Moonchild dropt neues Album „Waves“: Die Kunst des Loslassens und des Nein-Sagens

Ein frischer Wind weht durch die Welt des Neo-Soul: Moonchild sind zurück. Mit ihrem sechsten Studioalbum „Waves“ lassen Amber Navran, Max Bryk und Andris Mattson die rosarote Brille ihrer bisherigen Diskografie im Etui. Wo früher verträumte Liebeslieder den Ton angaben, regieren heute klare Grenzen, unterdrückter Schmerz und eine Schonungslosigkeit, die man dem Trio so kaum zugetraut hätte.
Moonchild x Waves – Reifeprozess nach der Grammy-Nominierung
Fast vier Jahre sind seit „Starfruit“ vergangen, jenem Meilenstein, der Moonchild eine Grammy-Nominierung und eine Riege hochkarätiger Feature-Gäste einbrachte. Während „Starfruit“ noch während des Lockdowns entstand und trotz der vielen Kollaborationen das musikalische Zentrum der Band kaum verschob, markiert „Waves“ einen scharfen inhaltlichen Bruch.
Amber Navran gab offen zu, dass dieses Projekt aus einer Phase persönlicher Abrechnung entstand. Die klassischen Love-Songs sind fast vollständig verschwunden. Stattdessen geht es um das Kappen von Verbindungen, das Überleben von Verletzungen und die brutale Wahrheit, die man sich oft selbst nicht eingestehen will.
Klare Kante und prominente Unterstützung
Der Opener „Not Sorry“ setzt sofort ein Zeichen. Navran listet präzise auf, was sie nicht mehr sein will: keine Problemlöserin, keine Ersatzmutter, keine Quelle für das Glück anderer. Der Refrain wirkt wie eine scharfe Klinge, die ungesunde Verhaltensmuster abschneidet.
Besonders spannend ist der Beitrag von Rapsody, die in die Rolle der Gegenseite schlüpft. Mit einer Mischung aus Unverständnis und Anspruchsdenken spiegelt sie das toxische Verhalten wider, bevor sie zur Selbsterkenntnis findet. Auch Jill Scott setzt einen humoristischen, aber deutlichen Akzent als fiktive Telefonistin, die Ratsuchende direkt an deren Mütter weiterleitet.
Schmerz als treuer Begleiter
Viele „Self-Care“-Alben neigen dazu, Heilung als linearen Prozess darzustellen. Moonchild verweigern sich diesem Klischee. In „Ride the Wave“ gibt Navran unumwunden zu: „Es tut weh und es wird für den Rest meines Lebens weh tun.“ Diese Akzeptanz von permanentem, mal leisem, mal lautem Schmerz zieht sich durch das gesamte Werk.
In „Strong“ widmet sich die Band dem generationenübergreifenden Leid. Gemeinsam mit Erin Bentlage besingt Navran das Herumschleichen um jahrelang verschwiegenen Schmerz innerhalb der Familie. Hier wird nicht nach Trost gesucht, sondern nach jemandem, der bereit ist, gemeinsam zu weinen und die Traurigkeit auszuhalten.
Moonchild x Waves – Die Abrechnung mit sich selbst
Der Fokus richtet sich auf „Sick“ auch nach innen. Unterstützt durch die Produktion von Chris Dave und Robert Glasper, rechnet Navran mit ihren eigenen Lebenslügen ab. Es ist eine der souligsten und gleichzeitig unbequemsten Passagen des Albums.
In der Single „For Yourself“ wird das Thema „Boy Math“ aufgegriffen – ein direkter Seitenhieb auf unausgewogene Beziehungen. Lalah Hathaway verstärkt diese Botschaft und fordert dazu auf, den eigenen Umhang abzustauben und für sich selbst zu kämpfen. Es ist Empowerment ohne Metaphern-Kitsch.
Urbane Realität und Coping-Mechanismen
D Smoke bringt in „Up from Here“ eine neue Textur in das Album. Während Navran oft im Emotionalen bleibt, liefert Smoke konkrete Details: Tränen auf Zement, eine eingeschlagene Scheibe in Oakland. Sein pragmatisches Fazit, Schmerz und Wut als Treibstoff zu nutzen, bildet einen interessanten Kontrast zur restlichen Melancholie.
Den Abschluss bildet „Afterglow“, eine sanfte Hommage an eine verlorene Person, die dennoch überall präsent bleibt. „Waves“ ist kein einfaches Album für zwischendurch, sondern eine tiefgreifende Untersuchung dessen, was passiert, wenn man aufhört, für andere klein zu bleiben.


