Parmenides und die Philosophie des Nichts: Warum sich angeblich nie etwas verändert

Parmenides und die Philosophie des Nichts

Was wäre, wenn sich nie etwas verändert hätte und nie etwas verändern wird? Die meisten Menschen würden abwinken, denn überall um uns herum wandelt sich alles: Jahreszeiten wechseln, Städte wachsen, Menschen altern. Der vorsokratische Philosoph Parmenides behauptete dennoch, dass nicht nur Wandel, sondern auch Bewegung und sogar die Vielheit der Dinge nicht existieren können. Alles, was wir wahrnehmen, wäre demnach gar nicht da. Das klingt absurd. Wer aber seiner Argumentation folgt, beginnt zu zweifeln und fragt sich, ob die Welt wirklich so ist, wie er bisher angenommen hat. Genau deshalb prägte Parmenides die westliche Philosophie so nachhaltig. Parmenides und die Philosophie des Nichts, wir schauen uns an, warum sich angeblich nie etwas verändert.

Parmenides x Philosophie – Ein Dichter aus Elea

Parmenides stammte aus Elea, einer griechischen Küstenstadt im heutigen Süditalien. Der Boden dort ist wenig fruchtbar, deshalb lebten die Menschen vom Handel und vom Einsalzen von Fisch. Über Parmenides selbst wissen wir erstaunlich wenig. Diogenes Laertius nennt ihn einen Schüler des Xenophanes, wohlhabend, aus angesehener Familie und politisch aktiv. In seinen Fünfzigern reiste er nach Athen und sprach dort mit dem noch jungen Sokrates. Daraus leiten Forscher eine Geburt um 515 v. Chr. ab. Möglicherweise stand er auch den Pythagoreern nahe, die in Elea zu Hause waren. Sein einziges Werk ist ein Lehrgedicht in archaischen Hexametern, ähnlich dem Stil von Homers Odyssee. David Gallop nennt es in „Parmenides of Elea“ eine literarische Leistung von heroischem Ausmaß. Leider hat es nicht vollständig überlebt, sodass wir mit Bruchstücken arbeiten müssen.

Eine Entführung ins Reich der Wahrheit

Das Gedicht beginnt mit einem Prolog, der wie ein Märchen klingt. Parmenides erzählt, wie ihn die Töchter der Sonne auf einem Wagen abholen, ohne dass er zugestimmt hätte. Sie bringen ihn durch die Tore, an denen sich Tag und Nacht begegnen, in eine fremde Welt außerhalb der Sterblichen. Dort empfängt ihn eine Göttin und beruhigt ihn: Er ist nicht tot, und sein Schicksal ist kein Böses. Er soll etwas Außergewöhnliches erfahren, nämlich die Wahrheit. Die Göttin zeigt ihm zwei Wege, den Weg der Wahrheit und den Weg des Scheins. Der erste bietet die ungeschminkte Wahrheit über das Sein, der zweite die trügerische Ansicht der Sterblichen. Sie zieht dafür keinen Vorhang auf. Stattdessen setzt sie auf Vernunft, die einzige Fähigkeit, die uns Menschen von der übrigen Natur abhebt.

Parmenides Philosophie: Was nicht ist, lässt sich nicht denken

Die Göttin stellt zwei Möglichkeiten vor. Entweder etwas ist und kann nicht nicht sein, oder etwas ist nicht und muss nicht sein. Eine Mitte gibt es nicht, denn etwas kann nicht zugleich sein und nicht sein. Nur der erste Weg führt zur Wahrheit, der zweite endet im Nirgendwo. Dagegen regt sich Widerstand, schließlich lassen sich Einhörner, Mittelerde oder zehn Millionen Euro auf dem Konto sehr wohl denken. Doch die Göttin betont, dass Denken und Sein zusammengehören. Wer denkt, denkt immer an etwas, egal ob Fiktion oder nicht. Ein Gedanke an ein Einhorn ist nicht nichts, sondern eben ein Gedanke an ein Einhorn. Das echte Nichts dagegen entzieht sich uns, wer versucht, es sich vorzustellen, sieht sofort ein schwarzes Bild oder einen leeren Kosmos, und damit behandelt er es bereits als etwas.

Das Meer als Gedankenexperiment

Bis hierhin klingt das harmlos. Doch wenn das Nichts nicht sein kann, hat das gravierende Folgen für alles, was unsere Sinne zeigen. Nehmen wir das Meer als Beispiel. Es entstand über Milliarden Jahre, weil aus dem Inneren der Erde Wasserdampf entwich und später als Regen niederging. Also gab es eine Zeit ohne Meer. Dieses „Nicht“ ist aber verboten, denn Sein kann nicht aus Nichts entstehen. Auch die Vergangenheit stellt ein Problem dar, weil das, was einmal war, jetzt nicht mehr ist. Selbst eine kleine Welle widerspricht der Logik. Sie bringt etwas Neues, nimmt etwas weg und braucht leeren Raum, den sie zurücklässt. Vergangenheit, Zukunft und Leere rufen alle das Nichtseiende auf, am Ende trifft es sogar Grenzen und Definitionen. Wer sagt, das Meer sei salzig, sagt zugleich, es sei nicht süß.

Die Kugel des Seins

Übrig bleibt nach dieser Bereinigung nur eine Möglichkeit: ein ewiges, unteilbares, vollständiges Sein. Es wird nie etwas anderes, es verändert sich nicht und hat keine Teile. Es muss auch grenzenlos sein, denn jede Grenze würde ein Nichtseiendes dahinter voraussetzen. Parmenides verglich es mit einer vollkommenen Kugel, wobei er das Bild nur als Metapher meinte – es steht für das Gleichförmige, Lückenlose und Unveränderliche. Trotzdem stellt sich ein Unbehagen ein. Wenn die Wirklichkeit so aussieht, wie kann dann eine Göttin existieren, die einen Dichter entführt und ihm etwas erklärt? Widerlegt sie sich nicht selbst? Ob Parmenides das wusste, bleibt offen, und die Forschung streitet bis heute darüber.

Warum erzählt die Göttin vom Schein?

Nach dem Weg der Wahrheit folgt der Weg des Scheins, von dem leider nur Bruchstücke erhalten sind. Die Göttin beschreibt darin die Welt, wie Sterbliche sie sehen: mit Gegensätzen wie Nacht und Licht, mit Werden und Vergehen und mit Namen für jede Erscheinung. Für sie ist das falsch, und trotzdem erklärt sie es ausführlich. Die Philosophin Angie Hobbs nennt vier mögliche Deutungen. Erstens wappnet die Göttin Parmenides gegen Gegner, denn wer die Fehler des anderen kennt, argumentiert besser. Zweitens betont sie das Falsche, damit ihr Gast es wirklich versteht. Drittens könnte der Schein eine Schicht innerhalb des einen Seins sein, in der sich Teile bewegen, ohne Nichtseiendes zu bemühen. Viertens hat Parmenides den Selbstwiderspruch mit Absicht gebaut, um zu zeigen, dass die reine Vernunft in eine Sackgasse führt.

Ein offenes Ende mit großem Nachhall

Wenn die Vernunft nichts über die Welt sagt und die Sinne der Logik widersprechen, bleiben beide Wege problematisch. Vielleicht wollte Parmenides genau das zeigen. Hielt er die Wirklichkeit für unerkennbar, oder wollte er uns zum Weiterdenken anspornen? Eine Zeitmaschine nach Elea gibt es leider nicht, und so kann ihn niemand fragen. Fest steht sein Einfluss. Gallop sieht in ihm den ersten erhaltenen Autor, der im heutigen Sinn Philosoph heißt. Seine Nachfolger Zenon und Melissos führten das Denken weiter, die Pluralisten versuchten, Veränderung ohne das Nichtseiende zu retten, und selbst Platon und Aristoteles mussten sich an ihm abarbeiten. Wer sich auf ihn einlässt, hinterfragt am Ende nicht nur seine Sinne, sondern auch die Vernunft.

Parmenides und die Philosophie des Nichts: Warum sich angeblich nie etwas verändert

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