12. Moment, warte… nee, 9.
    @Flo: Es war ein Schaltjahr! Zum Glück.
    @Lenny_und_Karl: *lol* … seeeeeehr gut aufgepasst. (Ich dachte, ich hätte es übernuschelt)
    @ChliiTierChnübler: Ich? Oder Deutschland? Wobei: ich bin ja Deutschland. So gesehen: jawoll, mach ich! :)
    @Erdge Schoss: Tanzunterricht?! Kann er haben. :)
    @Johanna: Ein Freund von mir hat bei sowas mal die Schulbücher unten im Papierkorb der Toilette aufbewahrt. Also, … ein Freund. ^^
    @Hog: *lol* Ach ja, scheiße. Sorry! (Und: viel Glück!!!)
    @denzel: Danke Dir!

  20. setann sagt:

    @MC Winkel: ….weil ich die schöhöhööönste bin, weil ich die schönste bin….:-)

  21. Pssst! sagt:

    ja, jaaa, ich weiß ja…. :)

  22. @MC Winkel: Natürlich darfst Du! Ich bin gelernter Kaufmann im Groß und Außenhandel mit Fachrichtung Holz! Ich glaube heute gibt es das nur noch in Fachrichtung Baustoffe.

  23. Lyric sagt:

    @MC: Keine anderen Motiven, die sind schon in Ordnung. Machen (mir) halt nur extremst Appetit und zwar jedesmal wenn ich sie betrachte. Bin in den letzen Wochen bspw. 5x bei Speedy Taco gewesen und zwar immer nachdem ich hier auf der Seite war. Die 200 Kilometer hin und zurück bin ich immer gern gefahren.

    Jetzt gönne ich mir erstmal ein schönes Steak mit Pfeffersauce (und richtigem Bier).

    Mahlzeit (und machen sie bloß weiter damit)

    lyric

    PS: schwebten oder schweben müsste es, denke ich, lauten. egal!

  24. Lilo sagt:

    Ihre Geschichte hat funktioniert? Was war denn Ihre Absicht, Herr Winkel….?

  25. […] Auf die Idee gebracht auch mal etwas über meine Abschlussprüfung zu schreiben wurde ich hier. […]

  26. hömma, das muss aber:
    „gib mir den rest KOMMA bitte“ heißen!

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