Baby Keem veröffentlicht „Ca$ino“ // Das riskante Spiel mit der Wahrheit

Baby Keem Ca$ino

Es hat sich angefühlt wie eine Ewigkeit. Knapp fünf Jahre nach seinem Durchbruch mit The Melodic Blue ist Baby Keem – das Wunderkind aus dem Hause pgLang und Cousin von Kendrick Lamar – endlich bereit, die Maske fallen zu lassen. Mit seinem neuen Album Ca$ino begibt er sich auf eine semi-autobiografische Reise, die uns tiefer in seine Welt führen soll als je zuvor. Doch während die Storytelling-Ansätze glänzen, bleibt der musikalische Funke diesmal überraschend oft auf der Strecke.

Baby Keem x Ca$ino – Vom Schattenmann zum Geschichtenerzähler

Bisher kannten wir Keem vor allem als das energetische Phantom. Er war der anonyme Arbeiter im TDE-Bienenstock, der exzentrische Sidekick, der Kendrick Lamar zu seinen freakigsten Verses trieb, und der Ästhet mit den stylischen Musikvideos von Shia LaBeouf. Persönliche Details gab er nur häppchenweise preis. „Eines Tages erzähle ich euch, wie unglücklich mein Leben war“, rappte er einst auf The Melodic Blue. Dieser Tag ist nun gekommen, doch die Umsetzung fühlt sich eher wie ein vorsichtiges Tasten als wie ein Befreiungsschlag an.

Die Geister von Las Vegas und Long Beach

Der Titel Ca$ino ist doppeldeutig gewählt: Er referenziert die Spielsucht seiner Mutter und das metaphorische Glücksspiel, das man eingeht, wenn man auf sich selbst setzt. Begleitet von einer dreiteiligen Mini-Doku erfahren wir in den Texten von einer harten Kindheit zwischen Long Beach und Las Vegas. Keem rappt über Verwandte im Gefängnis, über seine Mutter, die in einem Zelt lebte, während sein erstes Mixtape durch die Decke ging, und über die düsteren Seiten der Wüstenstadt. Es ist eine Welt voller Onkel, die mit Sexarbeiterinnen durch die Straßen ziehen, und Menschen, die sich nach Verlusten am Spielautomaten vom Balkon stürzen.


Baby Keem x Ca$ino – Wenn die Stimme an Energie verliert

Das größte Problem des Albums liegt jedoch in der Performance. Keems Markenzeichen war immer sein fast schon wahnsinniges „Gequäke“ – ein energetischer Schrei, der über Cardos Produktionen peitschte. Auf Ca$ino wirkt diese Stimme seltsam entleert. In den bodenständigen Momenten wie dem Opener „No Security“ funktioniert das zwar, aber auf Tracks wie dem Titeltrack oder „I am not a Lyricist“ wirkt er fast schon gelangweilt. Er versucht sich an Andre 3000-Vibes und Kendrick-Staccato, verfehlt das Ziel aber meistens knapp.

Ein tonal zerrissenes Experiment

Musikalisch schwankt das Album zwischen düsterem Storytelling und dem Versuch, Pop-Star-Aura zu versprühen. Während die ehrlichen Momente über seinen verstorbenen Onkel Andre oder die Flucht aus Long Beach (auf „Highway 95 pt.2“) eine beklemmende Tiefe besitzen, wirken die Ausflüge in den Pastel-Pop („Dramatic Girl“) oder den Hyphy-Sound mit Too $hort eher deplatziert. Selbst die Chemie mit Kendrick Lamar auf „Good Flirts“ wirkt diesmal seltsam schläfrig – weit entfernt von der elektrisierenden Energie ihrer früheren Kollabos.

Fazit: Mutige Beichte, schwache Umsetzung

Am Ende bleibt ein gemischtes Gefühl. Ca$ino zeigt einen reiferen Baby Keem, der bereit ist, über Traumata zu sprechen. Doch die klangliche Frische, die ihn einst zum spannendsten Newcomer machte, fehlt hier fast völlig. Die Beats wirken oft wie lauwarme Aufgüsse alter Erfolge und Keem selbst scheint zwischen seinen Ambitionen als Rap-Auteur und Pop-Phänomen gefangen zu sein. Es ist ein ehrliches Album, aber leider kein besonders packendes.

Baby Keem – „Ca$ino“ // Spotify:

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