SAULT veröffentlicht neues Album „Chapter One“: Spirituelle Mantras für eine erschöpfte Welt

Seit Jahren sind SAULT das große Mysterium der britischen Musikszene. Keine Interviews, keine Pressefotos, keine Gesichter. Nur die Musik – roh, ehrlich, gemeinschaftlich. Hinter der anonymen Fassade steht Produzent Inflo, umgeben von wechselnden Mitwirkenden wie Cleo Sol oder Melissa Young. Das Kollektiv versteht seine Kunst als gemeinsames Gut, nicht als Werkzeug der Selbstdarstellung. Chapter One, das neue Album von SAULT, führt diese Philosophie konsequent fort – und gleichzeitig auf eine neue, fast intime Ebene.
Klang als Gebet
Das Album eröffnet mit einem Gebet: „God, Protect Me from My Enemies“. Cleo Sols Stimme fleht, wiederholt, betet – bis Worte zu Rhythmus werden. Dieser Übergang von Sprache zu Struktur ist SAULTs ureigenes Stilmittel. Schon früh in ihrer Diskografie bauten sie Songs aus wiederholten Phrasen, Affirmationen, Beschwörungen. Auf Chapter One wird diese Idee radikalisiert: Der Gesang wird Teil einer liturgischen Bewegung, einer kollektiven Beteuerung.
Die Instrumentierung bleibt schlicht. Piano, Schlagzeug, Bass, hier und da eine Orgel oder Streicherfläche – nie dominierend, stets dienend. Es entsteht die Atmosphäre eines modernen Gospelraums, in dem Spiritualität nicht in Pathos, sondern in Wiederholung wohnt.
Die Macht der Wiederholung
Oberflächlich betrachtet könnte man SAULTs neue Songs als monoton empfinden. „Don’t Worry About What You Can’t Control“ wiederholt seinen Titel achtmal, „Love Does Not Equal Pain“ vielleicht fünfzehnmal. Doch die Wiederholung ist hier kein Mangel an Ideen – sie ist Idee. Zwischen den Phrasen entsteht Raum: für Atem, Zweifel, Reflexion.
„Love Does Not Equal Pain“, einer der zentralen Tracks, zerlegt den selbstkorrigierenden Gedanken, dass Liebe Leiden bedeuten müsse. In kleinen Abwandlungen – mal „They hate what’s in your brain“, mal „They’re jealous of what’s in your brain“ – verschiebt sich die Bedeutung. Hass und Neid verschmelzen, bis man als HörerIn nicht mehr unterscheiden kann, wo die Emotion endet und der Schutz beginnt. Musik wird hier zu Selbstgespräch, zu Therapie.
Wut, Stolz und Transformation
Das rhythmisch dichteste Stück des Albums, „Puppet“, verleiht der spirituellen Ruhe eine rebellische Energie. Melissa Young singt: „I’m not a puppet, I like to do it how I like it“ – trotzig, frei, empowered. Der Song kippt von Anklage zu Triumph, von „You’re bleeding me“ zu „I really done it“. Am Ende, nach aller Kraft, kommt ein stiller Moment: „You were special before you could talk.“ Es ist die zarteste Zeile des Albums – ein Rückzug zur Menschlichkeit, nach all der Selbstbehauptung.
Ähnlich doppeldeutig wirkt „Chapter One“, der Titelsong. Zwischen Selbstbehauptung und Müdigkeit, zwischen Spott und Selbstschutz, klingt Cleo Sols Stimme wie jemand, der gelernt hat, sich zu verteidigen, ohne zu verhärten. „Living in your head ‚cause the rent is cheap“ – eine Zeile, halb Schlagabtausch, halb Diagnose.
Das Private als Ort des Göttlichen
Chapter One ist kein Album für Clubs oder Playlists. Es ist Musik für Momente im Alleinsein – beim Autofahren, beim Spazieren, im Bett vor einem schweren Tag. Die Arrangements bleiben fließend, die Stimmen klar im Zentrum. SAULTs Lieder sind spirituelle Werkzeuge: Mantras für eine erschöpfte Welt.
Wenn Cleo Sol am Ende „You’re free, free forever“ singt, klingt es nicht wie Trost, sondern wie Tatsache. SAULT (Spotify) beanspruchen keine Authentizität – sie erschaffen Räume, in denen Menschen sie selbst finden können. Chapter One setzt diesen Weg fort: leise, unbeirrbar, heilig in seiner Schlichtheit.


