October London – „Midnight In Houston“ // Der Sound der Nacht

October London Midnight In Houston

Das Duo The Colleagues bewahrt seit fast zehn Jahren eine Kunstform, die im modernen R&B fast ausgestorben ist. Sie bringen Sänger und Produzenten-Teams für ganzheitliche Projekte zusammen. Nach der erfolgreichen Arbeit mit Raheem DeVaughn konzentrieren sie sich nun voll auf October London, zusammen mit Co-Produzent Jay Diggs entstand so das neue Werk „Midnight In Houston“. October London löst sich hier spürbar von seinem Image als reiner Marvin-Gaye-Imitator. Das Album führt uns direkt in die schummrigen Casinos und Schlafzimmer einer nächtlichen Metropole.

October London x Midnight In Houston – Zwischen Spielsucht und glitzerndem Hochmut

Die stärksten Momente findet das Album dort, wo es um das Risiko geht. In „Penny Slots“ beobachtet London distanziert und fast verächtlich das Treiben an den Automaten. Er beschreibt die Spieler als Vögel ohne Flügel, die im Neonlicht gefangen sind. Doch diese moralische Überlegenheit hält nicht lange an. Schon im nächsten Track „Feeling Lucky“ schlägt die Stimmung komplett um. Hier berichtet London über seinen Erfolg am Roulette-Tisch und prahlt mit Jachten und teurem Schmuck. Besonders ehrlich wirkt dabei die Beichte, dass er nicht einmal mehr mit seinem Sohn spielt – sein Hass auf das Verlieren ist einfach zu groß.

Gebete am Abgrund des Kartentisches

Mit „Gambling Man“ kollabiert das großspurige Gehabe schließlich vollends. Der Song atmet die verzweifelte Atmosphäre einer langen Nacht aus Whiskey und falschen Hoffnungen. Man spürt förmlich den Teppichboden des Casinos unter den Füßen, während London um den nächsten Gewinn fleht. Die Texte beschreiben präzise den Teufelskreis aus Einsatz, Verlust und der Lüge über das letzte Mal. Dieser dreiteilige Zyklus über das Glücksspiel bildet das emotionale Rückgrat des Albums. Es ist die stärkste Sequenz auf der gesamten Platte, da sie echte menschliche Abgründe offenbart.

October London x Midnight In Houston – Sanfte Töne und gefährliche Begierden

Abseits der Spieltische regiert auf Midnight In Houston das Verlangen ohne großes Risiko. Songs wie „I Need Your Love“ bedienen klassische Slow-Jam-Muster mit Weed, Wein und Kerzenschein. London inszeniert sich hier als der Partner, der endlich alles besser macht. Etwas spannender wird es bei „Nose Wide Open“, wo die Sprache der Sucht in die Romantik überschwappt. Das Zittern und Verlangen nach einer Person wird hier fast wie eine körperliche Abhängigkeit beschrieben. Dennoch bleiben diese Passagen im Vergleich zu den Spielersongs etwas konventioneller in ihrer Struktur.

Einbruch der Realität am Ende der Nacht

Gegen Ende bricht das Album aus den intimen Räumen aus. Während „Don’t Stop Me“ noch eine lupenreine achtziger Jahre Party feiert, schockiert der finale Track. In „What Is Happening“ thematisiert London plötzlich soziale Missstände wie kaputte Gesundheitssysteme und die Not von Veteranen. Dieser abrupte Wechsel von Luxusproblemen zu harter Sozialkritik wirkt fast desorientierend und es bleibt die Frage offen, ob dieser Exkurs organisch in das Konzept passt. Dennoch zeigt er eine neue Facette eines Künstlers, der endgültig seine eigene Stimme gefunden hat.

DJ DMG & October London – „Midnight In Houston“ // Spotify:

DJ DMG & October London – „Midnight In Houston“ // apple Music:

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