Ovrkast. – STRIKING: Wut, Verträge und der Schatten des Vaters

Ovrkast STRIKING

In Oakland hat das Selbermachen Tradition. Schon 1982 überspielten Todd Shaw und Freddy B eigene Kassetten und verkauften sie in East Oakland auf der Straße. Von Born to Mack sollen 50.000 Exemplare aus dem Kofferraum von Too $hort gegangen sein. Del the Funky Homosapien und die Hieroglyphics gründeten nach dem Rauswurf bei ratlosen Labels ihre eigene Plattenfirma. Die Firma hat die Stadt bis heute nie verlassen. Jetzt trägt eine neue Generation junger MCs und Produzenten die Fahne weiter. Silas Wilson, alias Ovrkast, gehört dazu, hier kommt sein Album „STRINKING“. Er produziert fast alle Beats selbst, aus gechoppten Soul-Platten, die erstaunlich frisch klingen. Dazu duelliert er sich mit makellosen MCs wie MAVI und Pink Siifu. Doch man sollte nicht vergessen, dass Shaw später bei einem Label in New York unterschrieb.

Allein am Mischpult, mit offenen Karten

Wer eigene Beats baut, die Gäste auswählt und die Songs arrangiert, kann sich nirgends verstecken. Auf STRIKING hört man sogar Ensemblearbeit bis hin zu den Saxophonen. Weil auch die Drums von Ovrkast. selbst stammen, kommt alles nur von ihm und in seiner Stimme. Dadurch wird das Album absolut ehrlich. Was für ein junger Mann tritt so ans Mikrofon, und wovor läuft er davon?

Trotzdem weiß Wilson, dass er es allein nicht schafft. Im verrauchten, anderthalbminütigen „Hopecore!“ hält er jedem die Tür auf, der durchkommt, das macht den Song so süß und locker. Auf „PHREE (Swing)“ mit Sängerin Amal Zenab im Refrain wird es dunkler. Er näht seine Flügel zusammen, um sich zu befreien, und wünscht sich, derselbe zu bleiben, obwohl ihn das verändert hat. Er entschuldigt sich, dass sie sich darauf eingelassen haben, und bittet sie, seine Liebe nicht für selbstverständlich zu nehmen.


Ovrkast STRIKING – Der Vater in den eigenen Händen

Woher seine Wut kommt, lässt sich erahnen. Als Kind erlebte er vor allem Streit und lernte in einer Art Geheimsprache schlechte Gewohnheiten. Über Narben rappt er kaum noch, doch auf „STATIC“ muss das raus, was ihm auf dem Herzen liegt. Beim Blick auf seine Hände trägt er seinen Vater in sich, mit dessen ganzer Wut und seiner eigenen Toleranz. Seine Worte würgen ihn, doch er sorgt sich um sein Hemd.

Gast Joey Bada$$ geht es kaum besser, denn er erinnert sich nicht, wann er zuletzt geweint hat. Auf „HOME“ wacht Wilson auf der falschen Bettseite auf und bedauert die fehlende Zeit für die Familie. Er fährt die 86th Richtung Osten und dreht die Musik laut auf. Er weiß, dass nur Glück einen aus einem Viertel holt, dem alles egal ist. In der zweiten Strophe klärt er mit dem Schatten seines Vaters die Vergangenheit.

Der 57er-Bus und die Wucht von „PANE“

Eine großartige Geschichte erzählt „ACTRANSIT/LEMME AT EM“. Der Refrain handelt von der Busfahrt nach Hause, auf der Kids sich ständig überfallen und Handys klauen. An diesem Tag trifft es einen Typen, den sie schlagen und treten, bis sein Sneaker platzt. Im 57er-Bus dreht sich niemand um, danach kommt der Track allerdings vom Kurs ab. Es folgt eine unangenehm aggressive Strophe von DAVIDTHETRAGIC voller üblicher Drohgebärden. Danach rappt Ovrkast. über Legenden und Gottes Werk, aber nicht mehr über Busse.

Auf „Heroes & Villains“ lebt MARCO PLUS von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck und will Geld, um seine Tochter zu ernähren. Der Höhepunkt des Albums ist „PANE“, wo Wilson mit wenigen Bars konzentrierte Wut entlädt. Er spricht von Blut an den Händen der IDF und von Soldaten, die Hand an Kinder legen, weil sie weinen, sein Vers endet mit dem Bild eines toten Arztes.


Unterschrieben und trotzdem geblutet

Dass Ovrkast. (Youtube) trotz allem unterschreiben musste, erzählt „KNOCK“. Er zählt in der Strophe von eins bis zehn, von Geld über den Vorschuss bis zum Auto. Samara Cyn gibt ihren Teil dazu und liefert eine herausragende Strophe. Sie warnt vor kostenlosen Abendessen, hat aber das Kleingedruckte gelesen. Seit der Unterschrift blutet sie jeden Tag auf diesen Songs.

MAVI verkauft sein Blut für ein Steak und fragt nach dem Preis seiner Persönlichkeit. Auch sein Beat stammt von Wilson, und die Strophe ist brillant. Schon zu Beginn sagt eine gesprochene Stimme, junge Männer verwechselten Erfolg mit Glück und niemand komme darum herum, seinen Preis zu zahlen. Die Botschaft stimmt, denn Wilson hat Schulden zu zahlen, nur sagt ihm niemand, wem. So wird STRIKING zu einem dichten, wütenden und großzügigen Album über alles, was er seinem Vater, seiner Stadt, seinen Kollegen und den Vertragsgebern schuldet.

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