Die Postlagerkarte (back in the days)

Man muss die Post auch wirklich mal loben: als es damals™ noch kein Internet gab (muss man sich mal vorstellen! BTX my ass!), hatte die Post bereits die Idee einer manuellen E-Mail – die sogenannte Postlagerkarte (PLK). Die C64-Generation wird diese Karte noch kennen: man bekam sie anonym, kostenlos und sie war übertragbar. Man konnte sich alles Mögliche an seine Adresse (=PLK 089110, 2300 Kiel 1) schicken lassen und die entsprechende Ware später bei der Hauptpost abholen. Personen mit einer Nuance krimineller Energie können sich bestimmt vorstellen, was jetzt kommt. Können sie sich aber auch sparen, steht ja eh gleich hier.

Genau wie Ihr jetzt habe ich damals auch aus der Wäsche geguckt, nur dass ich wesentlich jünger war und somit noch vier Hektopascal Naivität mehr mitschwungen. Wie konnte sowas für die Post funktionieren? Keine Anmeldung, keine monatlichen Entgelte und auch keine Werbebanner. Nichtmal eine Schwarzweiß-Anzeige „Eisen Horst – wir schleifen Schlüssel und schlüsseln Reifen – 0431/526251“ mit Bild eines beoberlippenbarteten Adipos im Blaumann mit in Hüfthöhe ausgestrecktem Daumen war auf der Rückseite abgebildet. Wenn es sowas wie Postlagerkarten gab – wer brauchte dann noch Postfächer? Egal, ich probierte das mal aus. Die Herausgabe der in rosa gehaltenen Karte des Postbeamten am Schalter war quasi die Bestätigungsmail. Und ich klickte auf den link.

Ich hieß damals MGI (Ihr erinnert Euch) und war Grafiker („Koala-Paint“, anyone?) und Swapper einer hauptsächlich in Holland ansässigen Crew namens „Vision“. Sämtlicher Postverkehr lief über die PLK, 3x die Woche stand ich am Schalter und holte die Päckchen mit den brandneuen, kopierschutzgeknackten Spielen Panini-Fußballsammelbildern aus aller Welt ab. Hansen beobachtete mein Treiben und wollte wie ein Dame-Spieler, der die gegnerische Grundlinie erreicht, noch einen draufsetzen. Er bestellte Sachen. Große Sachen. Doch Pakete lieferte die Hauptpoststelle nicht aus, dazu musste man zum Paketlager in einem anderen Stadtteil, was die Sache nicht einfacher machte. Denn sowohl der OTTO-Versand als auch die Brüder beim Paketlager standen auf Personalisierungen. Kennt Ihr Postbeamte, die einen Schülerausweis als gültige ID akzeptieren? Kommt mal nach Kiel.

Hansen hatte plötzlich neue Poster in seinem Kinderzimmer. Er nahm sogar Sammelbestellungen dieser Posteranbieter aus der Bravo (so Sonnenuntergänge, Skylines und Pferde) aus seiner Schulklasse entgegen. Er hatte einen neuen Ghettoblaster, einen neuen Werkzeugkoffer (sight!) und: neue Cowboystiefel. Mit Ledersohle.

Doch dann kam dieser nasskalte Herbsttag, an dem Hansen seinen Videorekorder bei der Paketstelle abholen wollte. Er fuhr wie immer mit dem Bus vor, schlenderte mit leerem Rucksack den Weg entlang und warfen ihm Laubbäume ihre Blätter vor die Füße, so liess er sie werfen. Dass zwei der zehn vermeintlichen Kunden in dieser Postfiliale Kriminalbeamte waren, merkte Hansen erst, als diese die Verfolgung aufnahmen. Welche recht schnell und aus Sicht der Polizisten erfolgreich beendet werden konnte; waren die Ledersohlen der neuen Cowboystiefel doch für den postfilialösen Marmorboden ein/zwei Feinheiten zu glatt. Mal abgesehen von den Hämatomen war Hansen wenige Monate später auch noch wegen Warenbestellbetruges vorbestraft. Noch im selben Jahr sperrte die Post sämtliche PLKs – und ich meinen C64 in den Keller.

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Kommentare

32 Antworten zu “Die Postlagerkarte (back in the days)”

  1. klip sagt:

    Hansen war also schuld, dass die PLKs abgeschafft wurden. Hätte ich nicht gedacht.
    Woher war denn ihr C64, auch Versandware? ;)

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  2. Ich hatte auch eine PLK.
    Mich attackte die police und drohte mit einer 5,25″ Disketten Beschlagnahmung. Kam ja nie dazu denn ich hatte ja noch meinen VC 20 ( 3 KB memory ) als Ausrede am Start.
    Da war das Ding dann ausgestandet.

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  3. Looka sagt:

    Ich fühle mich jung.

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  4. Aquii sagt:

    Sie und Ihr Umgang ;)

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  5. schneck08 sagt:

    ich fühle mich alt.

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  6. Herr Olsen sagt:

    Ich fühle mich gut.
    In den Ländern wo schon eifrig onlineüberwacht wird geht der Trend übrigens wieder von den Internet-P2P-Dings-Tauschbörsen weg, hin zu den geliebten Swap-Parties. Dank erschwinglicher, mobiler Datenträger im Terabytebereich geht das auch viel schneller als tagelang im Netz den neuesten Blockbuster zu saugen.

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  7. ich fühl mich.

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  8. Gürtel sagt:

    Ach. Schön. Da war die Welt noch in Ordnung in Zeiten von Datasette, C64, DonkyKong, Competition Pro, „Run“,8,1

    hier mal für Zwischendurch:
    http://www.c64s.com

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  9. Mone sagt:

    Cowboystiefel? Die waren doch nicht mal in den 90ern modern, oder? ;)

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  10. @mone: ich trag meine sendras noch heute. an fasching ;)

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  11. kleiner.mops sagt:

    Ich dachte, Cowboystiefel mit glatter Ledersohle seien in den 90ern ausgestorben, so wie die PLK’s.

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  12. Herr W., Sie haben das also vermasselt und ich hab mich schon wie sowas sein kann. Na danke!

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  13. chilldogg sagt:

    Ich fühle mich um einen Teil der Jugend betrogen.

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  14. danimateur sagt:

    sie haben also alles angeleiert und hansen, selbstmutig, am ende wieder der buhmann?

    eben telefonisch mal in kiel nen termin beim schlüsselschleifer gemacht.

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  15. setann sagt:

    zu der zeit hab ich mit zigeunern in spanien hinkelstein mit messer statt steinchen gespielt und so mein taschengeld aufgebessert…schön, dass ich diesen trend auch verpasst hab…“postlagerkarte“…pff

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  16. die_schottin sagt:

    PLK? Noch nie gehört.
    Entweder bin ich zu jung (obwohl ich auch nen C64 hatte – inkl.Leisure Suite Larry!!!) oder mir fehlte es schlichtweg an krimineller Energie …

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  17. Michi sagt:

    Eigentlich wären Sie und ihre Freunde eine Bereicherung für die Kieler Kollegen. Wenn Sie nicht so schwierig wären.

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  18. Stoeps sagt:

    Cowboystiefel und Adidas Roma, meine einzige Fussbekleidung damals in den eighties (in den 90ern wurde man dann für das Tragen von Cowboystiefeln standrechtlich erschossen!) gute alte Zeit ;-)

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  19. Herr Schmidt sagt:

    Wovon reden Sie da bitte, Herr Winkelsen?!? War das noch bevor der Alliierte Kontrollrat als höchste Regierungsgewalt eingesetzt wurde?!? ^^

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  20. Die Muräne sagt:

    Das waren noch Zeiten – als man für so ein klein bisschen Betrug schon bestraft wurde! Rabenschwarzes Mittelalter!!! Was hat man damals eigentlich mit Politikern und Bankern gemacht?!

    Kann mich leider kaum mehr erinnern. Sie wissen ja… das heilige Futtermittel…

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  21. Scholli sagt:

    Ich kann das gar nicht glauben, Herr Winkel. Marmor in einer Paketstelle…

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  22. B!64ER sagt:

    Habs gewusst Herr Winkel, Sie sind viieeel älter als Sie aussehen … Na Hauptsache sie fühlen sich nicht so;-)
    Auf meinem Pausenhof besorgte die Dis äh Panini-Bildchen Mr. X . Jeden Monat gabs Nachschub und jeder sollte nur den Bezieher davor und danach kennen … tja solche konspirativ mafiösen Strukturen konnten Mr. X auch nicht retten (selbst Unbeteiligte wussten, dass es „die Kette“ gab …). Jahre später ist er wegen gewerbsmäßiger Raubkopiendistribution in monströsem Ausmaß in den Jugendknast eingefahren. Wie zu hören war, fielen seine Altvorderen aus allen Wolken … nicht nur über das Heimkino mit der umfangreichen ü18-Kollektion.

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  23. Paule! sagt:

    PLK? Da werden (längst verjährte!) Erinnerungen wach! C64 und Amiga… was hatten wir damals für eine schöne Zeit!!! :-) Danke, für diesen kleinen Reminder!!!

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  24. Osiris sagt:

    Damals war alles gut – schöne Story! Ich hab mich auch gerade vorgestern an die alte C64 Zeit zurück-erinnert. Mann, das war schon ne lustige Zeit! ;)

    Wenn es jemanden interessiert… hier nachzulesen:
    http://www.6euro66.de/apboard/useraction.php?action=direct_goto_post&postid=59885&BoardID=3

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  25. Die DiVa sagt:

    Könnten Sie mir, werter Herr Winkel, dass mit den den PLKs nochmal erklären, bitte.

    Herzlichst und auf dem Postweg

    Ihre DiVa

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  26. du liebe güte. ich kenne so was gar nicht. ich verstehe nur bahnhof. war spätzünderin. kein c64, kein plk, nada. aber dennoch: der arme hansen. gott sei dank sind cowboystiefel wieder „vintage“. hat er die noch?

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  27. Pleitegeiger sagt:

    Öhm… worum geht’s? PLK? Damit bezeichnet man da, wo ich meine Kindheit verbrachte, ein „Psychiatrisches Landeskrankenhaus“. Für Postlagerkartenbetrügereien und C64 bin ich wohl schlicht zu jung.
    Immerhin: An diese Poster mit Sonnenuntergängen (Airbrush!!) kann ich mich erinnern. Aber Gott sei Dank hatte ich sowas nicht.

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  28. schaezle sagt:

    Vergiss nicht die VHS von der indizierten Liste…

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  29. CRen sagt:

    Hätte nicht gedacht, dass Du so viele Jahre älter bist als ich… ;)

    @Pleitegeier: Die Poster gibt’s noch bei Möbel Boss! ;)

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  30. Jens sagt:

    Klingt nach Märchen diese ganze PLK Sache.
    Zu einfach, zu naiv irgendwie…

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  31. Connie sagt:

    Habe mit der PostLagerKarte früher so manchen Spass veranstaltet.
    Zum Beispiel eine gnadenlose Verführungsaktion:

    – PLK besorgt
    – Brief mit Zuneigungsgeständnis an diese PLK geschrieben
    – dann einen Taxifahrer dafür bezahlt, daß er die PLK meinem Angehimmelten geheimnisvoll übergibt und ihn auffordert, diese auch zu benutzen
    – und der Angehimmelte holte sich dann mit der PLK den Brief mit dem Zuneigungsgeständnis ab… und kam zum vorgeschlagenen Rendezvous..

    naja, es kam dann zu einer kurzen Affaire ;=)
    ebenso wie die obige Auflistung eine Kurzfassung ist

    damals hatte frau eben noch Phantasie…

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  32. PomTom sagt:

    Auch ich hatte Ende der 80er eine PLK. Trotzdem – eines Tages, während ich in der Schule hockte, stand die Obrigkeit mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Haustür, sehr zur Freude meiner schockierten Mama.

    Die Durchsuchung war wohl harmlos, man hat einfach all die 5,25″-Diskettenboxen mitgenommen, die man sofort in meinem Zimmer gefunden hatte. Die einzige Diskette, die man mir ließ, war die, die im sündhaft teuren 1541-Diskettenlaufwerk eingelegt war – die wurde doch glatt übersehen.

    Das Verfahren wurde kurze Zeit später ob meines jugendlichen Alters eingestellt und die Disketten habe ich sogar zurückbekommen. Allerdings waren sie brutal mit einem Elektromagneten gelöscht worden. Seufz.

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